Über die Schwierigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen

Pfarrerin Heike Schuffenhauer und Mareike Clausing  am Altar der Talkirche.

 

Mareike Clausing ist noch ganz neu in der Talkirchengemeinde.

Anfang Februar hat die 32-jährige Theologin ihre Stelle als Lehrvikarin in Eppstein angetreten und ist zurzeit viermal pro Woche in der Burgstadt und absolviert den zweiten Teil ihrer praktischen Ausbildung am Theologischen Seminar Herborn, derzeit in Online-Seminaren. Ihr Schwerpunktthema ist gerade Religionspädagogik. Die eigentliche Gemeindearbeit hat für sie noch nicht begonnen. Praxis gibt es deshalb für die angehende Pfarrerin derzeit nur in der Burg-Schule.

Da kein Religionsunterricht stattfindet, hospitiert sie meistens im Deutsch-Unterricht und bereitet gerade ihre erste Unterrichtseinheit vor. Als Thema hat sie sich Ostern vorgenommen, allerdings nicht so sehr den religiösen Hintergrund, sondern, woher das Brauchtum kommt und wieso das Fest für viele Menschen wichtig ist. „Ich will das Interesse an Religion wecken und die Kinder zum Fragenstellen anregen“, sagt Clausing. Der Deutschunterricht muss religiös neutral bleiben. Ein schwieriger Spagat für die junge Frau – Einer von vielen in der Corona-Zeit.

Denn eigentlich hat sie ihren Beruf gewählt, weil sie auf Menschen zugehen will. „Zurzeit sind aber noch nicht einmal Gespräche zwischen Tür und Angel möglich“, bedauert Mareike Clausing. Selbst die Gottesdienstbesucher, die sich früher noch zum Plausch vor der Kirche trafen, eilen heute so schnell wie möglich nach Hause. Gesprächskreise, selbst Angebote unter freiem Himmel, gibt es zurzeit nicht. Im vergangenen Jahr hat sich nur ein einziges Brautpaar in der Talkirche trauen lassen.

Beim Konfirmandenunterricht hat Clausing inzwischen hospitiert. Selbstverständlich online. Die Konfirmanden die sich seit einigen Monaten auf die Konfirmation Anfang Mai vorbereiten, hatten bislang noch kein persönliches Treffen. „Ich weiß noch nicht einmal, ob sie sich untereinander kennen“, sagt Clausing. Trotzdem hegt sie die Hoffnung, dass sie die Gemeinde in den kommenden zwei Jahren kennenlernt. „Im Familienzentrum würde ich gern mal reinschnuppern“, sagt sie, „oder bei einer Marktmusik“.

Die erste Hürde will Mareike Clausing am Ostermontag nehmen und bereitet gerade ihre erste Predigt für den Gottesdienst vor. Thema ist die Auferstehung.

Bisher hat sie Pfarrerin Heike Schuffenhauer in den Sonntagsgottesdiensten assistiert: die Lesung vorgetragen, die Gemeinde begrüßt oder den Gemeindepart beim Psalm-Dialog übernommen. Eigentlich ist es üblich, dass die angehenden Pfarrer bei ihrer ersten Predigt auch zum ersten Mal ihren eigenen Talar tragen. Doch das maßgefertigte Kleidungsstück wird wohl nicht rechtzeitig fertig. Clausing nimmt’s gelassen: „Es gibt zurzeit drängendere Probleme als ein fehlender Talar.“

Pfarrerin Heike Schuffenhauer versucht Clausing in die Gemeindearbeit einzubinden. Sie selbst hält zurzeit außerhalb der Gottesdienste den Kontakt zu ihrer Gemeinde per Video-Botschaften, in denen sie über ein besonders Thema laut nachdenkt. In der Fastenzeit stellt sie sie sogar wöchentlich online. Auch für Karfreitag und Ostersonntag bereitet Schuffenhauer digitale Video-Andachten vor, für alle, die an Ostern nicht in die Kirche kommen – oder für den Fall, dass Präsenzgottesdienste von der Landeskirche abgesagt werden.

Schuffenhauers 15 bis 30 Minuten lange Botschaften haben bis zu 250 Aufrufe – „und das, obwohl wir recht lange sprechen“, sagt Schuffenhauer, denn die Gesprächspartner erzählen frei von ihren Erlebnissen oder über ihre Aufgaben: Zu ihnen zählen der Chefarzt des Höchster Klinikums, zwei Eppsteiner Cosplayer, die in ihrer Freizeit Fantasy-Figuren aus Videospielen darstellen, ein junges Ehepaarund eine Mediatorin.

Meistens findet die Pfarrerin Eppsteiner für ihre Gespräche und sucht gern ungewöhnliche Orte auf: Mit Revierförster Matthias Kirchner streift sie durch den Forst und spricht über den Waldzustand. Wassermeister Harald Mager begleitet sie in eines der Eppsteiner Wasserwerke. In einer der künftigen Video-Botschaften wird sie wohl auch die neue Vikarin vorstellen.

Aufgewachsen ist Mareike Clausing in Hamburg. Lesen und Malen gehören zu ihren Hobbys. Paddeln hat sie auf der Außenalster und im Sportverein gelernt und freue sich schon auf Paddeltouren auf der Lahn – „aber leider habe ich keinen Segelschein gemacht“, verrät sie. Dafür kann sie seit kurzem Autofahren. Weder in Hamburg noch in den Großstädten, in denen sie studierte, sei das notwendig gewesen, sagt sie lächelnd. Ihr Studium hat sie in Hamburg begonnen, wo sie auch ihren Freund kennengelernt hat. Auch er will Pfarrer werden. Gemeinsam studierten sie in Berlin und Mainz und wohnen inzwischen in Wiesbaden.

Nun hofft sie, dass sie bald mehr Gelegenheit hat, um mit den Eppsteinern ins Gespräch zu kommen.bpa

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