Liebe im Garten der blühenden Mimosen

Der sinistre Monsieur Legris schreckt alle auf.Foto: Julia Palmert

Der sinistre Monsieur Legris schreckt alle auf.Foto: Julia Palmert

Hoch über der Burg kreisten die Mauersegler, als Andrea Sehr erstmals in ihrer neuen Funktion als Erste Stadträtin von Eppstein die Burgfestspiele eröffnete und die Bühne für das Stück der Burgschauspieler freigab: „Hotel Mimosa“. Auch das Wetter spielte mit.

Bei sommerlichen Temperaturen entführten die „Burgis“ ihr Publikum an die Côte d’Azur, genauer gesagt in den Salon der Villa Martigue in Villefranche-sur-Mer. Dort hat Magali Martigue (Judith Graf) – mit einem U-Boot-Kommandanten verheiratet, aber einsam – gerade ihren Liebhaber Jean-François Moncey (Volker Steuernagel) aus Paris empfangen.

Im Garten stehen die Mimosen in voller Blüte, die romantischen Klänge von „Aux Champs-Élysées“ erfüllen den Salon, während Jean-François unter der Dusche vergnügt mitsingt. Plötzlich ruft Magali im verführerischen Negligé: „Jean-François! Mein Mann!“ Prompt erscheint der überraschte Liebhaber in Boxershorts und offenem Hemd.

Über den vermeintlichen Scherz kann er jedoch nicht lachen. „Eines Tages steht er wirklich in der Tür – und dann glaube ich dir nicht!“, wirft er seiner Geliebten vor. Er sollte Recht behalten. Bis dahin erlebte das Publikum im voll besetzten Burghof allerdings zwei Stunden beste Unterhaltung und belohnte die Aufführung – wie bereits 2017 – mit stehenden Ovationen.

Eigentlich wollte Jean-François, ein Fernsehregisseur auf Motivsuche für seinen neuen Film, einige unbeschwerte Tage mit seiner Geliebten verbringen. Doch seine Schusseligkeit macht diesen Plan zunichte. Seine in Paris verbliebene Ehefrau und Geldgeberin Cécile, die ihren Mann im Hotel Mimosa vermutet, reist ihm nach, um ihm Geld und Kreditkarten zu bringen, die er zu Hause vergessen hat.

Viermal täglich ruft die angeblich an den Rollstuhl gefesselte Ehefrau an, um mit ihrem Mann zu sprechen. Da das Stück aus dem Jahr 1979 naturgemäß noch ohne Handys auskommt, übernimmt Magali genervt die Gespräche und gibt sich am Telefon als Mitarbeiterin des „Hotel Mimosa“ aus. Dieses kleine Zugeständnis entwickelt sich im Laufe der Handlung zu einer immer größeren Farce. Jean-François hält seine attraktive Geliebte derweil mit dem Versprechen bei Laune, ihr eine Filmrolle an der Seite des damaligen Weltstars Jean-Paul Belmondo zu verschaffen.

Als Cécile ihren persönlichen Besuch ankündigt, steht Magali der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Auch Jean-François reagiert zunächst entsetzt, fasst sich dann jedoch schnell wieder. „Was tut man, wenn man Regisseur ist und einem partout nichts einfällt?“, fragt er – und liefert die Antwort gleich selbst: „Man dreht einfach drauf los!“ Kurzerhand beschließen die beiden, die Villa tatsächlich in ein Hotel umzuwandeln. Tische werden aufgestellt, Wein serviert, eine Rezeption eingerichtet und ein Schild aufgehängt: „Hotel Mimosa“.

Von diesem Moment an lebt die Komödie von Improvisation, turbulenten Verwicklungen und immer neuen Zuspitzungen. Eine Lüge folgt der nächsten, Jean-François erweist sich als Meister der spontanen Ausreden. Judith Graf überzeugt zugleich mit einer ausdrucksstarken Darstellung der Magali. Sie durchlebt glaubhaft alle Facetten zwischen Hoffnung, Verzweiflung und blankem Entsetzen.

Zu Magalis großer Überraschung ist Cécile (Linda Kratz) attraktiv und keineswegs an den Rollstuhl gefesselt. Kaum angekommen, verlangt sie ein exquisites Abendessen. Jean-François besteht darauf, dass Magali aus den Resten ihres Kühlschranks ein Fünf-Gänge-Menü zaubert. So werden zwei in Scheiben geschnittene Tomaten zu „Frühlingsgefühlen der Gärtnerin“, geköpfte Ölsardinen aus der Dose mutieren zu „Fischlein nach Art Ludwigs XVI.“.

