Stadtwache gibt die Schlüsselgewalt ab

Bürgermeister Alexander Simon (Mitte) ruft als Schultheiß die Stadtwache (re.) zum letzten Appell auf den Burghof. Auch die Eppsteiner Rotte (li.) nimmt Aufstellung.Foto: Walter Adler/adler-photoart.de / Weitere Fotos unter www.eppsteiner-zeitung.de

Bürgermeister Alexander Simon (Mitte) ruft als Schultheiß die Stadtwache (re.) zum letzten Appell auf den Burghof. Auch die Eppsteiner Rotte (li.) nimmt Aufstellung.Foto: Walter Adler/adler-photoart.de / Weitere Fotos unter www.eppsteiner-zeitung.de

Zum traditionellen Termin des früheren Prangerfestes an Christi Himmelfahrt, erteilte Bürgermeister „Schultheiß“ Alexander Simon den letzten Generalappell an die Eppsteiner Stadtwache.

Der Himmel weinte sturzbachartig und auch die Recken der Stadtwache selbst kämpften mit den Tränen, als sie mit Ehrungen und drei donnernden Salutschüssen in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet wurden.

Fast 60 Jahre, von November 1967 bis Mai 2026, haben sie ihrer geliebten Burgstadt gedient. 1967, anlässlich der 650-Jahr-Feier der Stadt Eppstein, hatten die fünf Gründungsmitglieder Heinz Oppermann, Winfried Braune, Wolfgang und Herbert Frank sowie Karl Fischer die Stadtwache ins Leben gerufen. Diese beeindruckenden Persönlichkeiten sind fest im Gedächtnis der älteren Eppsteiner verankert, auch wenn aus diesem Kreis nur noch der 85-jährige Herbert Frank unter den Lebenden weilt.

Es folgte eine glanzvolle Zeit. Die Wache bewirtete beim Neujahrsempfang, richtete das Prangerfest aus und repräsentierte die Stadt bei Feierlichkeiten. Rund 40 Mal warb die farbenfrohe Truppe beim Hessentag für ihr geliebtes Burgstädtchen im Taunus. „1968, beim ersten Hessentag, hatten wir noch geliehene Kostüme an, unsere eigene Uniform bekamen wir erst später“, erinnerte sich Herbert Frank. Stolz trug die Stadtwache ihre dekorativen Degen während der Umzüge, bis ihnen dies, als Folge einer immer verrückter werdenden Welt mit Attentaten verboten wurde. Doch „wehrlos“ wollte die Wache nicht teilnehmen.

Die wetterbedingt wenigen Besucher dachten wehmütig darüber nach, dass eine glanzvolle Ära zu Ende ging. Es war die eigene Entscheidung der Stadtwache, jetzt den aktiven Dienst zu beenden. Die Pandemie hatte ihr den „Todesstoß“ versetzt. Schon zuvor war der Nachwuchs ausgeblieben, die immer älter werdende Mannschaft hatte aber tapfer durchgehalten und auf der Burg segensreich gewerkelt. Doch von den Einschränkungen während Corona konnte sie sich nicht mehr erholen. „Wir durften in der Zeit nicht auf die Burg, deshalb konnten wir uns nicht um unser Domizil, den Mainzer Keller, kümmern“, beklagte Hauptmann Klaus Wilke. Altes Gemäuer braucht aber Pflege. Der im Keller aufgestellte Lüfter fiel unbemerkt aus und wegen der nun feucht gebliebenen Luft breitete sich der Schimmel aus und zerstörte, zunächst unentdeckt, die gesamte Einrichtung ihrer Vereinsheimat.

Als die Stadtwache vor vielen Jahren den Mainzer Keller übernahm, war er in erbarmungswürdigem Zustand. Die Decke war lediglich abgesprießt und die Wände hatte die Stadt verputzen lassen. In Eigenleistung verwandelten die vielen Handwerker in der Stadtwache mit ihrem jeweiligen Wissen und Können gemeinsam mit den Vereinskollegen den Mainzer Keller in einen stimmungsvollen, gemütlichen Raum, in dem jahrelang auch die Kabarettveranstaltungen der Burgfestspiele ihren perfekten Rahmen fanden. Herbert Frank und Winfried Mohr beispielsweise waren gelernte Schlosser, Rene Mohrs Schreiner und Klaus Wilke Elektriker.

Nicht nur der Mainzer Keller, sondern auch das große Eingangstor zum Burghof, das kleine Törchen, das den Zugang zum Apfelweinkeller verschließt, Fenster für den Bergfried und in vielen kleinen Schritten auch die damalige Burgbeleuchtung entstanden unter ihren geschickten Händen.

Wilke erinnert sich noch gut daran, wie er 1962 den Graben buddelte, um die erste Fußwegbeleuchtung zu installieren. Nach und nach wurde die Burg auf seine Initiative hin mit romantisch leuchtenden Natron-Dampf-Lampen ausgerüstet. Die Burgbeleuchtung war Wilke immer eine Herzensangelegenheit. Die Stadtwache entzündete auch jedes Jahr als Höhepunkt des Weihnachtsmarktes die bengalische Beleuchtung der Burg. Viele Jahre war Wilke der Hauptmann der Truppe. Sein Nachfolger Bernd Mielich überließ ihm am Tag der Verabschiedung am Donnerstag noch einmal die Führung.

Insgesamt dürfen die Recken voller Stolz auf ihre Leistungen für die Stadt und die Burg zurückblicken. Neben ihrem handwerklichen und repräsentativen Engagement spendeten sie die Einnahmen ihrer Prangerfeste für soziale Projekte. Zwar ist die Stadtwache nun aus dem Stadtbild verschwunden, doch die Faszination für die Burg hat bereits andere Herzen erobert. Schutzlos bleibt die Burg nicht. Als der Regen aufhörte und die Sonne wieder hervorkam, begleiteten die Wehrknechte der Eppsteiner Rotte die abgelöste Stadtwache mit kräftigen Schlägen auf ihre Schilde ehrenvoll zur Bühne.

Der Mainzer Keller geht in die Obhut des Burgvereins über. Er wird denkmalschutzgerecht und nach neusten Brandschutzregeln wieder in Stand gesetzt. Vereinsvorsitzender Ramon Olivella übernahm feierlich den großen Schlüsselbund von Hauptmann Klaus Wilke. „Schultheiß“ Alexander Simon ehrte zusammen mit Erster Stadträtin Andrea Sehr die gesamte Stadtwache und übergab die Ehrenurkunden an Marketenderin Sabine Prösamer, Oberfähnrich Tobias Adner, Stabsfähnrich Klaus Becker, Stabsfähnrich Walter Boß, Oberfähnrich Bernhard Mielich, Leutnant Herbert Frank, Leutnant Hermann Prösamer, Stabsfähnrich Thorsten Prösamer und Hauptmann Klaus Wilke.

Auf dem Dach des Mainzer Kellers wurden die Kanonen für den dreifachen Salut gestopft und abgeschossen. Und die Besucher halfen anschließend, den „Würstchenstau“ des Burgvereins abzuarbeiten und sich anschließend noch mit Kaffee und Kuchen für den restlichen Vatertag zu stärken.ffg

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