Arnd Rödiger blickt auf 70 Jahre Fotografie und Tauchen zurück

Arnd Rödiger in seinem Arbeitszimmer.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Arnd Rödiger in seinem Arbeitszimmer.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Sein Lebensmotto „Ich will nichts werden“ hat der Eppsteiner Fotograf Arnd Rödiger vermutlich vor dem Hintergrund einer Familie von Akademikern und Doktoren formuliert.

Denn menschliche Wärme habe er in den Familien seiner Freunde gefunden, die allesamt aus einfachen Verhältnissen kamen und auch ohne Hochschulabschluss Karriere machten.

Der 87-Jährige hat gerade seine, wie er sagt, letzte Ausstellung vorbereitet und hat sich dafür wieder einmal auf Neuland begeben. Bekannt wurde Rödiger durch seine Unterwasserfotos. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Bildbearbeitung am Computer und hat einige Techniken ausprobiert. Das Ergebnis seiner digitalen Experimente erklärt er in der Vernissage zu seiner Ausstellung am Sonntag, 29. März, um 15 Uhr in der Wunderbar Weite Welt Am Stadtbahnhof. Zu sehen sind seine Bilder dort bis Dienstag, 30. Juni.

In seinem Haus in Vockenhausen hängen zahlreiche Unterwasseraufnahmen an den Wänden, die er im Laufe etlicher Jahrzehnte aufgenommen hat. Auf dem Sofa stapeln sich starke Künstlerportraits, die bei Live-Konzerten entstanden. Eine Serie von Unterwasser-Landschaften in schwarz-weiß hängt an der Wand in seinem Büro, fotografiert hat er sie mit seiner ersten Digitalkamera vor rund 25 Jahren. Bei unserem Gespräch zieht er einige Fotobücher aus dem Regal. In einem schildert er den Aufenthalt in einem Hotel in kurzen Texten eines französischen Künstlers, die er mit ausdrucksstarken Fotos illustriert. Eine Bekannte bat ihn um Fotos zu ihren Haikus – daraus entstanden eigenwillige Momentaufnahmen mit teils abstrakten Fotos, abgestimmt auf die kurzen Dreizeiler.

Wenn Rödiger von seiner Kindheit erzählt, dann verliert er sich in viele Details, schafft aber gerade dadurch einen intensiven Eindruck, wie er als Kind den Krieg erlebte: Geboren wurde er 1938 in Annaberg im Erzgebirge bei den Eltern seiner Mutter, denn der Vater war eingezogen worden und seine Mutter suchte die Nähe zu ihrer Familie. Der Großvater war Gymnasialdirektor und wohnte auf dem Schulgelände. Später kamen noch zwei weitere Geschwister dort auf die Welt. Eigentlich lebte Rödigers Familie in Bad Schmiedeberg, wo der Vater kurz vor Kriegsbeginn eine Lehrerstelle angenommen hatte. „Außer Lehrern gab es unter meinen Vorfahren nur noch zwei Scharfrichter“, erzählt Rödiger, „also war klar, dass ich auch Lehrer werden würde.“

Bis 1944 wuchs er behütet auf, obwohl der Vater nur selten nach Hause kam. Im Herbst 1944 nahmen die Fliegerangriffe zu. Im gleichen Jahr wurde Rödiger eingeschult. Doch die Schule fiel wegen des Krieges gleich drei Monate lang aus. Danach musste er wegen einer Scharlacherkrankung in Quarantäne. „Das heißt, ich war auch ausgeschlossen, wenn die anderen Hausbewohner während der nächtlichen Angriffe in den Keller flohen“, erzählt Rödiger. Die herannahenden Flugzeuggeräusche verfolgen ihn bis heute. „Auch wenn ich Sirenen höre, sind die Bilder sofort wieder da“, sagt er.

Nach dem Krieg zogen zunächst die Amerikaner ein, doch dann folgten die Russen und Rödigers Mutter wollte mit den drei Kindern fliehen: Eines schob sie im Kinderwagen, eines saß auf dem Handkarren mit ihren Habseligkeiten und Arnd als ältester musste laufen. Sie kamen nicht weit, weil der Karren unter dem Gewicht zusammenbrach. Eine amerikanische Patrouille brachte sie in ein Flüchtlingslager und sie kehrten zurück nach Bad Schmiedeberg. Von der russischen Besatzung sind ihm vor allem die Nächte in Erinnerung: Vor durchziehenden Horden und Betrunkenen versteckten sich die Hausbewohner nachts auf dem engen Spitzboden. 1948 kehrte der Vater aus der Gefangenschaft zurück, durfte aber nicht als Lehrer arbeiten. Er reichte die Scheidung ein und ging in den Westen, nach Bad Soden im Taunus, wo er mit einer entfernten Verwandten seiner Frau zusammenlebte.

