Mit einem Poesiealbum gefühlvoller Melodien ins neue Jahr

Neujahrskonzert mit dem Quartett Colcanto Frankfurt in Niederjosbach.Foto: Ulrich Häfner

Neujahrskonzert mit dem Quartett Colcanto Frankfurt in Niederjosbach.Foto: Ulrich Häfner

Schneekristalle knirschten unter den Schuhsohlen der Besucherinnen und Besucher des Neujahrskonzertes in der Kirche St. Michael Niederjosbach. Im Zwielicht der Straßenlaternen wünschte man sich alles Gute für 2026. Kronleuchter erhellten den Kirchenraum.

Im Vordergrund prangte ein Tannenbaum, dessen Zweige mit Engeln und Sternen aus Stroh geschmückt waren. Die funkelnden elektrischen Lichter verliehen dem Baumschmuck einen goldenen Schimmer. Kerzenflammen in Einweggläsern auf den Stufen zum Altarbereich standen symbolisch für den Wunsch, das Licht der Hoffnung ganzjährig am Leuchten zu halten.

Veranstalter des Neujahrskonzertes war der Förderverein Sankt Michael Niederjosbach. In der liebevoll mit Amaryllis und Weihnachtssternen geschmückten Szenerie von Krippe, Kanzel und Kruzifix freute sich das Ensemble Colcanto Frankfurt auf seinen Auftritt vor fast ausverkauften Sitzbänken.

Der erste Teil des Konzertabends stand unter dem Motto „Liebe“. Gabriele Hierdeis (Sopran), Birgit Schmickler (Alt), Christian Rathgeber (Tenor) und Christoph Kögel (Bass) interpretierten die „Liebesliederwalzer op. 52“ von Johannes Brahms. Das Werk für vier Singstimmen aus dem Jahr 1868 ist eine Komposition für vierhändige Klavierbegleitung mit Texten von Georg Friedrich Daumer. Am Piano wurde das Quartett deshalb von Hilko Dumno und Thorsten Larbig begleitet.

Johannes Brahms selbst äußerte sich über seinen Liederzyklus wie folgt: „Übrigens möchte ich doch riskieren, ein Esel zu heißen, wenn unsere Liebeslieder nicht einigen Leuten Freude machen.“ Der Esel blieb bei den Schafen im Stall von Bethlehem neben der Kanzel und Johannes Brahms ein Meister seines Fachs. Die Gesangsformation aus Frankfurt gab die Liebeslieder elegisch-schwärmerisch und strahlend-brillant zum Besten.

Waren die Liebeswalzer voller Liebesflirren, folgten nun die Liebeswirren. Die „Neuen Liebeslieder op. 65“ erzählen von Zurückweisung, Traurigkeit und Herzschmerz. Das Ensemble interpretierte fein ausgearbeitete gesangliche Kabinettstücke. Jedes Lied war kurz und knapp, fast wie eine Etüde, beinahe wie ein musikalischer Adventskalender, hinter dessen Türchen sich eine Liebesgeschichte verbarg, ein romantisches Streiflicht oder ein enttäuschter Seufzer. Das Publikum bedankte sich für diese künstlerische Leistung mit viel Applaus.

Wie ein dramaturgisch verknüpfter Handlungsstrang gestaltete sich die Lesung aus Liebesbriefen bekannter Persönlichkeiten, die Thorsten Larbig übernahm, wobei er vom Notenblatt zum Prosatext wechselte.

Turbulent ging es beim Liebespaar Robert Schumann und Clara Wieck zu. Der Schriftsteller Gottfried Keller pendelte zwischen Bürgerlichkeit und Begehren in seiner Korrespondenz an die Winterthurerin Luise Rieter, welche über die erste Begegnung mit dem Autor berichtet: „Dieser spricht wenig und scheint eher phlegmatischen Temperaments zu sein. Er hat sehr kleine, kurze Beine, schade, denn sein Kopf wäre nicht übel.“

Briefsatire bot ein Text des Komikers Karl Valentin: „Verzeihe mir die schlechte Schrift, ich bekomme immer den Schreibkrampf, weil Du nie schreibst.“ Der Weihnachtsbrief von Rainer Maria Rilke an seine Mutter, verfasst im Dezember 1914, stand im Schatten des Ersten Weltkrieges. Schriftsteller Wilhelm Raabe gab in seinem Dezemberbrief von 1877 an das Ehepaar Jensen tiefe Einblicke in sein Privatleben. Das Publikum schmunzelte, lachte still in sich hinein oder sogar etwas lauter und kicherte oftmals amüsiert.

Für den zweiten Konzertteil hatte das Ensemble Colcanto festliche Gesänge mitgebracht. „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ von Michael Praetorius lud die Zuhörer zum Mitsingen ein. Die Stimmen erhoben sich zunächst zögerlich in den Raum, während die Blicke der Singenden über die Textzeilen wanderten. Doch die Gedanken aller verweilten in der Erinnerung an fröhlich verlebte Weihnachtsaugenblicke mit der Familie. Ein Nachhall von herzlicher Umarmung schwang im Gesang und trug den Duft von Lebkuchen und Tannengrün in sich. Vertrautheit und Wärme krochen in die Strophen und machten das gemeinsame Singen zu einem bewegenden Moment.

Das schwedische Lied „Jul, jul, strålande jul“ von Gustaf Nordquist wurde zum Weichzeichner in den Gesichtern der Zuhörenden. Der Zauber der Weihnacht ließ sich beschwören mit all seinen wertvollen Begegnungen, dem Rascheln von Geschenkpapier und dem Lachen der Kinder. Auch beim „Hark! The Herald Angels Sing“ von Felix Mendelssohn Bartholdy entfaltete der Geist des Heiligen Festes seine Flügel und schwebte durch das Kirchenschiff. Wie einen feierlich gedeckten Tisch voller schöner Töne zelebrierten die Sänger das traditionelle und von Thorsten Larbig bearbeitete „Adeste Fideles“.

Beim Klassiker „Alle Jahre wieder“, in einer Adaption von Martin Carbow, überraschte Altistin Birgit Schmickler als Solistin mit Hierdeis, Rathgeber und Kögel als Background-Chor, der als Stilmittel „Vocalese“ bediente und die bekannte Melodie spielerisch variierte. Das Quartett vereinte sich zu einem Klangkörper bei John Rutters „Nativity Carol“. Die Majestät, die der Musik innewohnt, erhob sich in den Raum. Flotter und etwas gospelhaft kam „Jesus Child“ daher und geriet zu einer vokalen Schlittenfahrt.

Mit „Stille Nacht, heilige Nacht“, beschworen die Stimmen aller Anwesenden eindringlich die Kraft der Stille und die Heiligkeit alles Lebendigen, gegen das Dröhnen von Kriegsmaschinerie, gegen Tränen, Hass und Leid.

Das neue Jahr ist da. Die Lichter strahlen hell. So auch die bunte Außenbeleuchtung des Kastanienhofes, in den der Förderverein Sankt Michael Niederjosbach nach dem Konzert zum Sektumtrunk einlud.uki

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