Wenn am Lebensende wichtige Entscheidungen anstehen

Illustrierung aus dem Flyer der Ambulanten Ethikberatung in Hessen. Er kann von deren Webseite www.ambulante-ethikberatung-hessen.de heruntergeladen werden.

Illustrierung aus dem Flyer der Ambulanten Ethikberatung in Hessen. Er kann von deren Webseite www.ambulante-ethikberatung-hessen.de heruntergeladen werden.

Ein 94-jähriger Bewohner eines Pflegeheimes verschluckt sich beim Essen und Trinken immer wieder. Trotz intensiver Unterstützung durch die Pflegekräfte kann er nicht mehr ausreichend ernährt werden. Er ist zu schwach und bräuchte nun eigentlich eine Ernährungssonde.

Der alte Herr schläft die meiste Zeit, wenn er wach ist, erkennt er die Pflegekräfte oder auch seine Angehörigen nicht mehr.

Ob er lieber „in Ruhe gelassen werden möchte“ oder durch den kleinen Eingriff noch etwas länger am Leben bleiben kann, kann er selbst nicht mehr sagen.

Eine Patientenverfügung, in der er für eine solche Situation seinen Wunsch aufgeschrieben hat, liegt nicht vor, in einer Vorsorgevollmacht hat der Patient seine Tochter als Bevollmächtigte benannt. Die Pflegekräfte wollen den Patienten, der ihnen anvertraut ist, gut versorgen und drängen auf die Anlage der Ernährungssonde. Die Tochter meint, dass ihr Vater das eher nicht mehr möchte. Sie ist sich aber nicht sicher und hat Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, weiß aber nicht, wo sie sich Rat holen kann.

In vielen Krankenhäusern gibt es klinische Ethikkomitees, die in solchen Situationen angefragt werden können. Sind Menschen in einem Senioren- oder Pflegeheim untergebracht oder in häuslicher Pflege, gibt es unentgeltlich und ohne lange Wartezeiten Hilfe bei der Ambulanten Ethikberatung Hessen. Bisher ist diese Hilfestelle noch wenig bekannt.

Dr. Stephan Löwenthal von der Regionalgruppe des Main-Taunus-Kreises berichtete jetzt auf Einladung des Familienzentrums der Talkirche dort von der Arbeit des Vereins. Er stellte den Fall des alten Mannes vor und erzählte, wie die Ethikberatung in dieser und ähnlichen Situationen helfen kann.

Wenn eine Anfrage erfolgt ist, gilt es, die Hauptbetroffenen, also das Pflegeteam, die nächsten Angehörigen, die Betreuungsperson und den Hausarzt an einen Tisch zu bringen. In einem strukturierten Gespräch wird nach den Prinzipien der Medizinethik beraten, wie der Patient wahrscheinlich entscheiden würde, wenn er dazu noch in der Lage wäre.

Ebenso wird bedacht, ob die geplante Maßnahme oder Operation dem Patienten wirklich nutzt oder vielleicht sogar eher schaden könnte. Und als letztes geht es darum, ob das geplante Vorgehen gerecht ist, also der Plan möglicherweise andere Menschen zu sehr belastet oder ihnen gar schadet.

Am Ende eines solchen Gespräches steht eine Empfehlung zum weiteren Vorgehen, die unmittelbare Entscheidung und Verantwortung dafür bleibt beim behandelnden Arzt, den Pflege- und Betreuungspersonen. Die Ethikberater treffen keine Entscheidungen, sie helfen aber, in komplizierten und schwierigen Situationen die Fakten zu klären und einzuordnen und so einen Weg zu finden, der dem Willen des betroffenen Menschen nahe kommt und den alle Beteiligten mittragen können.

Im Anschluss an den Vortrag gab es noch eine rege Diskussion. Pfarrerin Heike Schuffenhauer betonte, wie wichtig ein solches Angebot sei von Menschen, die nicht nur ihre Qualifikation, sondern auch Zeit mitbringen.

Die Beraterinnen und Berater der Ambulanten Ethikberatung haben alle einen medizinischen Hintergrund und eine Zusatzausbildung in Ethik in der Medizin. Sie arbeiten ausschließlich ehrenamtlich und sind über das Gesundheitsamt des MTK zu erreichen: Ambulante Ethikberatung Hessen, Regionalgruppe Main-Taunus-Kreis, Telefon: 06192 2012818, E-Mail: ethikberatung[at]mtk-org[dot]EZ

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