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Wie Julia Finkernagel die Lust am Geschichtenerzählen entdeckte

Julia Finkernagel

Was entsteht, wenn sich eine verfrühte Midlife-Krise verbündet mit Kreativität, Mut, Abenteuerlust und dem Spaß am Geschichtenerzählen? Bei Julia Finkernagel kamen dabei eine neue Karriere und das spannende Buch „Ostwärts“

mit dem viel versprechenden Untertitel „Oder wie man mit den Händen Suppe isst, ohne sich nachher umziehen zu müssen“ heraus. Vergangenen Freitag stellte sie es als Abschluss der von Stadt und Kulturkreis Eppstein gemeinsam veranstalteten Lesereihe „5 Autoren, 5 Bücher, 5 besondere Orte“ in der Wareneingangshalle der Firma Eco Terra vor.

Nach eigener Einschätzung war Finkernagel sehr glücklich als Managerin am Flughafen. Mit ihren rund zehn Mitarbeitern „rockte“ sie erfolgreich viele Projekte gleichzeitig. Ihr Leben sei spannend gewesen. Umso größer war ihre eigene Überraschung, als nach einer Nepalreise die Midlife-Krise anklopfte und ihr ein Paket Unzufriedenheit überreichte. Ein verständnisvoller Chef genehmigte ihr ein Sabbatical, einen Sonderurlaub für ein Jahr.

Finkernagel schnallte den Rucksack auf den Rücken und verschwand nach Südostasien, Skandinavien und Nordamerika. Dabei entdeckte sie die Lust am Geschichtenerzählen und begeisterte mit launigen Reiseberichten und Filmschnipseln ihre daheim gebliebenen Freunde. Dazu gehören auch Eppsteiner, denn Finkernagel ging in Hofheim zur Schule.

Ihre Berichte kreisten im Bekanntenkreis und erreichten zufällig die Verantwortlichen beim MDR. Man bot ihr ein Praktikum an, der Auftrag für die Reiseberichte „Ostwärts“ folgte. Die entstandenen Filme findet man in der Mediathek des MDR. So startete Finkernagels zweite Karriere als Autorin und Producerin.

Seit 2008 zieht sie mit ihrem Kameramann regelmäßig „Ostwärts, mit dem Rucksack der Sonne entgegen“, lässt sich auf Land, Leute und Launen des Zufalls ein. Sie hat Erfolg. „Nach sieben Sendungen bin ich aufgestiegen zu ARTE“ so Finkernagel. Bislang entstanden vierzig Filme und nach zehn Jahren ist jetzt auch das erste Buch fertig.

„Ostwärts“ schaffte es im Mai auf die Bestsellerliste des Spiegel. Im Fernsehen verdichteten sich viele Stunden Filmmaterial zu Minuten. Manches blieb dabei unerzählt, fand aber Eingang ins Buch.

Bei ihrer Lesung am Freitag entführte die quirlige Frau ihre Zuhörer gedanklich aus der kühlen, nüchtern-funktionalen Wareneingangshalle nach Rumänien, Georgien, die Mongolei, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan. Lustige, nachdenkliche und sehr persönliche Situationen untermalte die leidenschaftliche Geschichtenerzählerin abwechslungsreich mit passenden Fotos, Filmausschnitten und unveröffentlichtem Material.

Die Gäste erfuhren von Finkernagels „Promi-Blockade“ bei der zufälligen Begegnung mit Peter Maffey, lachten über die weiterführenden Filmausschnitte der überraschenden Weinprobe im privaten Keller eines Georgiers, verstanden daraufhin die Legende, wie der liebe Gott der Charme-Offensive der Georgier erlag und ihnen sein eigenes Land gab. Finkernagel zeigte mit ihren Berichten, wie Offenheit zu interessanten Begegnungen führen kann. Ihr sind die zwischenmenschlichen Momente wichtig. Sie zeigt Normalität an Orten, an denen man sie nicht vermutet. Ein freundliches Winken am anderen Ufer des Grenzflusses zu Afghanistan, erlebte Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Die besten Stories ergäben sich aber aus den dramatischen Erlebnissen oder den herausfordernden Situationen.

Abenteuerreisen verlangen geistige Flexibilität. Wie verkraftet es das Ego einer erfolgreichen Managerin und Filmproduzentin, wenn der mongolische Reisebegleiter sie machohaft zum morgendlichen Teekochen und Melken abkommandiert und ansonsten ignoriert? Wenn er ihr schalkhaft die „leckersten“ Bissen der frisch geschlachteten Ziege zukommen lässt oder sie als lebenden Wasserstandsanzeiger bei der Flussüberquerung einsetzt?

Der emotionale „Ringkampf“ zwischen Macho und emanzipatorischem Selbstverständnis führte letztlich zu gegenseitigem Respekt und viel Gelächter. ffg

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