„Teufelsgreis“ Westenberger über Lifestyle versus Haltung

Bernhard Westenberger zieht als Teufelsgreis Bilanz zwischen Lachen und Weinen.

Beim Auftritt von Bernhard Westenberger als „Teufelsgreis“ am vergangenen Freitagabend auf Burg Eppstein erwies sich das Wetter-Mantra seiner Oma als unzuverlässig: „Wir im Taunus bekommen immer nur den Wind“. Stattdessen brachte der Wind diesmal eine gute Portion Regen mit.

Wie selbstverständlich verhüllten sich die rund 100 Burg-erfahrenen Besucherinnen und Besucher in wasserdichte Plastikumhänge und beeindruckten mit ihrer Wetter-Coolness den „coolen Greis“. Der startete mit feinstem satirischen Kabarett gleich fulminant durch.

Zunächst erklärte Westenberger seinen Berufswechsel vom Pressesprecher eines Geldinstituts zum Künstler. Es hagelte gedankliche Ohrfeigen an die Marketing-Sprache der Banken, die damit selbst Nachteile für den Kunden als Vorteile verkauften. Westenberger hielt ein flammendes Plädoyer für den Erhalt des Bargeldes, der „letzten Insel der Privatsphäre“. Zwar nutzte der 55-Jährige sein eigenes Leben als Roten Faden für sein Programm, doch tatsächlich hielt er den Menschen seiner Generation mit satirisch-überspitzter Darstellung den kritischen Spiegel vor. Wollte der Zuhörer einer harmlosen Aussage gerade entspannt zustimmen, so wurde er mit den nachgereichten Sätzen gleich darauf aus wohliger Harmonie in den satirischen Strudel gerissen.

Selbstkritisch kommentierte und erzählte Westenberger von seinem Leben in den 1980er Jahren, seinem aus heutiger Sicht naiven Pazifismus und seiner Teilnahme an Öko- und Anti-Demos: „Es ging doch in erster Linie um die Szene, in der angeblich die freie Liebe praktiziert wurde“. Das sei Lifestyle gewesen, nicht Überzeugung. Wer als netter Kerl die Mädels trösten musste, habe neidisch auf die „richtigen“ Männer geschaut, die der Grund der Tränen waren.

Beim Thema Corona bezog Westenberger klare Haltung gegen die „wohlstandsverwöhnten Menschen“, die im Zusammenhang mit Corona von Diktatur sprechen. „Was wirkliche Diktatur ist, sieht man in Ländern, in denen Menschen für ihre Meinung verhaftet, verfolgt und umgebracht werden“. Natürlich fühle auch er sich in seiner Freiheit beeinträchtigt, wenn er während des Lockdowns nach 22 Uhr nicht mehr alleine joggen gehen durfte. Es folgte der Nachsatz: „Ich bin aber noch nie in meinem Leben um 22 Uhr joggen gegangen.“

Im Wort „Unterhaltung“ stecke auch das Wort „Haltung“, so Westenberger. Deshalb widme er sich auch ernsten Themen und spräche satirisch Dinge aus, die sich das Publikum nicht getraue zu denken. „Ich möchte weg von den reinen ,schwarz-weiß’- und ,entweder dafür oder dagegen’-Haltungen. Ich möchte die Grautöne des Sachverhaltes wieder herauskitzeln. Wir haben die fetten Jahre erlebt. Und trotzdem sind wir auf dem Weg in eine empathielose, egoistische Gesellschaft.

Fridays for future ist die Klatsche ins Gesicht unserer Generation“, so Westenberger. Comedy müsse polarisieren, um den Humor herauszukitzeln. Sein Lupenglas der Satire richtete der „Teufelsgreis“ singend und spielend auf die Bildungsinflation, das Fernsehverhalten, das Altwerden und seine Bedeutung für die SUV-Industrie genauso wie auf die Erziehung von Kindern und Hunden.

Volker Schwenk und seine Frau Beatrix waren vor allem von der lebendigen Darstellung des Lebens mit zwei Hunden begeistert. „Wie der Teufelsgreis die Szenen mit den Hunden darstellte, ist wirklich der Brüller“.

Auch der Bildungsteil sei mitten aus dem Leben gegriffen, meinte Lutz Dodeck. Westenbergers Auftritt sei wunderbar, seine Situationsbeschreibungen erzeugten lebhafte Bilder im Kopf.

Der Teufelsgreis schloss mit einem Zitat von Snoopy, der seinem Herrchen Charlie Brown auf dessen Satz „Wir werden alle eines Tages sterben“ antwortet: „ja, aber an allen anderen Tagen nicht“. Das sei ein Appell, das Leben jeden Tag zu genießen und auch wieder mehr ins Theater zu gehen. Im Hofheimer Showspielhaus, der Heimatbühne von Westenberger, wartet nach der Sommerpause ein vielseitiges Programm auf Gäste (www.showspielhaus.de).

„Unser Traum ist es, wieder vor ausverkauftem Haus spielen zu dürfen. Derzeit können wir am Vorverkauf ablesen, was Herr Lauterbach als Letztes verlauten ließ. Wir dümpeln bei 30 bis 35 Prozent Auslastung.“

Seinen Auftritt in Eppstein hat Westenberger sehr genossen. Es sei sein erstes vollständiges Soloprogramm seit einem Jahr gewesen: „Die Burg ist ein sensationeller Ort und das Publikum war großartig.“ffg

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