Eine Waldführung schärft den Blick für die Natur

Effi B. Rolfs erklärt den phänomenologischen Kalender, der auf Wachstums- und Entwicklungsphasen ausgewählter Pflanzen basiert.Foto: Helga Mischker

Effi B. Rolfs erklärt den phänomenologischen Kalender, der auf Wachstums- und Entwicklungsphasen ausgewählter Pflanzen basiert.Foto: Helga Mischker

Als unsere Mitarbeiterin Helga Mischker sich der Waldführung von Effi B. Rolfs am Campingplatz „The Eppstein Project“ anschloss, war die Trockenheit im Wald zwar schon spürbar, aber die Auswirkungen noch nicht so extrem wie derzeit:...

Das für Eppstein zuständige Forstamt Königstein hat die Alarmstufe A für Waldbrandgefahr ausgerufen und bittet um erhöhte Vorsicht und Aufmerksamkeit bei Waldspaziergängen. Das Parken ist nur auf ausgewiesenen Plätzen erlaubt. Rauchen oder andere Feuerquellen sind im Wald verboten. Die Baumkronen zeigen inzwischen auffälliges braunes, abgestorbenes Laub. Eine mögliche Ursache könnte der niedrige Grundwasserspiegel sein.

Wissenswertes über das gefährdete, sensible Ökosystem und die aktuelle Situation erfahren Interessierte bei den nächsten Waldführungen am 29. August, 5. und 26. September oder am 3. Oktober, jeweils samstags um 14 Uhr. Die Führung am kommenden Samstag wurde abgesagt. Anmeldung unter: info[at]the-eppstein[dot]de mit Angabe der Personenzahl und Datum.

Wie duften die ätherischen Öle der Walnussblätter? Wo sitzen die Jahresringe junger Buchen? Wie fühlt sich Kambium an und wie weit reichen die Wurzeln einer Eiche? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gab Effi B. Rolfs bei einer ebenso unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Waldführung auf dem Campingplatz „The Eppstein Project“. Dabei verband die Waldpädagogin sinnliche Naturerlebnisse mit spannendem Wissen über das Leben der Bäume.

„Wir wollen unseren Gästen ein abwechslungsreiches Programm bieten“, erklärte Betreiberin Daniela Heinz. „Das Thema passt hervorragend, denn wir sind ein Natur-Campingplatz.“ Tatsächlich prägt ein jahrzehntealter Baumbestand das Gelände. Üppiges Grün umrahmt die Stellplätze, spendet Schatten und sorgt für Privatsphäre.

„Zum Waldbaden möchte ich Sie heute nicht verleiten – und auch nicht dazu, Bäume zu umarmen“, stellte Rolfs gleich zu Beginn klar. Ihr gehe es vielmehr darum, Menschen für die Natur zu sensibilisieren. Denn, so ihre Überzeugung, „es geht ums Überleben“. Sie beklagte die weit verbreitete „Plant Blindness“ – die „Pflanzenblindheit“: „Wir sehen vor allem das, was uns betrifft, nicht aber die Pflanzen.“

Die Sorge um die natürlichen Lebensgrundlagen brachte Rolfs dazu, sich intensiv mit Bäumen zu beschäftigen. Eigentlich kommt sie aus einer ganz anderen Welt: Seit 1989 leitet sie das Frankfurter Theater „Die Schmiere“, das sie von ihrem Vater übernommen hat. Während der Corona-Pandemie musste das Theater zeitweise schließen. Diese Zeit nutzte sie für eine Ausbildung zur Waldführerin an Wohllebens Waldakademie.

Ihre Naturverbundenheit reicht jedoch viel weiter zurück. Das „Frankfurter Mädsche“, wie sie sich selbst bezeichnet, verbrachte schon als Kind viel Zeit draußen. Denn aufgewachsen ist sie eigentlich im ländlichen Rödermark. Ihr alleinerziehender Vater nahm sie sogar mehrmals für drei Monate aus der Schule, um mit ihr gemeinsam die Wildnis Finnlands zu erkunden.