Rödigers Mutter folgte ihm, floh mit drei Kindern irgendwo in Nordhessen über die Demarkationslinie. Der Versuch, die Ehe zu retten, scheiterte, stattdessen ließ sie den ältesten Sohn Arnd und seine jüngste Schwester in der Obhut des Vaters. Sie kehrte in die Zone zurück, ohne Ausbildung und ohne feste Arbeit.

In seinem neuen Zuhause „ging es drunter und drüber“, erinnert sich Arnd Rödiger. Die neue Frau seines Vaters hatte auch drei Kinder. Nach einem Jahr holte seine Mutter die kleine Schwester wieder in den Osten. Arnd musste bleiben. „Drei Jahre hielt ich das aus, dann bin ich abgehauen.“ Natürlich wurde er aufgegriffen, aber er immerhin kam er danach in eine Internat-Schule bei Usingen – der zweite wichtige Umbruch in seinem Leben.

Dort lebte er auf: „Ich war endlich ohne Druck und Angst!“ Damals, Anfang der 1950er Jahre sah er im Kino den ersten Film von Unterwasser-Legende Hans Hass – und war fasziniert. Seine erste Kamera, eine Agfa Klack, bekam er mit 13. Fasziniert von den Filmen und Büchern von Hans Hass und Jaques Cousteau wollte er tauchen lernen und wünschte sich Flossen und eine Maske zum Schnorcheln und fuhr mit seinen Freunden an die Lahn und zu sämtlichen Tümpeln in der Umgebung.

Sein erstes Gehäuse für Unterwasseraufnahmen sparte er sich mühsam zusammen. Der Vater schenkte ihm die passende Kleinbildkamera, eine ROBOT dazu, die ihre Fotos im quadratischen Format belichtet. Mit 16 machte er seine ersten Aufnahmen in den Eifel-Seen. Die erste Exkursion machte er mit seinem Freund Klaus, mit dem er bis heute befreundet ist: Mit dem Fahrrad über den Schwarzwald zum Bodensee. 1956 unternahmen er und sein zweiter lebenslanger Freund Dieter eine Reise bis nach Livorno ans Mittelmeer. „Wir hatten eine fast zwei Meter lange Harpune dabei, weil wir uns mit Fischfang selbst ernähren wollten.“ Weder im Zug, noch am Zoll oder später im Bus wurden sie aufgehalten und brachten tatsächlich abends ihrer Vermieterin selbst gefangenen Fisch mit. In der Schülerzeitung, die als Aushang auf dem Schulhof hing, erschien nach den Sommerferien sein erster eigener Bericht mit Unterwasserfoto. „Alle, sogar die Lehrer, waren beeindruckt“, erinnert sich Rödiger.

Rückblickend war das Schulheim für ihn ein Segen: Von den Eltern hatte er sich emotional getrennt. „Wir haben uns auseinandergelebt“, sagt er, die Betreuer im Heim waren freundlich, Gewalt oder Schikane habe er dort nicht erlebt. Zuneigung und Herzensgüte erfuhr er in den Familien seiner beiden besten Freunde, die ihn an den Wochenenden und während der Ferien ganz selbstverständlich aufnahmen: Klaus aus Limburg und Dieter aus Bad Schwalbach. „Ich hatte zwei liebevolle Ersatzfamilien“, sagt Rödiger. „Sie waren viel warmherziger als meine richtige Familie“.

Tauchen und Fotografieren habe er sich selbst beigebracht. Nach dem Abitur wollte er nicht gleich studieren und ging gegen den Willen seines Vaters zum Straßenbau. Als sein Vater ihm anbot fürs Studium zwei Auslandsaufenthalte zum Sprachenlernen zu zahlen, nahm er an. Drei Monate in England und im Jahr darauf in Frankreich. Der Aufenthalt bei einem Künstlerpaar in Antibes prägte ihn fürs Leben: „Dort gingen bekannte Sänger, Dichter, Pianisten und andere Musiker ein und aus – ein illustres Völkchen“, so Rödiger, der dort das Tauchen mit Sauerstoffgerät kennenlernte und wichtige Kontakte knüpfte, die ein Leben lang hielten und ihn später oft nach Paris und auch nach Korsika führten.

