Slam Royal Eppstein – volle Bandbreite von witzig bis mahnend

Die Künstler beim Slam Royal Eppstein (v.l.): Natalie, Stef, Jan Cönig (knieend), August und Theresa. Foto: Frauke Frerichs-Gundt

Schon zum fünften Mal fand in der Aula der Freiherr-vom-Stein Schule der „Slam Royal Eppstein“ statt. Ein Blick am vergangenen Freitagabend in den voll besetzten Saal bewies: Es hat sich herumgesprochen, dass Poetry-Slam Spaß macht.

Moderator Jan Cönig, selbst eine preisgekrönte Größe in der Poetry-Slam-Szene, gelingt es immer wieder, durch die Auswahl der Künstler beim Publikum eine Achterbahn an Gefühlen hervorzurufen.

„Die Künstler sind alles tolle Menschen und mit Leidenschaft und Hingabe dabei, haben Spaß am Slam und wollen das an ihr Publikum weitergeben“, erklärte Cönig, als er die Regeln der Bewertung dem Publikum erklärte. Buh-Rufe seien nicht erlaubt. Wertungen unter drei bedeuteten, man hätte lieber seine Steuererklärung in der Zeit des Vortrages abgegeben, wohingegen eine Zehn den Vortrag für so sensationell halte, dass man ihn seiner Partnerin auf den Rücken tätowieren lassen möchte.

Die Zuhörer an den großen, runden Tischen diskutierten mit Inbrunst, bevor sie das Wertungskärtchen zogen. Kurz aber intensiv ließ man die Darbietung Revue passieren, besprach den Inhalt, den Mut des Künstlers, die eigene Freude oder die Betroffenheit. Mancher Text berührte, andere hinterließen keine Spuren. Zwar gab es mit Theresa Sperling eine Siegerin, doch wies Cönig darauf hin, dass die Vorträge so einzigartig und so unterschiedlich seien, dass jede Wertung nur die eigenen Emotionen beim Zuhören widerspiegeln könne.

Begonia und Michael Harnischfeger besuchten zum ersten Mal einen Slam, ein Freund hatte sie kurzfristig mitgenommen. „Gestern wussten wir noch nicht, dass wir heute hier sein werden, aber es war eine sehr gute Entscheidung“, urteilten die beiden und waren sich einig: „Jederzeit wieder“.

Die vier Künstler, August Klar, Stef, Natalie Friedrich und Theresa Sperling, bespielten mit ihren Vorträgen die volle Bandbreite zwischen lustig und voller Spaß, persönlich und mutig intim, witzig reflektiert und nachdenklich pointiert, eindringlich bis mahnend. Cönig startete außer Konkurrenz als „Feature-Poet“ mit seinem Text „Odysseus“. Ein Lehrstück von einem der ohne Navi und Handy losfuhr, ohne Ortskenntnis und ohne Lust, nach dem Weg zu fragen. Die Odyssee endete im polnischen Niemandsland, denn „580 Kilometer sind schneller vorbei als man denkt“ und „vier Mal links ist ein Kreis“.

Es folgte August Klar, der eingeschüchtert von der ungewohnten Atmosphäre in der Aula nicht sofort seine Höchstform fand, wie er selbst sagte. Denn statt wie gewohnt in Stuhlreihen und im Dunkeln saßen die Gäste in Eppstein hell erleuchtet an runden Tischen beim Picknick. Klars Text entführte in das Jahr 2077, wo man sich mit fliegenden Autos, fliegenden Hunden, vielen Schweinen und Reis auseinandersetzen musste. Das Fazit im Text, die Zukunft ist Retro, vieles sei geblieben, an vieles erinnere man sich wehmütig.

Danach begleiteten die Zuhörer Stef aus Köln bei seiner Meditation. Nach der Ruhe an dem Ort zwischen seinen Ohren und dem Frieden hinter seinen geschlossenen Augen wachte er wieder im deutschen Alltag auf. „Wundere Dich nicht, wenn Deine innere Welt nicht der Äußeren entspricht“, endete ein eher melancholischer Blick auf seine Situation.

