Wie religiöse Sprache für machtpolitische Strategien missbraucht wird

Günther Harmelings Vortrag über Christentum und Rechtsextremismus machte den Zuhörern deutlich, wie sehr religiöse Sprache und vorgebliche Frömmigkeit in machtpolitische Strategien eingewoben werden.Foto: privat

Günther Harmelings Vortrag über Christentum und Rechtsextremismus machte den Zuhörern deutlich, wie sehr religiöse Sprache und vorgebliche Frömmigkeit in machtpolitische Strategien eingewoben werden.Foto: privat

Der Ortsausschuss St. Margareta Bremthal hatte die Idee zu einem Vortrags- und Gesprächsabend „Christentum und Rechtsextremismus – Unterscheidet die Geister!“ mit dem Theologen und Krankenpfleger Günther Harmeling aus Idstein; ...

... der katholische Ortsausschuss Niederjosbach half bei der Umsetzung und bereitete im Pfarrzentrum St. Michael Am Honigbaum alles für den Vortrag vor. Rund 40 Interessierte füllten schließlich den Saal. „Eine tolle Resonanz“, freute sich Franz Lindenberg. Der Bremthaler hat den Referenten, den er von der Pax Christi-Ortsgruppe Idstein kennt, für den Vortrag in Eppstein gewonnen.

Harmeling, der in St. Georgen Theologie studiert hat und als Referent für die katholische Friedensbewegung pax christi tätig ist, zeichnete nach, wie rechtsextreme und autokratische Bewegungen christliche Sprache „kapern“, also umdeuten und für eigene Zwecke einsetzen. Dabei sei konservatives Denken klar von rechtsextremer Ideologie zu unterscheiden, betonte er. Gefährlich werde es aber dort, wo zentrale Begriffe des Glaubens zu Parolen umgebaut werden, die Ausgrenzung, Härte oder nationale Überlegenheit religiös aufladen. Dies ist ein Phänomen, das international zu beobachten sei, so Harmeling: beispielsweise in Deutschland, den USA, Russland oder auch in Ungarn.

So griff er ein Zitat des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán auf. Darin behauptet dieser, dass der jüdisch-christlichen Tradition zufolge Gott die Welt in Nationen geteilt habe und kritisierte in diesem Zusammenhang die „Woke-Bewegung“, „Gender-Ideologien“ und Migration als Varianten eines „Virus“ für die westliche Welt. Solche rhetorischen Mischungen aus religiöser Tradition, Kulturkampf und politischem Programm seien kein Zufall, sondern Strategie, so Harmeling. Christliche Sprache werde so zur Legitimation politischer Abschottung genutzt.

Ähnliche Mechanismen seien auch in Russland zu beobachten. Harmeling verwies auf den Ideologen Alexander Dugin, der seit Jahren für eine autoritäre, antiwestliche Großmachtidee wirbt und liberale Demokratien offen ablehnt. Auch wenn Dugin kein offizielles Amt innehat, gilt er als geistiger Stichwortgeber für nationalistische und imperial gedachte Politik. Flankiert werde diese Entwicklung durch den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, der den Schulterschluss von Kirche und Staat theologisch legitimiert. Wenn politische Macht religiös überhöht werde, verschwimme die Grenze zwischen Glaube und Herrschaft, warnte Harmeling.

Für die USA griff Harmeling die Aussagen des Vizepräsidenten JD Vance auf, der öffentlich auf die „ordo amoris“ des Kirchenlehrers Thomas von Aquin Bezug nahm. Vance stellte für die „Ordnung der Liebe“ eine Rangfolge auf: zuerst die Familie, dann Nachbarn, Gemeinschaft, Land und erst danach der Rest der Welt. Damit rechtfertigte er eine politische Priorisierung nationaler Interessen.

Harmeling widersprach entschieden. Bei Thomas von Aquin stehe über allem die Liebe zu Gott, dann die Selbstliebe, dann die Liebe zum Mitmenschen. Die Liebe zur Familie dürfe niemals gegen die Gerechtigkeit ausgespielt werden. Damit werde ein komplexer geistlicher Gedanke politisch verkürzt – und instrumentalisiert.

