Schach im Schatten des Turms

Schachgroßmeisterin Irina Bulmaga (Mitte) spielte beim Simultanschachturnier in der Wooganlage gleichzeitig gegen 24 Gegner – und verlor keine der Partien.Foto: Uta Kindermann

Die Schachvereinigung 1932 Eppstein lud am vergangenen Samstag zu einem ganz besonderen schachsportlichen Ereignis: ein Damengambit gegen Großmeisterin Irina Bulmaga zum 90-jährigen Bestehen des Vereins. Dazu wurde die Wooganlage liebevoll dekoriert.

24 Tische, 24 Spielbretter, diverse Springer guckten aus Büschen, einige Türme klebten an Bäumen. Für Getränke, Kuchen und Kaffee war gesorgt. Blumen auf Bistrotischen und viele zufriedene Gesichter bewiesen: Es geht um mehr als nur um Schach.

„Wenn auch nicht alle Künstler Schachspieler sind, so sind doch alle Schachspieler Künstler“, schreibt der Objektkünstler Marcel Duchamp (1887-1968). Und eine großartige Künstlerin am Brett der Könige ist Irina Bulmaga. Ursprünglich aus Moldawien, spielt sie seit 2009 für Rumänien. Unzählige nationale Titel verbuchte sie bislang für sich im klassischen Schach, Schnellschach, Blitzschach und im Lösen von Schachproblemen.

Bereits mit 14 Jahren spielte sie für Moldawien, seit 2013 in der Frauenbundesliga und aktuell für den deutschen Vizemeister SK Schwäbisch Hall. „Schach ist ein Spiel aller Generationen und Nationen. Irina bedeutet Frieden. Ein Frieden, der in unserer heutigen Zeit nicht nur am Schachbrett gelten sollte“, begrüßte der Erste Vorsitzende Alexander Sehr, der sich angesichts des Ambientes unterhalb von Burg und Turm mittelalterlich gewandet hatte, die Beteiligten, „der Wettergott muss ein Schachspieler sein. Mögen die Spiele beginnen“.

24 Spieler waren der Einladung der Schachvereinigung gefolgt, aus Eppstein, Kelsterbach, Steinbach, Griesheim und Hofheim. Mit dabei fünf Spieler unter 16 Jahren. Etwa ein Dutzend Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten das Duell an 24 Tischen. Geladen war zu einem Simultanspiel. Das heißt, Irina Bulmaga wechselte von Tisch zu Tisch und jeder Spieler hatte eine Runde Zeit, seine nächsten Züge zu planen.

Hochkonzentriert, eine Hand auf den Bauch gelegt und die andere nachdenklich am Kinn, setzte Irina Bulmaga ihre Figuren. Manchmal huschte ein kleines Stirnrunzeln über ihr Gesicht, dann strich sie sich leicht durchs Haar, machte einen Zug und wechselte freundlich lächelnd den Tisch. Diese Konzentration bei geistigem Hochleistungssport hielten alle Spielenden rund fünf Stunden lang durch.

Gegen die Großmeisterin kam keiner an

Beim Beobachten von Irina Bulmaga und ihren 24 Kontrahenten wurde deutlich: Schach ist eine stille, unaufgeregte Leidenschaft, deren größtes Liebesbekenntnis in der Konzentration auf das Wesentliche liegt.

Neben Alexander Sehr traten auch der Zweite Vorsitzende Peter Raab und Jugendwart Bernd Steyer an. Im historischen Ambiente vor der Burg trugen Sehr Barett und Samtjacke mit geschlitzten Ärmeln, Raab und Steyer einen Überwurf in den Eppsteiner Farben. Steyer pendelte zwischen seiner Partie und den Brettern der fünf jungen Spieler, um nach dem Stand ihrer Figuren zu schauen. Mit dabei war auch der neunjährige Saveliy Osipov aus der Ukraine, mit dem verschmitzten Blick eines Tom Sawyers.

Die Selbstverständlichkeit und Souveränität, mit der das junge Schachtalent seine Bauern, Springer und Türme schob, ist verblüffend. Zwischendurch alberte er mit den ausgeschiedenen Figuren herum oder rannte voller Bewegungsdrang auf den Spielplatz, um auf die Rutsche zu klettern.

Kehrte er an sein Brett zurück und blickte Irina Bulmaga nach seinem Zug offen lächelnd ins Gesicht, wurde klar, worum es selbst auf den Schachbrettern dieser Welt gehen sollte: um friedliche Verständigung. Um Fairness. Um Wertschätzung.

Das Endergebnis Irina Bulmaga gegen 24 Spieler stand gegen Abend fest: Irina Bulmaga gewann 19:5, wobei sie 14 Spiele für sich entschied und zehn Partien mit einem Remis endeten.

„Sie hat keine Partie verloren“, betont Alexander Sehr – und die Schachvereinigung 1932 Eppstein mit diesem Event ein gelungenes Jubiläum gewonnen. uki

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