Gewerbegebiet neben Rhein-Main-Link möglich

Viele Fragen hatten die Anwohner des Rhein-Main-Link an Netzbetreiber Amprion.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Viele Fragen hatten die Anwohner des Rhein-Main-Link an Netzbetreiber Amprion.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Noch bevor jetzt im März die ersten Masten erhöht und die Gleichstromkabel für die neue Ultranetleitung auf der bestehenden Trasse verlegt werden, informierte Netzbetreiber Amprion in sieben Bürger-Infomärkten in der Region über sein zweites Großprojekt im Rhein-Main-Gebiet: die Rhein-Main-Link genannte Erdkabeltrasse für insgesamt vier Gleichstromleitungen von Ovelgönne bei Bremen bis nach Kriftel, Marxheim und Riedstadt.

Eppstein, insbesondere Niederjosbach und Bremthal, ist von beiden überregionalen Stromtrassen betroffen. Am vergangenen Donnerstag lud Amprion zu einem Bürger-Informations-Markt zur Erdkabeltrasse Rhein-Main-Link in die Konferenzlocation Percuma im Gewerbegebiet Am Quarzitbruch ein und zeigte den aktuellen Planungsstand, den Amprion noch im Laufe des Jahres zur Planfeststellung einreichen möchte.

Deshalb informierten Amprion-Mitarbeiter an mehreren Infoständen schon ziemlich genau über den Leitungsverlauf, aber auch über Leitungsrecht, Dienstbarkeiten und Grundbucheinträge, elektromagnetische Felder, Boden- und Naturschutz sowie die Technik. Mitarbeiter erklärten den Besuchern den Aufbau der 30 Zentimeter dicken Kabelstränge und wo die bis zu 1800 Meter langen und 90 Tonnen schweren Erdkabel zwischengelagert und verlegt werden, wie die insgesamt zwölf Kabelstränge in offener Bauweise in die Erde kommen und wo sie unterirdisch vorgetrieben werden. Knapp 3,5 des insgesamt 600 Kilometer langen Rhein-Main-Links führen über Eppsteiner Gemarkung. Bis auf einige Ausnahmen werden die Leitungen in offener Bauweise verlegt.

Dafür werden bis zu 75 Meter breite Schneisen entlang der Trasse aufgegraben, vor allem dort, wo Material gelagert wird und, wo die dicken Kabel gemufft, also jeweils zwei Enden der Kabel miteinander verbunden werden oder wo sie unterirdisch verlegt werden. Das sieht Amprion vor allem bei Straßen, Bahngleisen oder Gewässern vor, um sie zu unterqueren. In Niederjosbach ist eine solche sechs bis acht Meter tief unter der Erde führende Unterquerungen in Höhe der Guldenmühle geplant: Dort werden etwa 400 Meter Leitung unter der L3026, dem Daisbach und unter den Bahngleisen unterirdisch verlegt. Auch die B455 wird in Höhe der Zufahrt der L3017 unterquert. Die K721 zwischen Niederjosbach und Oberjosbach dagegen wird in offener Bauweise gequert. Dazu wird der Josbach vorübergehend verrohrt und rund 60 Meter Fahrbahn aufgerissen.

Der Modellflugplatz wird während der Bauzeit der Stromleitung zum Materiallager und Anlaufstelle für große LKW-Lieferungen.

Amprion erläutert Pläne für die Erdkabeltrasse

Naturschutzgebiete und Wasserschutzzonen werden möglichst umgangen, etwa im Seyenbachtal. Dort stehen die Obstbäume, so Amprion-Mitarbeiter Fabian Westkamp, unter besonderem Schutz. Auch die Wasserschutzzonen dort sind schützenswert. Stattdessen werden am Waldrand am Grauen Stein etliche Bäume für die Stromleitung gefällt. Auf einem am Ende 31 Meter breiten Schutzstreifen dürfen auch danach keine tief wurzelnden Bäume mehr wachsen.

Wenige Meter weiter, bei Wildsachsen, wird dagegen der alte Wald als besonders schutzbedürftig bewertet. Dort werden die Kabel auf einer Länge von rund 650 Metern bis zu 18 Meter tief unterirdisch vorgetrieben. Amprion rechnet damit, dass dieser Bauabschnitt über ein Jahr dauert.

Besorgt sind etliche Besucher darüber, wie lange sie die Baustelle quasi vor der Haustür beeinträchtigen werde und waren beruhigt, dass die Bauzeit für einen rund 400 Meter langen Bauabschnitt in offener Bauweise ungefähr einen Monat dauert. Amprion plant, die Unterlagen zur Planfeststellung, noch im Laufe dieses Jahres einzureichen, damit 2027 Erörterungen und Stellungnahmen bearbeitet werden können. Im ersten Halbjahr 2028 soll der Planfeststellungsbeschluss vorliegen, damit noch im gleichen Jahr mit dem Bau begonnen werden kann. 2033 soll der Rhein-Main-Link schon in Betrieb genommen werden.