Auch christliche Angebote im Internet sollte man kritisch sehen. Als Beispiel nannte Harmeling die Gebets-App „Hallow“, die für rund zehn Euro im Monat tägliche Gebete, Meditationen und Bibeltexte anbietet. „Daran ist nichts falsch“, sagte er. „Aber dahinter ist etwas falsch.“ Zu den Großinvestoren und damit auch den Großverdienern der App gehören JD Vance und der Unternehmer Peter Thiel.

Der Mitgründer von PayPal und einflussreiche Tech-Investor habe öffentlich erklärt, er glaube nicht daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. Demokratie bezeichnete er als „Tyrannei der Mehrheit“. Thiel gilt als Vertreter eines radikal markt­orientierten, technokratischen Denkens, das politische Entscheidungen zunehmend ökonomischen Eliten überlassen möchte. Wenn ein solcher Akteur zugleich in religiöse Projekte investiere, müsse man genau hinschauen, sagte Harmeling und machte deutlich, wie religiöse Sprache und vorgebliche Frömmigkeit in größere machtpolitische Strategien eingewoben werden.

„Wie kann man solchen Entwicklungen begegnen?“, fragte Harmeling und griff zum Epheserbrief des Apostels Paulus: „Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn– steht standhaft.“ Christliche Stärke sei keine Machtfrage, sondern eine Frage der inneren Ausrichtung. Der Referent schlug vier Prüffragen vor: Welches Gottesbild habe ich? Welches Menschenbild? Welches Weltbild? Welches Kirchenbild? Ergänzend nannte er „das ehrliche Gespür“: Habe ich ein gutes, inneres Gefühl bei dem, was gesagt wird, oder meldet sich ein irritierendes Bauchgefühl? Und: Wohin führt eine These, wenn ich sie konsequent zu Ende denke? Gerade rechtsextreme Argumentationen entlarvten sich oft, wenn man ihre Konsequenzen offenlege.

Sehr kritisch ordnete er auch die Dämonisierung christlicher Positionen ein. Wenn AfD-Politiker behaupteten, der Limburger Bischof Georg Bätzing sei „vom Teufel geschickt“, werde religiöse Sprache zur moralischen Vernichtung des Gegenübers missbraucht. Das überschreite die Grenze legitimer Kritik und vergifte den demokratischen Diskurs.

In der anschließenden, intensiven Diskussion wurde deutlich, wie sehr das Thema verunsichert und bewegt. Es ging vor allem darum, ob und wie man mit Menschen sprechen kann, die an der Demokratie zweifeln oder die dabei sind, ins rechtsextreme Milieu abzurutschen. Einige Gesprächsteilnehmer erzählten von sehr frustrierenden Erlebnissen. Einig war man sich am Ende darüber, dass man miteinander im Gespräch bleiben müsse: im politischen und gesellschaftlichen Dialog, mit Argumenten, ohne Aggression, ohne Wut und nicht von Angst geleitet.EZ

Kommentare

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22. April 2026 - 10:21

Miteinander im Gespräch bleiben

ist wichtig! Nur leider widerspricht sich die (katholische+evangelische) Kirche.
Mit Hinweisen wie „Für Christen nicht wählbar“ durch deutsche Bischöfe 2024 oder Personalentscheidungen gegen Personen die AfD-nah oder -positiv sind, fördert man keinen Dialog oder Pluralismus!
Im Umkehrschluss grenzt man sich auch nicht von linksextremistischen Positionen bzw. Veranstaltungen ab und demonstriert ungeniert neben der Antifa (eine klar extremistische und demokratieverachtende Organisation!)

Mir persönlich ist da viel zu viel Politik im Spiel, ich möchte eine Kirche die für alle da ist und keine Gesinnungsprüfung oder -empfehlung auspricht.



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