Chorgesang als Wurzel der Demokratie

Die beiden Chöre des Sängerbund Vockenhausen traten beim Festakt am Freitag und beim Tag des Liedes am Sonntag gemeinsam auf.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Die beiden Chöre des Sängerbund Vockenhausen traten beim Festakt am Freitag und beim Tag des Liedes am Sonntag gemeinsam auf.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Zu den Jubiläen „175 Jahre Männerchor und 50 Jahre Frauenchor“ lud der Gesangverein Sängerbund 1851 Vockenhausen am Freitag im Eppsteiner Bürgerhaus zu einem Festakt für geladene Gäste aus Politik und Vereinsleben ein. Diese erwartete ein Saal mit sorgfältig eingedeckten langen Tafeln.

Lavendelfarben leuchteten darauf Servietten und Blumenschmuck. Weingläser, in denen ein LED-Teelicht flackerte, trugen einen violetten Papierlampenschirm, der mit Notenschlüsseln und dem Vereinslogo verziert war. Sängerin Annelie Wohlfahrt hatte alles in wochenlanger Arbeit vorbereitet und farblich aufeinander abgestimmt. Viel Liebe zum Detail sprach aus der dekorativen Vorbereitung für diesen besonderen Anlass.

Durch das Programm führte eloquent, humorvoll und authentisch Susanne Schneider. Am Konzertflügel nahm Pianistin Tomoko Ichinose Platz, Chorleiter Konstantin Karklisiyski dirigierte. Der Männerchor eröffnete mit „Abendfrieden“, „Yellow Submarine“ und „Ihr von morgen“. Die Liedtitel setzten Akzente auf Begriffe, die mit Chorgesang verbunden werden: Freundschaft, Spaß und neue Wege. Beim Welthit der „Beatles“ über ein quietschgelbes Unterseeboot animierte Konstantin Karklisiyski die Gäste zum Mitklatschen.

Landrat Michael Cyriax kam als Schirmherr des Jubiläums und dankte beiden Chören: „Sie tragen mit Ihrer Verbundenheit, dem gemeinsamen Musizieren dazu bei, diesen Ort als Heimat zu bezeichnen.“ Er betrachte Vockenhausen als „vielstimmigen Ort und Chorsatz mit tiefen und hohen Lagen“.

Die Musikschule gratulierte gleichfalls und hatte Bernd Winter (Klavier), Giyeon Hong-Nellen (Cello) und Christopher Hardt (Violine) delegiert. Das Trio transportierte neben Virtuosität wichtige Werte, ohne die nicht nur die Orchestermusik, sondern auch jeder Chor verloren ist: Hingabe, Kollegialität und Konzentration. Die Anwesenheit von Vertretern der Musikschule zeigte, wie wichtig gegenseitiger Respekt und künstlerische Vernetzung im Vereinsleben sind.

Nun trat Roland Häuber, Erster Vorsitzende des Sängerbundes, ans Rednerpult: „Die Entwicklung des Gesangwesens ist eng mit dem Kampf um Demokratie verbunden. Was nicht gesagt werden durfte, wurde gesungen“, erinnerte er an die Gründung des Chors 1851, nur wenige Jahre nach der Revolution 1848/49. Häuber bedankte sich bei Chorleiter Konstantin Karklisiyski für seine konstruktive und ehrliche Zusammenarbeit.

Der hessische Minister für Justiz und Rechtsstaat Christian Heinz überreichte Häuber stellvertretend für den Sängerbund die Silberne Ehrenplakette des Landes Hessen. „Das Sprichwort besagt, böse Menschen kennen keine Lieder, somit müsste das Bürgerhaus Eppstein heute eines der friedvollsten Gebäude der Region sein“, legte Heinz dar. Der Minister betonte den positiven Aspekt des Singens für Herzfrequenz, Psyche und das menschliche Miteinander. Auch Bürgermeister Alexander Simon drückte dem Sängerbund seine Verbundenheit aus: „Lassen Sie uns dieses Doppeljubiläum feiern. Wettbewerbe, Konzerte, Aufbrüche, Weltkriege, die Corona-Pandemie sind Teil der Vereinsgeschichte. Doch immer wieder fanden sich Sangesfreudige mit Engagement und Verlässlichkeit zusammen.“ Ortsvorsteherin Kristine Zabel gratulierte dem Sängerbund, bevor der Frauenchor die Bühne betrat.

