Die Schöne und das Biest: Annäherung an einen Vulkan

Aus mehreren Schloten feuert der Vulkan Lavafontänen in den Nachthimmel.Foto: Frank Wolf

Seit mehr als zwei Monaten hält der namenlose Vulkan am westlichen Hang des Bergrückens Cumbre Vieja auf La Palma die Welt in Atem.

Wie eine rotglühende Zunge ergießt sich seit dem 19. September der Lavastrom ins Tal, bedeckt bislang mehr als einen Hektar Land, hat mehr als 2700 Gebäude zerstört und über 7000 Menschen obdachlos gemacht.

Mitte Oktober flog der Ehlhaltener Höhlenforscher Frank Wolf auf die kanarische Insel, fasziniert von dem einzigartigen Naturschauspiel. Schon beim Hinflug war nicht klar, ob das Flugzeug auf La Palma landen konnte. Der Wind hatte gedreht und blies die Aschefahne Richtung Osten. Das Flugzeug landete dann doch planmäßig auf La Palma. Kurz darauf wurde der Flughafen vorübergehend geschlossen.

Noch am Tag seiner Ankunft machte Wolf sich auf die Suche nach den besten Aussichtspunkten und wurde am Abend belohnt: Auf dem El Time, nördlich des vom Vulkanausbruch betroffenen Aridane-Tals, bot sich ihm ein unvergesslicher Anblick: der Vulkan spie fauchend seine Lava aus, die orangerot leuchtend bis ins Meer floss. Am Touristenumlagerten Aussichtspunkt des El Time hielt Wolf sich nicht lange auf und suchte sich einen abgelegeneren eigenen Logenplatz.

Unvergesslich ist ihm seine Wanderung am Nachmittag auf den höchsten Berg von La Palma, den Roque de los Muchachos. Auf dessen Spitze liegt ein bedeutendes Astrophysikalisches Observatorium. Wolf legte die letzten Kilometer zu Fuß zurück und suchte sich einen Aussichtspunkt in die Caldera de Taburiente, im Hintergrund die Rauchsäule des Vulkans über den Wolken und darunter der glühende Lavastrom.

Am zweiten Tag seiner Reise näherte sich Wolf dem Vulkangebiet weiter an. Vom Hafen von Tazacorte aus sah er auf die neu entstandene Landzunge. In seinem Tagebuch notiert Wolf seine Eindrücke: „Eine jäh an der Steilküste von Tazacorte entstandene Fumarole gab mir das Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen. (Eine Fumarole ist ein unwillkürlicher Dampfausstoß, Anm. der Redaktion) Dazu trugen auch das ständige Fauchen der Lavafontänen und die permanenten Tremore und Erdbeben bei. Der Boden zitterte ständig, was sich an Klappern von Türen und Fenstern und Klirren von Gläsern im Schrank bemerkbar machte.“ Und überall Asche in der Luft: „Sie rieb in den Augen, knirschte zwischen den Zähnen und zwang zum Maskentragen.“ Doch die Bilder entschädigten ihn für die Strapazen.

Unmittelbar unterhalb des Vulkans, auf dem Empalme Tajuya entdeckte er einen idealen Spot, um die Lavafontänen zu beobachten. Die Nacht verbrachte Wolf auf einer Finca, die als besondere Attraktion ein Himmelbett im Freien vermietet, das einen fantastischen Blick über das Tal bietet.

Die Asche, die aufs Himmelbett prasselte, das Fauchen des Vulkans und die deutlich wahrnehmbaren Beben ließen ihn eher unruhig schlafen. Wie er am nächsten Morgen erfuhr, war der Vulkan in der Nacht wieder besonders aktiv: Der Hauptkegel ist teilweise zusammengebrochen, neue Lavaströme haben Teile der Gemeinde La Laguna zerstört. An diesem Tag wechselte Wolf auf die andere Seite der Lavazunge und musste dazu die Vulkankette auf ihrer Ostseite umrunden und sich von der Südspitze der Insel aus annähern. Die Straßen waren voller Asche. In der Landschaft lag sie teilweise meterhoch.

Diese Nacht verbrachte Wolf am Südzipfel der Insel am Strand Playa de Echentive, den brillanten Sternenhimmel über sich und den schwachen roten Schein der Lava hinter bizarren Lavafelsformationen hinter sich. Sogar dort unten, im äußersten Süden der Insel, prasselte hin und wieder Asche auf seinen Schlafsack. Am nächsten Morgen erfuhr Wolf, dass auch die Messstationen im Süden der Insel deutliche Bodendeformationen festgestellt hatten.

