Der Hexer kehrt zurück als faszinierendes Live-Hörspiel-Theater

István Vincze, Tina Wurster, Sebastian W. Wagner, Klaus Krückemeyer und Regieassistentin Jasmin Ruckriegel (v.li.) zogen das Publikum in den Bann des Hexers.Foto: Uta Kindermann

Pünktlich um 20.15 Uhr schallt ein ein nervenzerreißendes „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ durchs Gemäuer. Mit diesen Worten lud das hr2-RadioLiveTheater zu seiner Livehörspielproduktion „Der Hexer kehrt zurück“ ein.

Noch vor Vorstellungsbeginn berieselt Regen die Burg und lässt erahnen, wie es später im düsteren London von Edgar Wallaces Klassiker zugehen wird. Doch der Wettergott liebt Wallace-Romane und sendet wieder formidables Sommerwetter. Veranstaltungsverantwortliche Christine Baum atmet auf. Besucher flanieren mit Brezeln, Spundekäs oder erfrischenden Getränken über den Burghof. Man sieht viele lächelnde Gesichter. „hr2-RadioLiveTheater… ich dachte, die senden live. Aber die spielen ja“, zeigt sich ein Besucher erleichtert.

Und wie sie spielen: Vier Notenständer, vier Mikrofone, ein Keyboard und den Arbeitsplatz des Geräuschemachers, mehr braucht das Ensemble nicht auf der Bühne, um die Illusion der nachtschwarzen Themse, der düsteren Straßen rund um den Tower heraufzubeschwören.

Zahlreiche unfreiwillige Todesfälle stapeln sich auf den Schreibtischen bei Scotland Yard. Verdächtig ist ein Phantom: Der Hexer. Inspektor Yale gerät tief in den Sumpf des Verbrechens. Es entspinnt sich eine Achterbahnfahrt kriminalistischer Entwicklungen mit üblichen Verdächtigen, sehr Verdächtigen und verdächtig Unverdächtigen. So verworren dieses Gespinst auch ist, behält das Publikum dank der klaren Deduktion des Inspektors immer den Überblick, selbst beim furiosen Finale.

Allein schon der Beginn des Stücks versprüht einen Hauch Hollywood. Nebel wabert. Ein dramatischer Auftakt zieht das Publikum in seinen Bann. Bühnenlicht taucht die Mauern in Blutrot. Mit orchestraler Fülle erklingt „God save the Queen“. Auch wenn die Queen an diesem Abend sicher ist, so doch nicht der Mann, der in die Themse gestoßen wird. Sein markerschütternder Todesschrei schreckt sogar die Tauben auf. Bei dieser Wasserleiche bleibt es nicht. Eine Frau wird vor den Zug gestoßen, ein Mann im Sägewerk in mehrere Einzelteile zerstückelt. Hauptverdächtig ist der Hexer.

Inspektor Yale (Klaus Krückemeyer) hält die Fäden in der Hand, die sich immer mehr als das Geflecht des Hexers entpuppen. Krückemeyer spielt den Inspektor mit einer charismatischen Frische und Neugier. Seine beinahe lausbübischen Seitenblicke in den Burghof nehmen das Publikum mit und lassen es nicht los. Sebastian W. Wagner verkörpert Sir John Walford very british als einen etwas vertrockneten Puritaner, dessen Gebiss fest verhaftet ist mit dem Tabakspfeifenmundstück.

In seiner zweiten Rolle, Dr. Perkins, gelingt Wagner die Charakterstudie eines teuflischen Advokaten. Seine Sekretärin Nora Sanders (Tina Wurster) setzt einen sympathischen Gegenpol mit ihrer verbindlichen Freundlichkeit. Nur genaue Beobachter werden hinter ihrem mädchenhaften Augenaufschlag etwas anderes funkeln sehen. Sie spielt diese Doppeldeutigkeit genüsslich aus. In der Rolle der Molly ist ihre Stimme rauer, die Sprache verwaschener, die Stola hängt lasziv herab, genauso wie die Zigarette in ihrem Mundwinkel.

Axel Senns Richie ist ein etwas zwielichtiger Typ, der sich wie ein Aal im Netz windet, mit dem Blick eines naiven Herings und der Gefährlichkeit eines unberechenbaren Hechtes. Dieser Richie wird am Ende wie ein Stichling, an Land geworfen, nach Luft schnappend, bis er an einer vergifteten Spirituose verendet.

Senn ist auch Geräuschemacher dieser Hörspielproduktion. Mit der Virtuosität eines Musikers, der den Einsätzen einer Partitur folgt, lässt er Hörwelten aus dem Moment heraus entstehen: Folienknistern, Schritte auf Holz, das Blubbern eines Aquariums, Gläserklirren, Poltern, Schreibmaschinenklappern.

Ihm zur Seite sitzt Michael Bibo am Keyboard. Bibo macht sein Instrument zu einem Füllhorn von akustischem Atmosphärenzauber. Mal lässt er wie zum Zerreißen gespannte Geigensaiten erklingen, mal schaurige Klänge wie von einer Glasharfe oder klimpernde Barmusik. Er webt einen Klangteppich, auf den sich das Ensemble dankbar bettet.

In der Rolle des Dr. Higgins wirkt Bibo souverän und von wissenschaftlicher Klarheit. Nur manchmal ist da etwas, das in ihm brodelt, das in seine Melodien fließt und dunkel ist wie die Themse im November.

István Vincze als Frank Sutton weiß die Kraft seiner Blicke und seine große Bühnenpräsenz wohl zu dosieren. Er wird zum machtvollen Gegenspieler, Mitspieler und Spieler in diesem Verwirrspiel. Stimmungsvolle Höhepunkte des Abends sind die gelungene Interaktion von Musik, Geräusch, Nebel, Licht und das spielfreudige, hochkonzentrierte Ensemble.

Das Festspielpublikum quittierte die Hörspielfassung von Klaus Krückemeyer und Wolfgang Vater mit begeistertem Applaus. „Ganz toll gemacht. Vor allem die Geräusche“, lobt ein Eppsteiner nach 75 Minuten ohne Pause. Klaus Krückemeyer bittet in seiner Schlussrede emotional, die Säle, Tribünen, Parketts, Sitzbänke und Theaterstühle wieder zu bevölkern. Auch im Burghof waren mit 108 Karten nur etwa ein Viertel der Plätze besetzt.

Dennoch galt für die, die gekommen waren: Dem Sog von Edgar Wallace konnte niemand widerstehen – Und, wie nicht anders zu erwarten, entzog sich der „Hexer“ auch diesmal seinen Häschern… uki

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