Immer wieder ist in der gut besuchten Veranstaltung bei Percuma zu hören, dass viele der Besucher grundsätzlich mit dem Bau der neuen Erdkabeltrasse einverstanden sind. „Wir brauchen die Stromversorgung“, sagt etwa Dietmar Fritz aus Niederjosbach. Er gibt jedoch zu bedenken, dass die örtlichen Stromnetze ebenso dringend ausgebaut werden müssten, damit die Stadt eine moderne Elektro-Infrastruktur aufbauen oder den Strom aus Solarflächen einspeisen könne.

Aus Sicht der Stadt könnte es schlimmer kommen. Wie bereits berichtet, verläuft der Rhein-Main-Link bei Bremthal genau an der Stelle, wo die Stadt in den nächsten zehn Jahren ein neues Gewerbegebiet errichten möchte und dafür beim Regionalverband Frankfurt Rhein Main eine Fläche für den neuen Regionalen Flächennutzungsplan angemeldet hatte: zwischen Valterweg und Quarzitbruch. Schon früh habe man erkannt, dass es dort zu einem Konflikt kommen könnte, sagte Bürgermeister Alexander Simon, deshalb habe die Stadt den Kontakt zu Amprion gesucht. Beim Info-Nachmittag in Bremthal sagte er nun ziemlich erleichtert: „Trotz der neuen Infrastruktur ergeben sich grundsätzliche Perspektiven für die Entwicklung des neuen Gewerbegebietes.“

Für die Stadt sei es von großer Bedeutung, frühzeitig zu erfahren, wo die Leitung tatsächlich verlaufen soll, sagte Simon. Amprion-Mitarbeiter zeigten am Donnerstag anhand von Plänen auf einem großen Bildschirm den Verlauf der neuen Trasse. Demnach wird der Rhein-Main-Link zwar durch das als Gewerbegebiet vorgesehene Gelände verlegt, allerdings möglichst nah an der Bundesstraße. Ziel sei es, so Amprion-Sprecher Jonas Knoop, vor allem im Wald schmale Schneisen zu schlagen und nur so viele Bäume wie unbedingt nötig zu fällen. Für die Stadt eröffne sich dadurch die Möglichkeit, so der Bürgermeister, auf der angrenzenden Fläche doch noch ein Gewerbegebiet auszuweisen.

Der gut 30 Meter breite Schutzstreifen über den vier Leitungssträngen darf später nicht überbaut werden. Möglich seien jedoch Grünflächen, Wege, Stellplätze oder andere Nutzungen ohne Gebäude. Eine Radwegeverbindung sei möglich, so Simon, ebenso die Ausweitung des Bremthaler Skulpturenwegs. Die Erweiterungsfläche liege damit zum Großteil im bewaldeten Gewann „Bauwald“, sagte Simon, allerdings seien in diesem Gebiet im Zuge des Stromleitungsbaus ohnehin umfangreiche Rodungsmaßnahmen erforderlich.

Vor diesem Hintergrund versuche die Stadt, die eigene wirtschaftliche Entwicklung mit der neuen Trassenführung zu vereinbaren. „Die nun konkretisierte Trassenplanung zeigt, dass eine solche Koexistenz grundsätzlich möglich ist,“ betonte Simon und wies darauf hin, dass die Stadt für dieses Vorhaben auf das Wohlwollen des Regionalverbandes Frankfurt Rhein Main und des Regierungspräsidiums Darmstadt angewiesen sei.

Die Stadt hat eine erste Skizze erstellen lassen. Die teilweise Simulation zeigt eine Grünfläche entlang der Bundesstraße 455, unter der der Rhein-Main-Link geführt wird. Durch die Grünfläche zieht sich ein neuer Rad- und Gehweg, auch eine Fortführung des Skulpturenweges sei denkbar mit Bänken und Informationstafeln. Ein Kreisel könnte als Zufahrt zum neuen Gewerbegebiet und für die L3017 aus Wildsachsen gebaut werden als neue Zufahrt nach Bremthal.

Die Verlängerung des Valterwegs ist auch zur Entlastung des bestehenden Gewerbegebiets Valterweg gedacht. Für Eppstein sei die Entwicklung eines neuen Gewerbegebiets von großer Bedeutung. Es gebe kaum Entwicklungsflächen, führte Simon aus. Gleichzeitig gebe es eine große Nachfrage nach geeigneten Gewerbeflächen. Aus Sicht der Stadt sind Gewerbesteuereinnahmen ein zentraler Bestandteil der kommunalen Einnahmen. Simon: „Nur so sind Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Kinderbetreuung, Vereine und soziale Angebote möglich.“bpa

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