Der Strand mit schwarzem Sand und schroffem Hinterland entstand 1971 beim Ausbruch des Vulkans Teneguia, der bis zum Ausbruch des schlafenden Riesen in der Cumbre Vieja als der zuletzt aktive palmerische Vulkan galt.

Im Laufe der Nacht hatte der Vulkan weitere Verwüstungen angerichtet und Wolf beschloss, sich ins Gebirge zurückzuziehen: „Nur zu gut konnte ich die Menschen in El Paso und den umliegenden Gemeinden verstehen, die teilweise schon freiwillig evakuierten, weil sie die ständige Bedrohung durch den Vulkan und das permanente Getöse der Ausbrüche nicht mehr aushielten.“

Auf den Besuch des größten Höhlensystems der Insel bei Los Cardos verzichtete der Höhlenforscher vorsichtshalber. Wegen der Nähe zum Vulkan hatte er Bedenken, dass sich in dem rund 740 Meter langen Lavahöhlen-System giftiges Kohlendioxid angereichert haben könnte. Stattdessen verbrachte er einen Tag in den Höhlen und an den Stränden bei Garafía im Norden La Palmas.

Am nächsten Morgen stand Wolf frühmorgens auf, um den Sonnenaufgang im Gebirge zu erleben. Ein atemberaubendes Schauspiel, das sich ihm vom Roque de los Muchahos aus bot: Richtung Osten lugte der Pico del Teide auf der Nachbarinsel Teneriffa aus dem Wolkenmeer heraus. Richtung Südwesten stieß die gigantische Aschesäule des Vulkans durch die Wolkendecke hindurch. Unter den Wolken waren bei klarer Sicht die Eruptionen und die Lavaströme deutlich zu erkennen. Die nächsten Stunden verbrachte Wolf mit einer Wanderung zum Gipfel Torre del Time und erfuhr hinterher, dass in dieser Zeit das Evakuierungsgebiet um den Vulkan herum nach Norden verbreitert wurde. „Der Vulkan ist die Schöne und das Biest in einem“, sagt Wolf. Abends teilte ihm die Fluggesellschaft mit, dass sein Flug um einen Tag verschoben wurde…

Den zusätzlichen Tag auf der Vulkaninsel verbrachte Wolf wieder damit, den Sonnenaufgang in den Bergen und die fantastische urzeitlich wirkende Szenerie des Vulkans zu erleben. Der Vulkan schien an diesem Tag wieder besonders aktiv zu sein. Die Rauchsäule reichte weit über die Wolken hinaus. Wolf hatte sich noch einmal in Tazacorte eingemietet, um dem Vulkan ein letztes Mal so nah wie möglich zu sein: „Abends konnte ich dann von dem lavaspeienden namenlosen Monster beeindruckende Fotos seiner Aktivität festhalten. Die Lavaströme waren recht klar an den Flanken des Vulkans zu erkennen. An der südlichen Flanke des Vulkans war ein neuer Austrittspunkt entstanden.“

Auf dem Weg zum Flughafen am nächsten morgen „habe ich noch gesehen, wie der Lavastrom den Sparmarkt umzingelt, einen Fußballplatz einnimmt und Agro Rincon zerstört, ein Unternehmen, welches seit 20 Jahren auf die Produktion und den Vertrieb von kanarischen Avocados spezialisiert ist“, berichtet Wolf. Es kam zu weiteren Evakuierungen, Menschen zwischen La Laguna und Tazacorte, wo er die Nacht verbracht hatte, mussten ihre Häuser verlassen. In der Nacht hatte es ein Beben der Stärke 5 gegeben. Seitdem hat die Erdbebentätigkeit auf der Insel weiter zugenommen.

Wolfs Flug wurde auf einen Flieger von Teneriffa umgebucht und er verließ die Insel mit der Fähre – einigermaßen erleichtert, wie er gestand: „Ich hatte stets die Theorien der britischen Geologen im Hinterkopf, die schon vor Jahren behaupteten, dass sich ein Riss durch die Insel ziehe und bei einem erneuten Ausbruch am Cumbre Vieja die Westflanke La Palmas ins Meer stürzen könne.“ Diese Theorie sei zwar mittlerweile entschärft worden, schreibt Wolf in seinem Tagebuch, „aber auch die Tatsache, dass die Caldera de Taburiente durch den Einsturz einer entleerten Magmakammer entstanden ist, schürte meine Phantasie“.

Inzwischen halten Erderschütterungen und vulkanische Tätigkeit seit fast 70 Tagen an – bei 85 Tagen liegt der Rekord. So lange spuckte auf La Palma bisher nur der Tehuya im Jahr 1585.

Aktuelle Infos übernahm Wolf von www.la-palma-aktuell.de und dem Instituto Geográfico Nacional www.ign.es/web/ign/portal.EZ

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