Im Zusammenhang mit der grundlegenden Sanierung bat Becker den ehemaligen Stadtarchivar Bertold Picard, die Geschichte des Gebäudes zu erforschen. Picard stellte uns seine Nachforschungen zur Verfügung, denn die Geschichte des Hauses und der Familie Löber ist auch ein kleiner Mosaikstein in der Geschichte Eppsteins.
Das Wohnhaus im klassizistischem Stil steht längs zur Burgstraße, direkt an der Ecke zur Zufahrt St. Laurentius-Kirche. Das Haus ist verputzt und weiß gestrichen. Das mit Biberschwanzziegeln gedeckte Satteldach endet in zwei Krüppelwalmen. Besitzer Stefan Becker hat 2022 mit seiner Frau Julia und Bauingenieur Christoph Dürrich das denkmalgeschützte Gebäude grundlegend saniert.
Völlig erneuert wurden die Elektroinstallation, die Wasserversorgung und die Heizung. Wände wurden entfernt. Das Gebäude war schon nach 1863 zum Zweiparteienhaus umgebaut worden. Der Eingang in der Mitte der Front zur Burgstraße wurde bei der jüngsten Sanierung entfernt, die zweite Haustür als neuer Haupteingang in die Mitte der östlichen Firstseite verlegt. Hinter dem Haus entstanden auf dem Hof vier Parkplätze, eine vom Haus her zugängliche Terrasse und ein Garten. Eine ältere Garage musste weichen.
Stefan Beckers Großmutter Erika Becker war eine geborene Löber. Ihre Vorfahren haben das Haus bewohnt. Errichtet wurde das Gebäude von Philipp Heinrich Löber, der 1781 in Eppstein geboren wurde. Sein Vater Johann Ludwig Löber, 1749 im hessen-darmstädtischen Gießen geboren, lebte spätestens seit 1776 in Eppstein, als er, so ist es im evangelischen Kirchenbuch verzeichnet, die – ebenfalls evangelische – 19-jährige Schultheißentochter Juliana Katharina Plöcker heiratete.
Eppstein war damals ein Städtchen mit rund 600 Einwohnern, die von Handwerk und Landwirtschaft einigermaßen leben konnten. Sie standen unter gemeinsamer Hoheit von Kurmainz und Hessen-Darmstadt. Löber war Weißgerber-Meister und gerbte Felle mit Hilfe von Salzen wie Alaun. Sein Familienname, den es in weiteren Formen wie Löher und Löwwer gibt, weist auf einen Gerber, der mit Eichenlohe gerbt, also mit Eichenrinde. Sein erster Ahne, der den Nachnamen trug, war also nicht Weiß-, sondern Rotgerber.
Wo Johann Ludwig Löber mit seiner Familie in Eppstein bis zu seinem Tod 1800 vermutlich zur Miete wohnte und auch seine Gerberei hatte, ist nicht bekannt. Er brauchte aber viel Platz, denn er hatte sieben Töchter und drei Söhne. Somit ist er der erste und der Stammvater der im 19. und 20. Jahrhundert in Eppstein so zahlreichen Löber.
Vorher ist nur für 1670 einmal ein Löber bezeugt, nämlich der Gerber „Gottfried der Löher“ anlässlich der Taufe seiner Tochter Anna Margareta. Das Mädchen starb aber schon im darauffolgenden Jahr. Danach taucht der Vater in Eppsteiner Unterlagen nicht mehr auf. Dass es bereits 1591 Löbers in Eppstein gab, wie es in einer Veröffentlichung des Eppsteiner Pfarrers Wilhelm Fink von 1936 heißt, trifft offensichtlich nicht zu, das habe, so Picard, eine Nachprüfung in den Kirchenbüchern ergeben.
Der Bauherr, Johann Ludwig Löbers ältester Sohn, war der 1781 geborene Philipp Heinrich Löber. Wie sein Vater übte er zunächst den Beruf des Weißgerbers aus. 1804 heiratete er Susanne Katharina Mauer und bekam mit ihr sechs Töchter und vier Söhne. Nachdem er zunächst zur Miete gewohnt und seine Gerberei geführt hatte, errichtete er gegen 1825 jenseits des ehemaligen Ober- oder Jägertores, also außerhalb des Ortes auf dem Gebiet des früheren Herrngartens ein Wohnhaus mit Hof, Stall, Schweinestall und Scheune.
Das doppelstöckige Wohnhaus in der heutigen Burgstraße 23 maß 44 mal 24 Fuß – umgerechnet 13,2 mal 7,2 Meter – und bestand aus verputztem Fachwerk. Das Haus muss 1825 fertig gewesen sein, da im Gewerbesteuerkataster Eppsteins dort eine Gastwirtschaft aufgeführt ist. Im „Lagerbuch von der Eppsteiner Gemark“ und auf der „Karte von dem Ort Eppstein“, beide von 1827 trägt es die Hausnummer 2. Im „Verzeichnis der Gebäude“ von 1816 ist es dagegen noch nicht enthalten.
