Anita Simon war dort mit ihrem 2022 erschienen Buch „Schau und erzähl“ über ihre Kindheit in Bremthal, Monika Dahms-Nather mit ihren Jugend-Erinnerungen „Wer hätte das gedacht“ und ihrem jüngsten Buch „Versprochen ist versprochen“ für Kinder und Gesche Wasserstraß mit ihrem von ihr in warmen Farben aquarellierten Liederbuch über die wilden Tiere in Afrika, das zum Musikschuljubiläum 2022 erschien. Frisch gedruckt lag Gisela Raspers neues Buch „Helenendorf – Das Vermächtnis einer deutschen Siedlung im Kaukasus“ vor, über die Geschichte deutscher Auswanderer im heutigen Aserbeidschan.
Die Hauswirtschaftsmeisterin, die bis heute das Sprach-Café im Familienzentrum leitet, feierte drei Tage vor der Büchermesse ihren 90. Geburtstag und schließt mit dem gerade erschienen Buch ihr privates Erinnerungsprojekt ab, die Geschichte ihrer Vorfahren aufzuschreiben. Vorträge darüber hielt sie schon bei den jährlichen Treffen der Helenendorfer Gruppe der Russlanddeutschen, das sie selbst viele Jahre lang organisiert hat.
Gisela Rasper, langjährige Vorsitzende des Hausfrauenverbandes Eppstein, Mitgründerin des Burgvereins und des Partnerschaftsvereins Europart wurde in Eppstein bekannt als Gräfin Loretta in Ludwig Löbers Historienstück „Die Stadterhebung“ zur legendären 650-Jahr-Feier 1968. Die vierfache Mutter war damals gerade mit ihrem Mann, dem Chemiker Joachim Rasper, nach Eppstein gezogen und machte auf der Bühne und hoch zu Ross beim großen Festumzug eine gute Figur.
Wegen ihrer guten Französisch-Kenntnisse war sie maßgeblich an der Verschwisterung mit Langeais beteiligt und wird von den französischen Städtepartnern bis heute liebevoll „Madame Jumelage“ genannt.
Etliche Jahre gab sie Deutschunterricht für Ausländer, früher als Kursleiterin an der Volkshochschule und im Kulturkreis. Als Kind von Flüchtlingen aus dem Kaukasus – sie selbst ist in Teheran geboren – hat sie erlebt, wie schwierig es ist, in der Fremde neu anzufangen und wie wichtig Sprachkenntnisse und Bildung sind, damit das gelingt. 2008 erhielt Rasper für ihr vielfältiges Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande. 2019 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Reise nach Helenendorf, von Württemberg in den Kaukasus 1817-1819“. In Romanform schrieb sie die Geschichte der Familien ihrer Eltern auf. Beide stammen von religiösen Auswanderern ab, die sich 1817 einem Treck aus Ulm in den Kaukasus anschlossen und 1819 eine Siedlung im heutigen Aserbeidschan gründeten.
Raspers neues Buch beginnt am Tag der Gründung Helenendorfs mit den Figuren aus dem ersten Buch. In Romanform erzählt sie zunächst vom Leben in den Großfamilien mit bis zu zehn Kindern, von Hochzeiten, unerwarteten Todesfällen und erfolgreichen Geschäftsideen auf dem Land und in Tiflis, wo einige ihrer Vorfahren sich niedergelassen hatten, aber auch von Katastrophen wie Heuschreckenplagen, Seuchen oder Dürre-Jahren.
Daten und Namen stammen, so Rasper, aus alten Kirchenbüchern und Chroniken. Dialoge, Tagebucheinträge und viele Szenen sind fiktiv, machen Raspers Erzählung jedoch lebendig. Als „romanhaft erzähltes Sachbuch“ bezeichnet die Autorin deshalb ihr Buch.
Etwa nach der Hälfte der Seiten nimmt die Erzählung Fahrt auf. Rasper begibt sich auf Zeitreise: Die 100-Jahr-Feier des Dorfes 1919 wird mit einem historischen Umzug gefeiert, ein Jahr zuvor war die Republik Aserbeidschan mit großen Hoffnungen ausgerufen worden. Nach dem Einmarsch der Bolschewiken Anfang der 1920er Jahre werden die Deutschstämmigen aus dem öffentlichen Leben verdrängt, Menschen unter Vorwand hingerichtet, Firmen zerschlagen, Bauernhöfe und Weingüter übernommen. Der Terror gipfelt in der Deportation des gesamten Dorfes 1935 nach Sibirien.
Diesem Schicksal entgehen Raspers Eltern. Sie beginnen unabhängig voneinander, wie andere junge Kaukasus-Deutsche auch, ein Studium in Deutschland, wo sie sich zufällig kennenlernen, ohne zu wissen, dass sie gemeinsame Vorfahren im Kaukasus haben. Auf dringenden Rat von Raspers Großmutter kehren sie nicht zum Heiraten nach Helenendorf zurück. Die letzten Kapitel widmet Rasper ihren direkten Vorfahren. Sie erzählt, wie die eigenen Großeltern von den russischen Besatzern getötet, andere Verwandte verschleppt werden, und einige sich wiederfinden. Raspers Vater, den die Sowjets verhaftet hatten, kommt erst nach zwölf Jahren aus der Gefangenschaft zurück.
Trotz einiger Längen und Wiederholungen bietet das Buch einen spannenden Einblick in ein weitgehend unbekanntes Kapitel der deutschen Geschichte. bpa


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