Während Magali in der Küche improvisiert, treffen weitere Gäste ein. Gabriele Wittich als Heidi Müller und Robin Sommer als Hans Müller spielen ein frisch verheiratetes Paar aus Niederjosbach, das zum ersten Mal gemeinsam verreist. Sie erhalten ein Zimmer und zum Abendessen ein paar Eier. Hans hat alle Mühe, seine misstrauische Frau zu beruhigen: „Gott‘sche, ich hab dir gleich gesagt, Hans: Keine Abenteuer!“

Kurz darauf erscheint Monsieur Legris (Benjamin Peschke), ein distinguiert wirkender Herr, der in seinem Mantelfutteral ein Gewehr mit sich führt. Er verlangt ein Zimmer für eine Nacht und Briefpapier.

Es folgen Nadine Dujardin (Nicola Sasse) und Gérard Blanchard (Richard El-Duweik), ein Maserati fahrender Lebemann in goldenen Boxershorts, der bei Nadine große Erwartungen auf ein vergnügliches und höchst potentes Wochenende geweckt hat.

Nach eindringlichen Bitten seiner Geliebten versucht Jean-François, die Gefühle seiner Ehefrau auszuloten. Dabei erfährt er, dass Cécile einer Trennung niemals zustimmen würde und ihm im Ernstfall mit ihrer stets mitgeführten Pistole in beide Knie schießen wolle. „Ich liebe dich wie am ersten Tag“, gesteht sie ihm.

Vor Magalis Augen umarmen und küssen sich die beiden, bevor sie Hand in Hand im Schlafzimmer verschwinden. Wie betäubt überreicht Magali der Prostituierten Paquerette (Isabelle Reiter), die mit ihrem Freier eincheckt, einen Zimmerschlüssel. Am Tiefpunkt ihrer Gefühle greift sie schließlich zur Whiskyflasche.

Doch die Wahrheit sieht man nicht

Am nächsten Tag – Jean-François hat Magali inzwischen erneut von seiner Liebe überzeugt – erreicht das Verwirrspiel seinen Höhepunkt. Zunächst kommt das Geheimnis des Monsieur Legris ans Licht. Wenig später betritt ein Mann in strahlend weißer Marineuniform mit goldglänzenden Knöpfen die Bühne: Magalis Ehemann Charles-Henri Martigue kehrt wegen einer Panne am Atomgenerator überraschend zurück und wundert sich über die vielen fremden Menschen in seinem Haus.

Erneut gelingt es Jean-François, mit einer improvisierten Geschichte die Situation scheinbar zu retten. Doch die Wirklichkeit gerät endgültig aus den Fugen. Während Charles-Henri glaubt, sein Haus sei Kulisse für einen Fernsehfilm, halten ihn die vermeintlichen Hotelgäste für komplett verrückt. Am Ende leert sich das improvisierte Hotel wieder – allerdings nicht ohne einige weitere urkomische Situationen und Spitzfindigkeiten von Jean-François.

Die Burgschauspieler ergänzten die spritzige Komödie von Pierre Chesnot um eine hessische Note. Das Ehepaar aus Niederjosbach ist eine Idee von Regisseurin Juliane Rödl, die gemeinsam mit ihrem Team die Rollen passgenau besetzte. Linda Kratz, Gabriele Wittich, Benjamin Peschke, Nicola Sasse und Richard El-Duweik gehörten bereits 2017 zum Ensemble, für die übrigen Darsteller war das Stück neu.

Die Dialoge sprühten vor Witz und Pointen. Das Publikum lachte herzhaft und würdigte die Leistung der Schauspieler mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus. Besonders Volker Steuernagel und Judith Graf beeindruckten mit ihrem enormen Textpensum. Rund 567 Zuschauer verfolgten die Aufführung am ersten Wochenende.  (Helga Mischker)

Die Darsteller und ihr Team

Die Rollen verkörpern: Volker Steuernagel (Jean-François Moncey), Judith Graf (Magali Martigue), Linda Kratz (Cécile Moncey), Gabriele Wittich (Heidi Müller), Robin Sommer (Hans Müller), Benjamin V. Peschke (Monsier Legris), Isabelle Reiter (Paquerette), Nicola Sasse (Nadine Dujardin), Richard El-Duweik (Gérard Blanchard), Niko Bauer (Charles-Henri Martigue), Michael Thomas (Marc), Helga Terzka (Schildträgerin).

Regie: Juliane Rödl, Souffleur: Toni Jäckel. Maske: Sandra Klemm und Team, Technik: Tim Reinhard, Lucas Kratz, Kostüme: Helga Terzka, Bauten: Benjamin Peschke und Team.

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