Seine Frau Gisela lernte er 1962, noch während seines Lehramts-Studiums kennen. Auf einem Weihnachtsball bei Verwandten in Düren schnappten sie und ihre Freundin ihm und seinem Bruder versehentlich den Sitzplatz weg. Die beiden kamen ins Gespräch und „dann hat‘s geknallt“, sagt Rödiger, „bei uns beiden“. Sie kam aus einem katholischen Dorf bei Düren, wo sie sehr behütet aufgewachsen war. Er war Protestant mit unstetem Lebenslauf und studierte in Frankfurt. Es folgten Jahre mit vielen Briefen und seltenen Treffen. Zugfahren war teuer. Ein langer Urlaub in Griechenland im Jahr vor der Hochzeit war damals für unverheiratete Paar eigentlich undenkbar, aber sie fuhren trotzdem. „Wir ließen uns mit dem Segelboot auf eine einsame Insel bringen – quasi als Überlebenstraining“, erinnert er sich schmunzelnd. Ein altes Foto, mit Selbstauslöser gemacht, zeigt das junge Paar, wie es versucht ein Feuer zu entfachen.

Während des Studiums lernte er andere Taucher kennen und gründete zusammen mit einer Gruppe Pharmaziestudenten im Hinterhof eines Laborgebäudes einen der ersten Tauch Clubs in Hessen. Gemeinsam unternahmen sie etliche Tauch-Exkursionen und brachten sich das Gerätetauchen bei. Später trat er dem Bundesverband deutscher Sporttaucher VDST bei und war einige Jahre im Vorstand. In den insgesamt sieben Jahrzehnten, in denen er tauchte, hat Rödiger wohl einige tausend Tauchgänge in etlichen Teilen der Welt unternommen, etwa auf den Philippinen, den Bahamas oder den Komoren. Rödigers Fotos erschienen in Tauch- und Fotomagazinen. Er schrieb Reisereportagen, ist Autor, Co-Autor, Übersetzer einiger Bücher über Unterwasser-Fotografie, Tauchsport und Meeresbiologie, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Besonders berührt hat ihn die Hans-Hass-Medaille in Gold, die Hans Hass ihm 1982 persönlich überreichte.

Nach dem 1. Staatsexamen, das er 1964 ablegte, schmiss er erst mal das Studium: „ich wollte ja eigentlich nix werden“, erinnert er an seine Lebensmaxime. Zunächst arbeitete er am Flughafen, später in einer Versicherungsagentur. Der Chef der Agentur wollte ihn halten. „Aber das Prinzip der Versicherungen gefiel mir nicht und auf Anweisungen von oben wollte ich auch nicht hören.“ Bis heute sei ihm der unabhängige Huckleberry Finn näher als der bürgerliche Tom Sawyer. Sich selbst sieht er „im Spannungsfeld zwischen ordnungsliebendem Spießer und Outlaw“.

Schließlich schloss Rödiger 1967 doch das Studium ab. Noch davor wurde geheiratet. Nach zwei Absagen stand das junge Paar nach der Hochzeit ohne Wohnung da, fuhr aber trotzdem erst mal auf Hochzeitsreise nach Würzburg und hauste danach vorübergehend auf einem unbeheizten Dachboden, bis Gisela, die als Rechtsanwaltsgehilfin ein gutes Einkommen hatte, eine kleine Wohnung im Westend ausfindig machte. Das erste Möbelstück, das das junge Paar sich anschaffte, war übrigens ein Dia-Projektor.

Die Taucherei blieb ihm neben Familie und Beruf weiterhin wichtig. 1966 plante er eine Reise ans Rote Meer in Israel. Anfang 1967 kam Tochter Anette zur Welt. Rödiger bekam 1968 eine Stelle als Fremdsprachenlehrer am Gymnasium in Idstein und die junge Familie zog nach Vockenhausen, zunächst in eine Wohnung an der Hauptstraße, 1975 ins eigene Heim im darüber liegenden Wohngebiet. 1969 kam Tochter Nathalie zur Welt, die ebenfalls tauchen lernte. Auch den fünf Enkeln brachte er die Grundzüge des Tauchens bei.

Ein großer Einschnitt war die Krankheit seiner Frau, die er zehn Jahre lang bis zu ihrem Tod 2019 pflegte. Sie hatte ihn immer unterstützt, tippte seine Texte ab, die er auf Diktaphon sprach. Seit drei Jahren hat er eine neue Lebensgefährtin. „Wir haben uns beim Schwimmen kennengelernt“, so Rödiger. Bis heute geht der 87-Jährige zwei- bis dreimal pro Woche morgens um 7 Uhr ins Schwimmbad. Dort habe er die besten Ideen für neue Berichte. „Wenn ich meine Bahnen ziehe, entstehen die Formulierungen einfach so im Kopf“, sagt er. bpa

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