Mensch und Baum, erläuterte Rolfs, stünden in einer besonderen Beziehung. Wer 15 Minuten ruhig einen Baum betrachte, könne seinen Blutdruck senken und Stress abbauen. Die Wirkung sei wissenschaftlich messbar. „Wenn wir einen Baum sehen, werden wir schneller gesund“, sagte sie. Auch die Duftstoffe der Bäume spielten dabei eine Rolle. Terpene, die Schutzstoffe des Waldes, nehme der Mensch über Haut und Atemwege auf. Ein Waldbad empfehle sich daher möglichst vor dem Auftragen von Hautlotion, Sonnencreme oder Make-up – und augenzwinkernd ergänzte sie: „Machen Sie sich naggisch.“

Auf dem Rundgang erläuterte Rolfs die unterschiedlichen Lebensstrategien der Baum­arten. Die Birke dort am Wegesrand sei eine typische Pionierpflanze. Solche Erstbesiedler bereiteten mit ihren Wurzeln den Boden für langlebigere Arten wie Eichen und Buchen vor. Nach etwa 100 bis 150 Jahren sei ihre Aufgabe erfüllt. Wirtschaftlich bedeutende Nadelbäume wie Kiefern, Douglasien und Fichten bezeichnete sie scherzhaft als „Bretter auf Wurzeln“. Sie erreichten oft schon nach rund 70 Jahren ihr Lebensende und gehörten im Klimawandel zu den besonders gefährdeten Arten.

Im angrenzenden Wald wurde die Führung besonders anschaulich. Unter den mächtigen Buchen herrschte trotz warmer Witterung angenehme Kühle. Rolfs tastete die freiliegenden Wurzeln einer großen Buche ab. „Sie fühlen sich ebenfalls kühl an“, stellte sie fest. Jede Wurzel suche sich ihren optimalen Standort. Ein Baum könne bis zu 1000 Liter Wasser speichern.

Besonders aufmerksam verfolgten die Teilnehmer ihre Erläuterungen zum Kambium. Das zuvor gewässerte Stück, das Rolfs aus ihrem Rucksack holte, fühlte sich lederartig und äußerst reißfest an. Die Schicht direkt unter der Borke versorgt den Baum mit Wasser und Nährstoffen. Anschaulich verglich sie den Aufbau mit einer Apfelsine: Die Borke entspreche der Schale, das Kambium der weißen Schicht darunter. Wie der Wassertransport oberhalb von etwa 15 Metern funktioniere, sei wissenschaftlich allerdings noch immer nicht vollständig geklärt.

Unter den dichten Kronen machte Rolfs schließlich auf eine „Buchenschule“ aufmerksam. Im Schatten ihrer mächtigen Eltern wachsen dort junge Buchen dicht an dicht heran. Mit kleinen Lupen konnten die Teilnehmer ihr Alter direkt an den Trieben bestimmen. Erstaunliche 50 bis 60 Jahresringe zählte Rolfs an den dünnen Zweigen. Gerade weil die jungen Bäume im Schatten langsam wachsen, entwickelten sie sich besonders kräftig.

Erneut appellierte sie an den sorgsamen Umgang mit dem Wald. Solche Naturverjüngung solle möglichst ungestört bleiben, statt später ausgedünnt zu werden. Als positives Beispiel nannte sie den Nationalpark Hainich.

Zum Abschluss demonstrierte Rolfs an einer mächtigen Eiche oberhalb des Campingplatzes die gewaltige Ausdehnung ihres Wurzelsystems. Es reicht weit über den Kronendurchmesser hinaus. Über Wurzeln und Pilzgeflechte tauschten Bäume Wasser, Nährstoffe und chemische Signale aus – ein unterirdisches Netzwerk, das als „Wood Wide Web“ bekannt geworden ist.mi

Kommentare

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben


X