Wohltemperiert auf 88 Tasten

Mit dem Auftritt von Michel Gershwin und Anna Tyshayewa ging das 10. Klavierfest zu Ende.

Was haben Musik und Mathematik gemeinsam?

Ein Klavier hat 88 Tasten. Aufgeteilt in 7 Oktaven zu je 12 Tönen. In 24 Tonarten unterteilen wir unser abendländisches musikalisches Denken.

Musikwissenschaftler zählten die Takte und Töne der kunstvollen Präludien und Fugen aus Johann Sebastian Bachs „Das Wohltemperierte Klavier“, um verblüfft eine vollkommene Balance und Symmetrie in der Komposition festzustellen. Das mathematische Innenleben der Bach’schen Musikwelt sozusagen...

Und dann kommt noch Valentin Blomer ins Spiel. Mathematiker von Beruf am Institut der Universität Bonn, Musiker aus Leidenschaft – und einer der Künstler beim diesjährigen Eppsteiner Klavierfest.

Der Lokalmatador aus Bremthal lockte selbstverständlich mehr Fans aus Eppstein in die Talkirche als jeder andere. Dennoch durften sich beim Konzert am Samstagabend lediglich etwa 50 Zuhörer im Raum und auf der Empore verteilen. Corona engte die Veranstalter, Anna Tyshayeva als künstlerische Leiterin sowie Pfarrerin Heike Schuffenhauer, ein. Trotz der finanziellen Unterstützung von Förderern und Zuhörern kam das zehnte Klavierfest nicht um Sparmaßnahmen herum. Ohne deshalb an Qualität zu verlieren, das sei gleich gesagt!

Man beging auch den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens. Ein Fest voller Elan und Ernst: mit musikalischen Gästen wie des Meisters Lehrer Joseph Haydn und seinem Schüler Carl Czerny; mit melodischen Grüßen ehrfürchtiger Nachfolger wie Brahms, Bruch und Dvorak; mit Bouquets von Ravel (der kein Bewunderer Beethovens gewesen sein soll) oder Chopin (zu dessen Leitbildern Beethoven ebenfalls nicht zählte).

Klavier spielte auch mal die zweite Geige

Bei Beethovens erster von am Ende 32 Klavier-Sonaten, komponiert als aufmüpfiges Jung-Genie unter den Kompositions-Schülern Haydns, lässt Blomer dann, wie in seiner launigen Werk-Einführung angekündigt, „den dahinrasenden Zug im Prestissimo des vierten Satzes mit Karacho gegen die Wand fahren“. Das hatte Wumms auf dem kurzen Kawai-Flügel in der Talkirche!

Für das Abschlusskonzert standen die Besucher am Sonntag schon eine Stunde vor Beginn vor der Kirche, um einen der abgezählten Plätze zu ergattern. Die Talkirche war am Abend „so gut besucht, wie seit Ausbruch von Corona nicht mehr“, freute sich Pfarrerin Heike Schuffenhauer und mahnte zu Vorsicht und Abstand.

Zum Abschluss des zehnten Klavierfests (wie übrigens schon zu Beginn im Landratsamt Hofheim) spielte das Klavier einmal nicht die Hauptrolle, sondern nur die zweite Geige. Der 14-jährige Emilio Niebler, Schüler von Anna Tyshayeva, gefiel den Zuhörern mit einer Etude von Czerny, die bis heute zum Rüstzeug unzähliger Klavierschüler zählt. Mit der „Toccatina“ aus dem Zyklus Play Piano Play des zeitgenössischen Komponisten Friedrich Gulda brachte der junge Meisterschüler einen Ausflug in den Jazz. Und anschließend begleitete Anna Tyshayeva den Meister-Geiger Michel Gershwin bei Mendelssohn Bartholdys Violin-Konzert e-Moll. Der Orchester-Part wiedergegeben auf einem Klavier, das hätte sich durchaus genau so anno 1810 bei einem bürgerlichen Hauskonzert im barocken Mietshaus in der Mölkerbastei 8 zu Wien zutragen können. Anlässlich des 40. Geburtstags von Beethoven dort.

Auf Wunsch vieler Zuhörer habe sie Mendelssohns Violin-Konzert aus dem Programm des Auftaktkonzertes im Landratsamt zum Abschluss in der Talkirche noch einmal aufgenommen. Außerdem spielten Gershwin und Tyshayeva Beethovens 1. Sonate für Violine und Klavier, wiederum ein eher heiteres Stück des jungen Beethoven. In seinen frühen Sonaten dominiert in den Ecksätzen das Klavier, brillant und voller konzertanter Energie. Und in den Mittelsätzen verdichtet sich alles melodiös, die Musiker brachten reizvolle Dialoge zwischen den Instrumenten hervor.

Das Jubiläum des Eppsteiner Klavierfests stand unter schwierigen Vorzeichen. Immer wieder musste improvisiert werden beim Programm sowie den teilnehmenden Künstlern. Trotz allem blieb die Freude an der Musik. Das konnte auch Corona nicht verhindern! – Und die Hoffnung auf ein normales 11. Fest, voraussichtlich im nächsten Mai/Juni.rp/jp

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