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Kunstpreis für puristische Werke

Susanne Messer gestaltete die Betonplastik mit Europa, dargestellt als Stier aus der Mythologie, und einem gestrandeten Boot. Der Bürgersaal bot Platz für Begegnungen – mit Menschen und mit der Kunst.Foto: Beate Palmert-Adorff

Mit Spannung erwarteten die Besucher der Vernissage zum Eppsteiner Künstlerwettbewerb am vergangenen Sonntag die Vergabe der mit 1500 Euro dotierten Auszeichnung. Die Jury verriet, dass die Wahl nicht leicht gefallen sei.

Leicht gefallen sei hingegen die Entscheidung, von den 57 Bewerbern aus dem Main-Taunus-Kreis jeweils mindestens eine Arbeit in der Ausstellung zu präsentieren. So standen 85 Werke zur Auswahl. Die Jury entschied sich, zwei erste Preise mit je 600 und einen dritten Preis mit 300 Euro zu vergeben. Überreicht wurden sie von Michael Zaenker, dem Leiter der Sparkassenakademie Eppstein.

Wichtige Faktoren für die Wahl waren das Umsetzen des Wettbewerbs-Themas „Begegnen“, die künstlerische Idee des Werks, das handwerkliche Können, die Frage, ob das Werk berührt und zum Nachdenken anregt und, ob das Kunstwerk eigenwillig und eigenartig ist.

Diese Faktoren erfüllten nach Meinung der Jury am besten Beate Kupkas Fotosequenz „Begegnen in der Kunst 1“ und Jörg Ströbels Ölgemälde „Broccomate“ aus seiner Serie „Genmüse“. Den dritten Preis erhielt der Lorsbacher Werner Lauer für seine Assemblage „Nichts ist statisch“.

Nicht beabsichtigt aber erfreulich sei es, dass die Kriterien am Ende auf drei Werke unterschiedlicher Gewerke zutrafen, Fotografie, Malerei und bildende Kunst, sagte Jury-Mitglied Ulrich Häfner. Die drei Arbeiten wirken puristisch, ihre Aussagen sind eindeutig, das Wettbewerbsthema ist klar umgesetzt.

Kristina Hofmann, Kunstpädagogin aus Frankfurt, die bei der Vernissage für die Jury sprach, betonte, dass die Gruppe die Werke anonym ausgewählt habe, ohne die Namen der Künstler zu kennen. Dass Beate Lauer bereits beim vorigen Künstlerwettbewerb vor drei Jahren einen Preis gewann, sei ein Zufall.

Die Wiesbadenerin überzeugte die Jury mit einer scherenschnittartig wirkenden Szenenfolge, die sie während der Dokumenta in Kassel „eher zufällig“ aufnahm, so die Künstlerin. Unwillkürlich fällt der Blick auf einen kleinen Jungen, der im Zentrum der Fotos auf einem Hocker sitzt und ganz versunken auf etwas blickt, das er in den Händen hält, während um ihn herum Menschen kommen, schauen, sich drehen und weitergehen.

Jörg Strobel hat drei quadratische Bilder mit Phantasiezüchtungen gemalt: Siegerbild „Broccomate“ zeigt eine wie natürlich in einem Stück gewachsene Kombination von Brokkoli und Tomate. Alle drei Bilder seien nicht nur meisterlich gemalt, sondern persiflieren genauso meisterlich die Experimentierfreudigkeit der Lebensmittelindustrie, lobte Hofmann.

Werner Lauer hat zwei Sperrmüll- und Flohmarktfunde phantasievoll kombiniert:

Wo sich Menschen, Tiere, Linien und Farben begegnen

Aus naturfarbenen Architektur-Holzmodellen und den Plastikfiguren eines ausrangierten Tischkicker-Spiels konstruierte Lauer eine Stadtlandschaft, die, so die Jury, „das Gegenüber von Architektur und Bewohnern thematisiert“, die aber auch den Betrachter zum Spielen einlud: „Man darf Anordnung verändern“, forderte der Künstler die Betrachter auf, den Aufbau selbst neu zu gestalten.

Bewegen ließ sich auch die kinetische Klangskulptur „Beatbox“ von Kai Wolf, der vor drei Jahren den Bürgerpreis gewonnen hatte. Diesmal ließ der Künstler auf Knopfdruck drei Spechte einen ausrangierten Fachwerkbalken mit ihren Schnäbeln bearbeiten und dabei ihr rhythmisches Klopfen erklingen.

Sabine Bergold, Erste Stadträtin und Kulturdezernentin, würdigte in ihrer Begrüßung die Vielfalt, mit der das Thema „Begegnen“ umgesetzt worden sei und dass jedes Kunstwerk auch ein Versuch sei, die Welt zu verändern. Kreiskulturdezernent Wolfgang Kollmeier wies darauf hin, wie Kunst die eigene Sichtweise beeinflussen könne. Exemplarisch dafür nannte er die Begegnung im Kunstwerk mit dem eigenen Spiegelbild.

