Klavierfest: Da hilft kein Impfstoff – Musik bleibt ansteckend

Beim Auftaktkonzert zum Klavierfest 2019 begeisterten Professor Michel Gershwin und Anna Victoria Tyshayeva die Zuhörer in der Talkirche. Diesmal eröffnen die beiden Musiker das Klavierfest im Landratsamt in Hofheim.Archivfoto: EZ

Nationale Institutionen wie die Bayreuther Festspiele und finanzielle Dauerbrenner wie das Rheingau Musikfestival fielen Corona zum Opfer. Konzert- und Opernhäuser blieben geschlossen.

Für arbeitslose Berufsmusiker, die kein Geld verdienen, und frustrierte Zuhörer, die mit Streaming-Konzerten aus dem Kleinlautsprecher vorliebnehmen müssen, ist es eine bleierne Zeit. Muss Eppstein glücklich sein, dass das Klavier-Festival auch im zehnten Jahr in der Talkirche durchgeführt wird? Ja, unbedingt!

Die musikalische Leiterin Anna Victoria Tyshayeva und Talkirchen-Pfarrerin Heike Schuffenhauer nehmen corona-bedingt Einschränkungen hin. Weniger Veranstaltungen. Weniger Besucherplätze. Doch sie verwirklichen ihren Traum. Und viele Zuhörer können mit ihren Ohren mitträumen.

In der Eppsteiner Talkirche werden nur etwa 100 Gäste Platz nehmen dürfen. Abstand halten! Sie müssen sich nicht vorher anmelden, aber am Eingang ihren Namen und Kontaktdaten angeben. Auch für die Künstler ist es schwierig. Professor Nikolay Kryzhanovsky musste jetzt seinen Auftritt absagen. Weil die Hindernisse bei der Anreise aus der Ukraine einfach zu groß sind. Der Konzertabend findet dennoch statt – in anderer Besetzung und mit etwas geändertem Programm. Ganz klar, in diesem Jahr muss auch in Eppstein improvisiert werden. Doch der Anfang ist gemacht.

Das berühmte Violinkonzert in e-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy eröffnet das diesjährige Klavierfest am 12. September im Saal des Landratsamtes in Hofheim. Der Komponist vollendete es 1844 in Bad Soden. Doch sein Orchester würde zurzeit gegen die Corona-Abstandsregeln verstoßen – zu viele Musiker auf engem Raum. Kurzentschlossen werden nun Michel Gershwin als Solist und Anna Tyshayeva am Klavier das Konzert vortragen, das seit dem 19. Jahrhundert zu den schönsten der Musikliteratur zählt.

Ein Klavier als Ersatz-Orchester? Das war durchaus gängige Praxis in der Zeit der Romantik; als reisende Klavier-Virtuosen wie Franz Liszt ganze Opern von Verdi oder Sinfonien von Beethoven wie mit Zauberhand für die 88 Tasten ihres Instrumentes arrangierten und vorspielten. Als es noch kein Radio gab, geschweige denn CDs oder Downloads, konnten berühmte Arien und Melodien so in herrschaftlichen Sälen und bürgerlichen Wohnzimmern zu Gassenhauern werden.

Karten für das Konzert im Landratsamt gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen sowie bei Frankfurt Ticket Rhein-Main. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt .

Die sechs folgenden Konzertabende in der Talkirche stehen dann im Zeichen des 250. Geburtstages Ludwig van Beethovens.

Seine 32 Sonaten gelten Klavierschülern wie Meister-Pianisten als Kavier-Bibel! Ein unerschöpflicher Katalog von Vielfalt – spieltechnisch wie emotional – an dem sich seit Beginn der elektroakustischen Tonaufzeichnung Klavier-Stars messen lassen wollten und mussten. Sechs der Sonaten sind nun in Eppstein zu hören. Die 32. und letzte am 18. September von Haiou Zhang. Die 20. und 9. am 20. September von Anna Tyshayeva. Die Nummern 17 („Der Sturm“) sowie 30 am 25. September von Johanna Trzeciak. Und die allererste, gespielt von Professor Valentin Blomer aus Eppstein am 26. September.

Wem der Meister mit zwei Händen nicht genügt, der kann am 19. September Beethovens 8 Variationen über ein Thema des Grafen von Waldstein für vier Hände hören. Das Klavier-Duo Anna und Ines Walachowski hat weltweit aufhorchen lassen. Unter anderem durch elf CDs mit Werken von Mozart und Chopin bis Rachmaninow und Ravel. Einen kleinen Auszug ihres Repertoires spielen die beiden in Eppstein mit „Ein Sommernachtsraum“ von Mendelssohn, den Schumann-Variationen von Brahms oder Dvoraks Slawische Tänze.

Für das Abschlusskonzert am 27. September haben Anna Tyshayeva und Geiger Michel Gershwin ein Überraschungsprogramm angekündigt: Werke von Beethoven, Czerny und Chopin. Und den jungen Meisterkurs-Schüler Emilio Niebler (14) als ihren Partner.

Viele neue Künstler zeigen sich in Eppstein. Viele Instrumente (Klavier, Geige, Violoncello). Viele Gattungen (Solo, Duo, Trio). Und viele berühmte Komponisten (Bach, Chopin, Schubert). Der Vielfalt des Eppsteiner Klavierfestes hat das Coronavirus nichts anhaben können. Musik bleibt ansteckend. Dagegen gibt es keinen Impfstoff.rp

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