Unmittelbar vor dem Jägertor, das 1823 abgebrochen wurde, stand damals als erstes Haus vor dem Tor außerhalb der Stadtmauer, das um 1780 in der heutigen Burgstraße 31 errichtete, spätere katholische Pfarrhaus. Das Gelände davor, an der heutigen Burgstraße bis zu ihrer Einmündung in die heutige B455 und hinunter zum Schwarzbach, war der frühere Herrngarten.
Das Gelände gehörte zur Burg, wurde für deren Bewohner bestellt und versorgte sie vor allem mit Gemüse. Als die Herren von Eppstein-Münzenberg in politischer und finanzieller Bedrängnis 1492 Teile ihrer Burg an den Landgrafen von Hessen verkauften, veräußerten sie auch „unseren Garten vor der Oberpforten, nämlich den großen Garten, wo man gen Vockenhausen geht, stößt unten auf die Bach“, wie es in Abschriften im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden vermerkt ist.
Hessen überließ seinen Amtmännern und Kellern auf der Burg die Nutzung des Gartens. Er wurde nach der Versetzung des letzten hessischen Beamten aus Eppstein 1776 in Wiese umgewandelt. 1803 fiel Eppstein mit der Burg an das Fürstentum Nassau-Usingen. Dieses verkaufte den Herrngarten 1808 an die Gemeinde Eppstein, die ihn in 15 Losen an Bürger verpachtete und auch einige Flächen als Bauplätze verkaufte, wie es in alten Gemeinderechnungen nachzulesen ist. So kam Philipp Heinrich Löber zum Grundstück in der Burgstraße 23.
Nichts mit der Bauzeit seines Hauses hat ein Balken mit einer Inschrift von 1746 zu tun, den Löber im Inneren einbaute. Darin sind der „Zimmann Will Andon Reis“ genannt, der „Schuldeis Haniorg Winch“ und zwei „Burgemeister Hannes Gisges und Andon Dietz“. Picard vermutet, dass der Balken aus einem früheren Gemeindegebäude stammt. Löbers Nachfahre Wilhelm Löber schenkte ihn vor langer Zeit dem Burgmuseum.
Nach dem Einzug in das neue Haus hat Philipp Heinrich Löber anscheinend nicht mehr als Gerber gearbeitet, sondern als Bauer, Fuhrunternehmer und Gastwirt. Wie 1825 erstmals nachgewiesen, hatte er zu dieser Zeit zwei Ochsen und eröffnete eine kleine Zapfwirtschaft mit Bier und Branntwein. Bald kam Apfelwein dazu, später ersetzte er die Ochsen durch Kühe. Der Name des Gasthauses lautete nach mündlicher Überlieferung „Zum Löwen“ oder „Zum letzten Heller“. Ein schriftlicher Beleg dafür wurde bisher nicht gefunden. Die alte Wirtshaustür ist nicht erhalten. Nach Aussage des früheren Kohlehändlers Ludwig Löber, auch ein Vorfahre von Stefan Becker, waren darauf zwei Löwen sowie Weintrauben und -kannen geschnitzt. Die Gründung des Gasthauses fügt sich laut Picard in die Entwicklung des Eppsteiner Fremdenverkehrs ein, die im späten 18. Jahrhundert einsetzte. Das von der Romantik geweckte Gespür für Natur und Geschichte führte begüterte Städter auch in den Taunus und nach Eppstein mit seinem Mythos aus tragischer, in der Burgruine fühlbarer Vergangenheit und in Bergwäldern und Wiesentälern erlebbarer Natur.
Zur Erquickung der Ausflügler öffneten, zusätzlich zu den innerörtlichen Gasthäusern, zwei neue an den beiden Ortseingängen: bald nach 1797 die „Ölmühle“ am Weg aus Königstein und aus Hofheim kommend und 1825 der „Löwe“ oder „Letzte Heller“ am Weg aus Wiesbaden. Die nächsten Gasthäuser und Unterkünfte folgten erst nach dem Anschluss an die Eisenbahn 1877.
Die wirtschaftliche Lage Philipp Heinrich Löbers scheint auskömmlich gewesen zu sein. Das zeigt sich an den mindestens sieben Äckern, neun Wiesen und fünf Gärten, die er hinterließ. Sie waren kein alter Familienbesitz, sondern wurden erst von ihm oder möglicherweise schon von seinem Vater erworben.
1834 kaufte Philipp Heinrich auf der anderen Straßenseite am Friedhof eine Fläche, auf der später eine Scheune gebaut wurde. Heute steht dort das Wohnhaus Burgstraße12.1. Philipp Heinrich Löber starb 1841. Seine Witwe Susanna Katharina führte das Gasthaus noch bis 1845, dann schloss sie es. Sie starb 1861. Ihre Kinder beerbten sie 1863. Zwei von ihnen übernahmen das Haus. Sie teilten es und bezahlten ihre Geschwister aus. Bis heute ist es in Familienbesitz.bp



Kommentare