Tatsächlich setzten einige Künstler Spiegel und Spiegelscherben in ihren Werken ein: Christa Steinmetz ließ in ihrer Installation mit fünf spiegelnden Kunststoffplatten den Betrachter mit „Dem ICH begegnen“. Elke Cisarz widmete ihr aus Spiegelscherben und Plastik zusammengesetzes Tryptichon „Zerbrechlichkeit der Natur“ Greta Thunberg und ihrer Fridays For Future-Bewegung. Wer den Deckel von Barbara Kraemers Installation „Holzkiste und Spiegel“ lüpfte, entdeckte darin ein auf Sand gebettetes, mit feinen Ziselierungen verziertes Schlüsselloch und bei genauem Betrachten in dem Schlüsselloch das eigene Spiegelbild.

Spiegelbilder thematisierten auch Kathrin Lieske, die unter dem Titel „Im Spiegel“ ein Kind beim Entdecken seines Spiegelbildes malte, und Eva Maria Werner, die gekonnt mit Pastellkreiden eine junge Frau beim Schminken vor ihrem „Spiegelbild“ darstellte. Das Wettbewerbsthema setzte sie auch mit „Erste Begegnung“ gelungen in Szene: Ein kleines Mädchen und eine Katze blicken sich an, das Gesicht des Kindes spiegelt Freude und ängstliches Erschrecken wider. In „Seelenbegegnung“ fotografierte Eva Hungershausen die innige Nähe eines Menschen zu seinem Hund, in „Hundebegegnung“ aquarellierte Barbara Wood mit wenigen, gut gesetzten Pinselstrichen, wie Rüde und Hündin sich umkreisen.

Farbenfroh, mit viel Liebe zum Detail malte Zina Starovoytova Harlekin und Colombine bei ihrer „Begegnung in Venedig“. Mit offensichtlichem Vergnügen portraitierte Sabine Gieshoff in expressionistischen Farben zwei Frauen mit Lockenwicklern unter der Trockenhaube und einem Glas Sekt in der Hand. Eine überbordende Hommage an den „Zauberbergfelsenkeller“ in Ruppertshain und zahlreiche Kulturbegegnungen in Malerei, Musik und Lesungen malte Dimitri Vojnov in einem üppig mit Details ausgestatteten Gemälde.

Den überraschten Ausdruck im Blick eines jungen Mädchens, vielleicht eine Zufallsbegegnung im Zug, hat Mohammad Alsaadi in einem feinfühligen großformatigen Portrait auf die Leinwand gebannt. Gleich drei Bilder mit Menschen in extremen Begegnungen, stammen von Martina Czeran: Sie zeigen Menschen, die sich aus einem Sumpf befreien wollen und dabei sich gegenseitig behindern, Menschen, die den Mammon anbeten und einen erschöpften Metzger nach der Begegnung mit dem Tod mit leerem Blick und blutigem Messer in der Hand.

Den Tod thematisiert auch Rita Quack in ihrem Scherenschnitt „Der letzte Tanz“. Fratzenhafte Gestalten in einem gespenstischen Reigen hat die seit Jahren an Parkinson erkrankte Künstlerin aus CT-Aufnahmen ihrer Wirbelsäule ausgeschnitten. Dem Osteographischen „Scheren-Schnitt“ und ihren Gedanken zu Menschsein, Grenzüberschreitung, Vergessen, vergangenen Zeiten und dem Kreislauf von Leben und Sterben hat sie ein Fotobuch mit Collagen aus CT-Ausschnitten gewidmet.

Linien und Farben begegnen sich in Yuriy Ivashkevichs „Lichtbegegnung I und II“ – Mit abstrakten Pinselstrichen und Spachteltechnik schafft er aus leuchtendem Magmarot eine phantastische Dünenlandschaft, und aus kühlen Blautönen und hellem Gelb eine abstrakte Ebene die ein Wasserlauf zu durchschneiden scheint. Unter dem Titel „Gemeinsam wachsen“ haben vier Künstlerinnen das Produkt ihrer Begegnung eingereicht: Auf dem abstrakten Gemälde begegneten sich mit Pinsel, Spachtel und Finger aufgetragene Farben.

Spannungsreiche Skulpturen zeigten Renate und Fritz G. Jacobs. Die beiden Künstler haben das Thema Flucht und Vertreibung in ihren Marmorinstallationen aufgegriffen, Aufmerksamkeit erregte auch Susanne Messers Betonplastik „Wie sollen wir uns begegnen?“ Europa bedroht in Gestalt eines Stiers ein gestrandetes Boot: Die mythologische Figur steht symbolisch für die Haltung der Staatengemeinschaft zu den Bootsflüchtlingen.

Mit Nadel und Faden stellte Claudia Buch Das Wort „Begegnung“ mit gestickten, spielenden Strichmännchen dar.

Bis Sonntag haben Besucher noch Zeit, sich selbst einen Eindruck von der Vielfalt der ausgestellten Kunstwerke zu verschaffen und ihre Wahl für den Bürgerpreis zu treffen. Am Sonntag, 17. November, wird er um 18.30 Uhr im Bürgersaal von der Vorstandsvorsitzenden der Bürgerstiftung, Christina Cantzler, überreicht.

Geöffnet ist die Ausstellung Montag bis Freitag von 15 bis 19 Uhr und Samstag und Sonntag von 11.30 bis 19 Uhr. bpa

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