Ein Ozean voller Klangfarben beim Eppsteiner Klavierfest

Ausnahmegeiger Michel Gershwin und Anna Victoria Tyshayeva am Piano eröffneten das 14. Eppsteiner Klavierfest.Fotos: Julia Palmert

Obsessive 153 Mal schlägt die Abendglocke in Maurice Ravels Klavierstück „Der Galgen“: Immer der gleiche Ton B auf dem Klavier, der zwischen statischen Akkorden, die den fahlen Abendhimmel vorstellen, wie von Ferne herüberklingt.

Mindestens 27 Anschlagsarten – also die Kraft, mit der eine Klaviertaste niedergedrückt und welches Pedal dabei benutzt wird – für diesen einen Ton, der mit dem kleinen rechten Finger oder dem Daumen der linken Hand angeschlagen wird, seien vom Pianisten gefordert, um den Klangcharakter im Laufe des Stückes immer zu treffen, so will es das Klavierspieler-Latein.

Die Italienerin Cinzia Bartoli, die das Gesamtwerk für Klavier des großen französischen Komponisten, der durch Werke wie „Bolero“ unsterblich bleiben wird, auf CD eingespielt hat, besticht in ihrer Aufführung in der Eppsteiner Talkirche mit fast akrobatischer Virtuosität. Leitet die albtraumhaften Eskapaden des Kobolds „Scarbo“ in die typisch Ravelsche Raserei. Eine Sternstunde in der Geschichte des Eppsteiner Klavierfests!

Einem Freund hatte Ravel angedeutet, dass er mit seinem „Gaspard de la Nuit“ (Schatzmeister der Nacht) den russischen Komponisten Balakirew und dessen atemberaubende Komposition „Islamey“, die als schwierigstes Klavierwerk seiner Zeit galt, übertreffen und an Schwierigkeiten überbieten wolle. Es geht in der Musik manchmal also auch ums Schneller, Höher, Weiter. Ravel ging es aber vor allem um Kontraste und darum, aus dem Alten in die Moderne zu gelangen.

Er konnte einen Wiener Walzer zum Bersten bringen – oder im Gegenteil – geradezu verwesen lassen. Bei ihm entwickelt monotoner Bolero-Rhythmus geradezu Sprengkraft, wie eine zu stark aufgezogene Spieldose.

Und Frau Bartoli verfügt nicht nur über die physische Kraft dafür, sondern zudem quasi über einen Ozean voller Klangfarben, die sie beim zweiten Ravel-Stück „Une Barque sur l’Océan“ (Eine Barke auf dem Meer), ausspielte. Der kleine Kahn verschwimmt geradezu winzig im Zoom der unendlichen, licht-flimmernden Weite des Meeres. Mit unbeirrbarem Rhythmus-Gefühl spielte Cinzia Bartoli auch den alten Narren in „Alborada del Gracioso“, der mit seinem Morgenlied unter dem Fenster einer edlen Dame zwischen Groteske und Tragik im spöttischen Gelächter der Umstehenden endet. Riesen-Applaus und begeisterte Bravo-Rufe der Zuhörer in der vollbesetzten Talkirche!

So endete der Auftakt des 14. Eppsteiner Klavierfestes. Der zweite Teil beginnt mit einem Landsmann Cinzia Bartolis: Gianluca Luisi steht ihr pianistisch in nichts nach. „Bach pur“ lautet der Titel für sein Konzert am heutigen Donnerstag, 6. Juni, um 18 Uhr. Er kombiniert Original-Suiten von Johann Sebastian Bach mit Bearbeitungen seiner Choralvorspiele, wie „Jesus bleibet meine Freude“ von der englischen Pianistin Myra Hess, oder „Nun freut Euch, liebe Christengmein“ vom legendären Super-Pianisten, Komponisten, Dirigenten und Essayisten Ferruccio Busoni.

Wie völlig unterschiedlich eine Sonate klingen kann, führt Christoph Soldan, einst Schüler des deutschen Klavier- und Dirigenten-Doyen Christoph Eschenbach, am Freitag, 7. Juni, um 18 Uhr vor. Er stellt vier der ungefähr 555 erhaltenen Sonaten des Barock-Komponisten Domenico Scarlatti vor: jede kurz, brillant, klar, effektvoll. Dagegen dann Franz Schuberts vorletzte Sonate in A-Dur, kurz vor seinem frühen Tod fertiggestellt, gut 40 Minuten dauernd, die klangschönste und womöglich pianistischste seines Vermächtnisses, mit bezaubernden – am Ende aber auch hintergründigen Momenten.

Dass Komponieren nicht nur Männersache ist (und war), ist mittlerweile bekannt. Chiara Nicora und Francesca Rivabene spielen in ihrem Programm am Samstag, 8. Juni, um 18 Uhr neben Werken von Carl Maria von Weber und Robert Schumann sowie Johannes Brahms auch drei Werke von Frauen: Schumanns Frau Clara ist dabei die bekannteste. Ihre Zeitgenossinnen Anna Maria Leopoldine Blahetka und Pauline Viardot-Garcia dürften in Eppstein eine Uraufführung erfahren.

Der zweite Zyklus des diesjährigen Klavierfestes endet dann am Sonntag, 9. Juni, um 18 Uhr mit einem Programm für Klavier und Violine. Anna Tyshayeva, die die Konzert-Reihe mit Michel Gershwin begonnen hat, musiziert diesmal ein buntes Programm von acht Komponisten mit dem ukrainischen Geiger Igor Mishurisman.

Der Schirmherr des Klavierfestes, Hessens Justizminister Christian Heinz, würdigte beim Eröffnungskonzert die Leistung der zwei Frauen hinter der Konzertreihe: „Erneut machen die Organisatorinnen Anna Tyshayeva und Pfarrerin Heike Schuffenhauer ein ganz großes Geschenk an uns alle. Das Klavierfest ist etwas ganz Besonderes – Danke.“

Wenn der letzte Ton in der Talkirche verklungen ist, ist es aber noch nicht vorbei. Das Abschlusskonzert der diesjährigen Veranstaltungsreihe wird noch mal ein Genuss für Freunde wunderbarer Kammermusik, im Plenarsaal des Landratsamtes in Hofheim. Das „Franck Piano Trio“, mit Anna Tyshayeva, Geiger Michel Gershwin und Cellist Dmitrij Gornowskij, spielt dann um 19 Uhr Werke von Beethoven, Schubert, Schumann, dem Franzosen César Franck und dem Leipziger Romantiker Salomon Jadassohn. Den Schüler von Franz Liszt, zu Lebzeiten eine Berühmtheit, möchte Tyshayeva aus der Vergessenheit holen. Dieses Konzert ist das einzige, das mit 25 Euro im Vorverkauf oder 30 Euro an der Abendkasse bezahlt werden muss. In der Talkirche gilt wie immer: Eintritt frei – Sie zahlen hinterher so viel, wie das Konzert es Ihnen wert ist.rp

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