Vom Geist im Mistelzweig

Madame Géronte schreitet an der Hand ihres Forstaufsehers Valère zur Bühne – am Wochenende gibt es noch zweimal Gelegenheit, die Aufführung der Burgschauspieler zu erleben. Foto: jp

Madame Géronte schreitet an der Hand ihres Forstaufsehers Valère zur Bühne – am Wochenende gibt es noch zweimal Gelegenheit, die Aufführung der Burgschauspieler zu erleben. Foto: jp

Schon in der ersten Szene schenken sich Holzfäller Sganarelle und sein Eheweib Martine nichts. Volker Steuernagel in einer Paraderolle beschimpft Martine in breitestem Hessisch als „Omega-Miststück“

und jagt sie mit wehenden Haaren und einem Stock in der Hand über die Bühne, Martine, gespielt von Nicole Decher, wehrt sich tapfer, nicht minder schlagfertig mit kecker Berliner Schnauze, – und schwört dem prügelnden Trunkenbold Rache.

Die Gelegenheit ergibt sich schnell: Forstaufseher Valère (Benjamin Peschke) und Fuhrknechtin Lukasta (Katrin Thunig) sind voller Sorge über die geheimnisvolle Krankheit der Tochter ihrer Herrin Madame Géronte. Lucinde, gespielt von Judith Liesem, hat ihre Sprache verloren. Kein Arzt hat bis jetzt ein Heilmittel gefunden, deshalb suchen die beiden nach einem Wunderdoktor und treffen auf Martine. Die überzeugt die beiden schnell davon, dass Sganarelle ein berühmter Heiler sei, der seine Fähigkeit aber nur unter Schlägen zugeben würde. Statt Brennholz, so Martine, suche er Misteln unter dem Holz, um den Mistelgeist zu beschwören, und wenn er das nicht zugeben wolle, helfe nur der keltische Erkennungsspruch – oder Prügel mit „Weide oder Birke“ als Offenbarungsritual.

Unter Schlägen gibt Sganarelle in Molières Komödie „Heiler wider Willen“ zu: „Ich bin alles was se wolle“. Schnell findet er Gefallen an seiner neuen Rolle, während Valère ihn Madame Géronte als „Mann von uraltem Wissen mit mirakulösen Heilkräften“ anpreist. Mit ein paar handfesten Argumenten, „Weide oder Birke“, lässt sich auch die adelige Dame davon überzeugen, dass der „Doktor ohne Doktor“ ein fähiger Druide ist. Der begrapscht ungeniert Magd Jacqueline und sagt grob geradeheraus, was er denkt.

Während Mutter Géronte, gespielt von Nicola Sasse, vor allem befürchtet, dass die Hochzeit ihrer Tochter mit einem alten, aber reichen Freier, platzt, frotzelt Sganarelle: „Soll er doch froh sein, dass sie nix schwätzt!“ Angesichts der wenigen Silben, die Lucinde stammelt, befragt er dann doch seinen Mistelzweig, hält ihn an Lucindes Kopf und brabbelt Kauderwelsch.

Die Darsteller und ihr Team

Buchstabensuppe gegen Sprachlosigkeit

Sganarelle lässt den „Flaschengeist“ seiner Schnapsflasche mit dem „Mistelgeist“ Zwiesprache halten und fragt Madame Géronte fast entrüstet: „Was, se könne kein Keltisch?“

Selbst seine abenteuerlichsten Diagnosen – „ihr Sprachgeist hat sie in einer Vollmondnacht verlasse“ – und seine abstrusesten Heilungsversuche werden von der feinen Gesellschaft begeistert beklatscht. So lässt Sganarelle Magd Jacqueline (Jasmin Spielmann) Wasser aus dem Schwarzbach holen und es zwei Stunden lang besprechen, um den Sprachgeist darin einzufangen und empfiehlt als Heilnahrung Buchstabensuppe. Am nächsten Tag frohlockt Mutter Géronte: „Lucindes ,Hin, hen, hon’ klingt schon viel klarer!“

In der Zwischenzeit hat Sganarelle Lucindes Liebhaber Leander, gespielt von Robin Sommer, kennengelernt und macht ihn zu seinem Gehilfen. Leander ist jung, aber der ehrgeizigen Mutter nicht wohlhabend genug und darf deshalb Lucinde nicht heiraten. Leander verrät Sganarelle, woran Lucinde tatsächlich erkrankt ist: „Es ist nicht Herz oder Leber, sondern die Liebe!“

Sganarelle treibt es immer toller – was er auch sagt oder tut „sobald ich mir den Mistelzweig an den Kopf halte, kann ich erzählen, was ich will: Die Leute glauben alles“, verrät er Leander. Schließlich lässt er sogar alle Mitglieder des Hauses Géronte nach seinem Takt im Chor „Miau“ sagen oder singen.