Lyrisch und facettenreich starteten die Sängerinnen mit einem „Ade zur guten Nacht“, ließen musikalisch die „Moldau“ in die Sommerhitze des Saales sprudeln und beendeten ihren Gesangsreigen mit dem „Ersten Laut“.

„Höre ich immer wieder, das Vereinswesen sei verstaubt? Wir sollten stolz darauf sein. Die Vereine sind Kulturgut, das es zu bewahren gilt. Die Idee, einen Verein zu haben, kann uns keine künstliche Intelligenz bieten, gebt diese Motivation weiter“, richtete Uwe Strahlendorf als Vorsitzender des Vereinsrings seine Worte an die Zuhörerschaft.

Der Ehrenpräsident des Hessischen Sängerbundes und Vizepräsident des Deutschen Chorverbandes Claus-Peter Blaschke stellte in seiner Laudatio humorvoll fest: „Wenn Männer auf die Bühne gehen, dauert es etwas länger. Frauen halten links ihre Handtasche und rechts die Partitur. Das geschieht mit voller Motivation und Disziplin.“ Um den geselligen Aspekt des Chorsingens zu demonstrieren, gestand er, zwar rhetorisch stilsicher, aber völlig talentfrei am Wurstgrill zu sein. Prompt wurde Blaschke vom Verein zum Sommergrillfest eingeladen. Hans-Joachim Schmidt, Kreisvorsitzender des Sängerkreises Main Taunus, schloss sich seinem Vorredner mit besten Glückwünschen an.

Klaus-Dieter Höhn (Sängerkreis Main-Taunus), Frank Förster, erster Kassierer des Sängerbund, und Vorsitzender Roland Häuber blickten bei den Ehrungen der aktiven Sängerinnen und Sänger sowie der passiven Mitglieder auf persönliche Momente innerhalb des Vereinslebens zurück. So empfingen Sabine Kammer und Gerda Menke eine Urkunde für 50-jährige Tätigkeit im Chor, Roland Häuber freute sich über stehende Ovationen und eine Urkunde für 50 Jahre Sängerbund. Für 40 Chorjahre wurde Ulrich Brochner gewürdigt, Andrea Henrich und Erika Zickwert für 25 Jahre.

Als emotionaler Höhepunkt des Abends gestaltete sich der Auftritt des gemischten Chores. Unter der Leitung von Konstantin Karklisiyski vervielfachte sich die Intensität der Stimmgruppen. Sie appellierten leidenschaftlich mit Beethovens „Ode an die Freude“ daran, dass alle Zauber, die gespalten sind, wieder zueinander finden können. Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus. Irgendwo im Raum rief jemand: „Wow“. Manchmal reichen drei Buchstaben aus, um die Quintessenz eines gelungenen und würdigen Festakts zu beschreiben.

Links von der Bühne hing die blauseidene Fahne des Sängerbundes von 1911 mit den Attributen des Chorgesangs. Dargestellt und von Blumen umkränzt sind die wichtigsten: Musikinstrumente, Notenpapier, Stimmgabel. Sie umrahmen die antike Lyra, getragen von einem Schwan. Der heilige Vogel des Apollon symbolisiert Selbstentfaltung, Treue und Wandel – Attribute, die den Chören bis heute wichtig sind.

Viele Wortbeiträge machten die Tradition zum Thema. Claus-Peter Blaschke dachte an die Zukunft: „Ob der Sänger-Nachwuchs noch in die Schule geht oder bereits in die Rente, ist egal, alle sind willkommen.“ Wer sich seine Worte zu Herzen nimmt und beim Sängerbund hineinschnuppern möchte, ist willkommen. Frauen singen montags, Männer donnerstags, jeweils von 18 bis 19.30 Uhr im Vereinsraum Rathaus I in Vockenhausen.uki

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