Natalie Friedrich machte eine Taxifahrt der anderen Art. Als seltsamer Fahrgast hatte sie nur ein Ziel, der Taxifahrer möge doch endlich erkennen, dass sie keine Egoistin sei. Eine kurvenreiche Strecke mit Themen wie Work-Life-Balance in der Steinzeit, dem totgefahrenen Feldhasen, der an Kalendersprüche geglaubt hatte, einem Besuch im Supermarkt, der die Fahrt erst nötig machte und dem Taxifahrer Pierre, der eigentlich Hartmut hieß. Eine witzige, kritisch pointierte Auseinandersetzung mit nervigen Zeitgenossen.

Theresa Sperling berührte mit ihrer Schilderung eines gemobbten Schülers aus ihrer Schulzeit sehr intensiv. Sperling ist Lehrerin und bemerkt, dass sich seit ihrer Schulzeit nichts geändert habe, nur die Methoden seien perfider geworden. Auch ihr zweiter Text „Glut“, ein Märchen über das Land der Zwerge, in dem die Nazis wieder stark werden, war ein sehr engagierter Text. Sie rief jeden einzelnen dazu auf, für die Demokratie einzutreten und sich der AfZ, der Alternative für Zwerge, entgegen zu stellen. Nach der Pause hatten sich sowohl das Publikum als auch die Künstler warmgelaufen. Das Mikrofon hingegen hob vorübergehend mit hallendem Echo in den „Space-Modus“ ab. Tontechniker Niklas Manthey holte es in irdische Gefilde zurück und die kleine technische Panne wurde von Cönig mit Charme und Witz professionell überspielt.

Germanistikstudentin Natalie startete nach der Pause mit einer pointierten Auseinandersetzung mit ihrem Lyrikzirkel. Sie schilderte die Stimmung im elitären, aber schwafelnden Kreis der Literaten, zerriss ihre Gedichte als barocke Wortunfälle und war doch überzeugt: das Gedicht sei nicht ihr Problem gewesen.

Auch Stef nahm sich seltsamer Zeitgenossen an. Er beschrieb seine Erfahrung in Dating-Portalen. „Da triffst du Männer, die willst du nicht kennen“, so sein Fazit. Mit Sarkasmus, Verzweiflung und Ironie gab er künstlerische Hinweise, wie die unaufgefordert zugeschickten Bilder des männlichen Primärmerkmales besser fotografiert, ausgeleuchtet oder in Szene gesetzt werden könnten. Ein mutiger Text, der von einem gespalten reagierenden Publikum dennoch eine respektable Wertung erhielt.

August Klar zauberte mit mehreren Kurzvorträgen wieder ein Lachen in die Gesichter. Bei seinem Mitmachtext über Dinosaurier grunzte, quiekte und murmelte jeder entspannt mit. Es klang wie nachts im Zoo, wenn in der gefühlten Kreidezeit die Flugsaurier über den Pflanzen- und Fleischfressenden Dinos kreischend kreisten. Auch die O-Töne aus dem Film Star Wars waren rein lautmalerisch. „Wie soll man das vergleichen?“ rätselten die Tischnachbarn, reckten jedoch schnell ihre Wertungstafel mit einer begeisterten Neun empor.

Natalie beendete in der dritten Runde als Finalistin neben der späteren Siegerin Theresa den Royal Slam mit einem ermutigenden Text, der von Schreiberfahrungen und dem Vergleich mit Vorbildern handelte. „Leben bedeutet, Neues zu erreichen“, so ihr Rat. „Ich werde nie so schreiben wie Du, weil ich andere Dinge sehe. Ich will ich sein, keine fehlerhafte Kopie von Dir“ rückt sie die Inspiration durch Vorbilder an die richtige Stelle.

Frauke Frerichs-Gundt

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