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Erzwungenes Innehalten

Vor einer Woche konnten die Besucher noch die herrliche Aussicht über Eppstein und seine Stadtteile von der Terrasse des Restaurants Kaisertempel genießen. Vom benachbarten Kaisertempel aus geht das immer noch bei einem Spaziergang – aber bitte mit dem nötigen Abstand.

Wie mit einem Not-Aus-Schalter ist das öffentliche und wirtschaftliche Leben in Eppstein abrupt heruntergefahren worden. Menschen bleiben zu Hause, entdecken vielleicht das gute alte Brettspiel wieder.

Die Luft ist so klar wie schon lange nicht mehr, der Himmel ungeteilt, weil die Kondensstreifen der Flugzeuge fehlen. Eine ungewöhnliche Stille liegt über dem sonst so getriebenen Rhein-Main-Gebiet. Das erzwungene Innehalten wirkt sich nicht nur auf die globale Wirtschaft aus, auch in Eppstein gibt es kaum ein Unternehmen, das nicht auf die Corona-Krise reagieren muss.

Eppsteins Global Player haben umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um Produktion und Vertrieb für die nächsten Wochen oder gar Monate aufrechtzuerhalten. Kunden- und Lieferantenbesuche sind abgesagt. Eppstein Foils, „Weltmarktführer in der Nachbarschaft“, so der Werbeslogan des Unternehmens, hat schon früh die Hygienevorschriften verschärft und arbeitet in der Produktion in zwei Schichten, damit die riesigen Walzen für Verbundfolien weiter rotieren, falls eine Schicht wegen eines Corona-Kontakts zu Hause bleiben muss.

Die Hälfte der Verwaltungsmitarbeiter sind im Homeoffice, das es bisher im Unternehmen nicht gab. Das komme auch den Familien mit Kindern zugute, meint Geschäftsführer Dirk Mälzer. Die größte Sorge bereitet dem Firmenchef, dass die Lieferkette aufrecht erhalten wird. „Wir haben zwar einen kleinen Vorrat an Rohstoffen angelegt, aber schon jetzt gibt es Verzögerungen, sowohl bei der Anlieferung als auch beim Vertrieb der fertigen Produkte. Die Einschränkungen in der Schifffahrt und im Flugverkehr seien zu spüren.

Auch die 143 Mitarbeiter des Druckfarbenherstellers Ruco, arbeiten in Produktion, Lager und Vertrieb in jeweils zwei Schichten.

Wie Eppsteiner Unternehmen auf die Corona-Krise reagieren

Desinfektion vor und nach der Schicht sei vorgeschrieben, berichtet Ruco-Geschäftsführer Moritz Hartmann, soziale Distanz, auch während der Mittagspause, angesagt. Die Tanks mit den Grundsubstanzen seien gut gefüllt und ein Vorrat mit fertigen Farben vorproduziert worden. Die Nachfrage sei noch gut. Einige Kunden neigen sogar zu „Hamsterkäufen“ und bestellten mehr als vor der Krise, meint Hartmann. Sorge bereite ihm der Lieferverkehr per LKW. Aber: „Noch läuft’s“, sagt er.

Nuss-Importeur und Produzent Ecoterra im Gewerbegebiet Am Quarzitbruch spürt die Einschränkungen im Warenverkehr bereits. Mandeln aus dem Süden Spaniens und Ware aus Italien warten auf den Transport nach Bremthal. Er muss jetzt unter erschwerten Bedingungen organisiert werden. Die Büromitarbeiter arbeiten von zu Hause aus, die Produktion wurde auf Zwei-Schicht-Betrieb umgestellt und so organisiert, dass nicht zu viele Mitarbeiter gleichzeitig in Pause gehen, damit sie auch beim Essen Abstand halten können. „Unseren Werksverkauf am 2. April müssen wir leider absagen“, bedauert Geschäftsführer Stephanus van Bergerem. Als Alternative bietet er Internetbestellungen an.

Auf ihre Online-Seiten weisen auch andere Geschäfte hin: Diana Schmidt-Theis von der Boutique „Schoenesundmehr“ in der Burg-Straße wirbt in den sozialen Netzwerken für ihren gleichnamige Internetshop für „Hippie und Ibizza-Style“. Das benachbarte Burglädchen fällt als Kiosk mit Zeitungsverkauf nicht unter die Beschränkungen. Ramon Olivella von der Weinpresse liefert mit seinem „Weintaxi“ aus. Auch die Buchhandlung Sommer hat auf Telefon- und Internet-Bestell- und Liefer-Service umgestellt. Fensterbau Ernst aus Ehlhalten wirbt im Internet für Infektionsmodule aus Glas für Theken in Geschäften und Apotheken.

Möbelbau Schmidt im Valterweg in Bremthal, Schreinerei in der zweiten Generation und spezialisiert auf gehobenen Messebau, trifft die Krise besonders hart. Seit Mitte Februar wurden sämtliche bestellten Messestände abgesagt. Stattdessen haben die Brüder Jochen und Markus Schmidt die Aufträge von Privatkunden vorgezogen. „Bis Ende April haben wir alles abgearbeitet, danach sieht es mau aus“, sagt Markus Schmidt.

Er sei gerade dabei, Kurzarbeitergeld für die neun Schreiner und Auszubildenden zu beantragen. Damit seien zwar seine Mitarbeiter abgesichert, aber nicht das Unternehmen. Mit neuen Aufträgen für die Herbstmessen rechnet er „mit viel Optimismus“ frühestens im Juni, „wenn überhaupt“, so Schmidt, denn angesichts der Wirtschaftsflaute wisse er nicht, ob seine Kunden zu den Herbstmessen gehen. Er befürchtet, dass sich die Auftragsbücher nach der Krise nur schleppend wieder füllen.

Für das Fitnessstudio in der Hauptstraße sind die monatlichen Beiträge ihrer Kunden überlebensnotwendig, berichtet Chefin Agnießka Trojanowska. Eigentlich lief der Betrieb gerade richtig gut an. Nun befürchtet sie, dass sie ohne Liquiditätshilfe schon bald die laufenden Kosten nicht mehr bezahlen kann.

Händler, Handwerker, Wirte und zahllose kleine Dienstleister sind auf die Solidarität ihrer Kunden angewiesen. IHH-Chef Markus Rösmann hat deshalb die Initiative „Eppsteiner Macher“ für Eppsteiner Unternehmer ins Leben gerufen (siehe Bericht auf Seite 7).

Er schlägt als kleine Hilfsmaßnahme vor: „Kauft Gutscheine oder Jahresabonnements bei euren Lieblingswirten, im Fitnessstudio oder beim Friseur.“ Auch für die Zeit nach der Krise hat der Eventmanager schon Ideen: „Dann feiern wir eine riesige After-Corona-Party mit Live-Musik!“bpa

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