Ob Sprachlosigkeit, Kauderwelsch, Keltisch oder in Form von Buchstabensuppe, alles dreht sich im Stück um Sprache, dem fügen die Burgschauspieler einen weiteren Akzent hinzu und lassen das Publikum rätseln, welche Dialekte die Darsteller außer hessisch noch sprechen. Neben Martines Berliner „Icke“ erklingt Lukastas weiches Fränkisch und das rollende „R“ aus der Oberpfalz von Briefträgerin Roberta, einer kleinen, aber entscheidenden Nebenrolle, die Regisseurin Juliane Rödl übernimmt.

Das Publikum, das immer besser informiert ist als die Darsteller auf der Bühne, hat die heuchlerischen Machenschaften schnell durchschaut. Obwohl am Premierenabend noch nicht jeder Einsatz punktgenau sitzt, amüsieren sich die Zuschauer prächtig – schließlich sind sie immer besser informiert als die Protagonisten.

Die beiden Aufführungen am Wochenende waren trotz Europameisterschaftsspiel am Samstag und Nieselregen am Sonntag gut besucht: 274 Gäste sahen die Premiere am Samstag, 228 kamen zur Aufführung am Sonntag.

Am kommenden Wochenende gibt es noch zweimal Gelegenheit, die turbulente Komödie zu sehen: Am Samstag, 6. Juli, und am Sonntag, 7. Juli, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es an der Abendkasse und bei den Vorverkaufsstellen. bpa

Die Rollen verkörpern: Volker Steuernagel (Sganarelle), Nicole Decher (Martine, seine Frau), Nicola Sasse (Madame Géronte), Judith Liesem (Lucinde, ihre Tochter), Katrin Thunig (Lukasta, Fuhrknechtin), Benjamin Peschke (Valère, Forstaufseher), Jasmin Spielmann (Jacqueline, Magd), Robin Sommer (Leander), Juliane Rödl (Postbotin).

Regie: Juliane Rödl. Helfer vor und hinter der Bühne waren Toni Jäckel und Helga Terzka (Souffleur), Tim Reinhard, Tobias Grau, Lucas Kratz (Technik), Helga Terzka, Juliane Rödl (Kostüme), Gisela Swiderski und Team (Maske und Hairstyling), Ursula und Helmut Nowotka (Catering Ensemble), Bianca Tatzelt und Juchhe-Team (Catering Festspiele).

Seit 85 Jahren ein Fan der Burgfestspiele

Premieren gibt es am Samstag auch vor und hinter der Bühne: Richard El Duweik übernimmt zum ersten Mal seit etlichen Jahren keine Rolle im Stück der Burgschauspieler und genießt das Spektakel gemeinsam mit Ehefrau Juliane als Zuschauer. Die vier Jungs der beiden haben auch Premiere. Sie blieben erstmals allein zu Hause und verfolgten das EM-Spiel Deutschland gegen Dänemark am Bildschirm.

Zum ersten Mal seit 15 Jahren ist Gisela Swiderski an diesem Abend wieder hinter der Bühne aktiv: In der Maske ist die Friseurmeisterin aus Eppstein vor allem für die Frisuren verantwortlich. Nach einem personellen Engpass sprang die 70-Jährige kurzfristig ein. „Schließlich habe ich das früher 25 Jahre lang für die Burgschauspieler gemacht, von 1984 bis 2009“, sagt sie. Beim barocken Molière-Stück seien die Frisuren eine Herausforderung: „Perücken und die hochgesteckten Haare müssen perfekt sitzen.“ Auch das Knüpfen von Perücken habe sie noch in ihrer Ausbildung gelernt.

Seit 17 Jahren sitzt der 93-jährige Adolf Lang aus Idstein bei der Premiere der Burgschauspieler „immer in der ersten Reihe“. Wie jedes Jahr begleiten ihn auch diesmal Tochter Simone und ihr Lebensgefährte Markus Zöllner. Seine ersten Erinnerungen an die Burgfestspiele reichen rund 85 Jahre zurück. „Damals war ich sieben Jahre alt“, erinnert er sich, „das müsste 1939 gewesen sein“. „Er hat immer von der Burg geschwärmt“, sagt seine Tochter. Jetzt freue er sich jedes Jahr auf den Theaterbesuch.

Tatsächlich ließen die Nationalsozialisten die Burgfestspiele 1935 wieder aufleben. Die Naturbühne, so Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith, passte in ihr Förderungsprogramm für Freilichttheater. Allerdings durften damals keine Laiendarsteller mehr auftreten wie in den Gründungsjahren der Burgfestspiele 1913 und 1914, sondern nur Berufsbühnen mit Volksstücken, Lustspielen oder klassischen Stücken. 1939 wurden auf der Burg Kleists „Prinz von Homburg“ und „Die Weiber von Weinsberg“ von Gert von Klaß aufgeführt. Mit Kriegsbeginn 1939 wurden die Burgfestspiele wieder eingestellt.bpa

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