„Vor allem am vergangenen Sonntag war der Ansturm einfach überwältigend“, zog Initiatorin Lucia Kretschmer vom Ortsausschuss nach dem zweiten Ausstellungswochenende Bilanz: „Wir haben Besucher aus dem gesamten Pfarreigebiet begrüßt, darunter viele Familien.“ Sie hofft auf einen ähnlich großen Ansturm am letzten Ausstellungswochenende, am kommenden Samstag und Sonntag.
Fast 50 Krippen hat Lucia Kretschmer für ihre Ausstellung bekommen: von Freunden und Bekannten, die einige Krippen zu Hause haben, Erbstücke zum Beispiel wie die Krippe ihrer Eltern und Schwiegereltern oder Urlaubsmitbringsel. Die Besucher staunten über die Vielfalt und wie unterschiedlich die immer gleiche Geschichte von der Geburt Jesu dargestellt wird. Darunter waren Klassiker wie die filigran geschnitzten Holzfiguren aus Südtirol, Natur belassen oder dezent koloriert, aber auch eine Olivenholzkrippe aus Israel.
Über die Begeisterung der Kinder habe sie sich besonders gefreut. Favorit bei Kindern und Jugendlichen war eine typische aus Holz geschnitzte, naturbelassene Bauernkrippe mit zahlreichen Figuren aus den 1960er Jahren: „Wenn ich nachgefragt habe, welches die schönste Krippe sei, haben die meisten Kinder auf diese gezeigt“, hat Lucia Kretschmer beobachtet. Neben dem Stall mit der heiligen Familie tummelten sich dort weitere Figuren wie Hirten, Frauen mit Wasserkrug oder einem Brotlaib, ein Wanderer mit seinem Bündel auf dem Rücken und die heiligen drei Könige samt Kamel.
Eine besondere Sammlung stellte Bogna Kiel zur Verfügung. Die ehemalige Lehrerin stammt aus Polen und hat einige Krippen aus ihrer Heimat mitgebracht: eine an naive Kunst erinnernde Figurengruppe aus bemaltem Holz und eine Krakauer Krippe, eine regionale Besonderheit, die inzwischen als immaterielles Weltkulturerbe gewürdigt wird. Bogna Kiels in Ehlhalten ausgestellte Krippe aus Stanniolpapier ist über 50 Jahre alt und eine der kleineren Exemplare.
Aus Stanniolpapier und bunten Folien fertigen polnische Kunsthandwerker bis zu 1,50 Meter große, detailreichen Darstellungen mehrstöckiger Paläste und Kirchen, in denen die eigentliche Krippe winzig ist und die Architektur einen opulenten Rahmen bildet. In Polen gibt es jedes Jahr sogar einen Wettbewerb auf dem Krakauer Marktplatz, wo die größten und schönsten Exemplare prämiert werden.
Zwischen zwei Holzstreben, die das Dachgebälk der Ehlhaltener Pfarrscheune halten, leuchtet ein anderes Kleinod: Eine Krippe in Hinterglasmalerei, ebenfalls aus Polen. Aus der Region der polnischen Tatra stammt eine faltbare Krippe aus bunt bemalter Pappe.
Zur Sammlung der „Miniaturkrippen“ hat Lucia Kretschmer etliche beigetragen: Zu den kleinsten gehört eine Krippe in einer Walnussschale oder die Krippe in der Streichholzschachtel aus dem Erzgebirge. In einem Bambusrohr haben brasilianische Kunsthandwerker winzige, bunt bemalte Püppchen zu Szenen aus der Weihnachtsgeschichte zusammengestellt. Eine winzige Figurengruppe aus rotem Ton ist ein Urlaubsmitbringsel von Lucia Kretschmer aus dem italienischen Greccio, wo Franz von Assisi im Jahr 1223 die erste lebendige Krippe inszeniert haben soll und, das deshalb als Ursprungsort für alle späteren Krippendarstellungen gilt.
Besonders angetan ist Lucia Kretschmer von den Weihnachtskarten, auf der eine Schuhputzerin aus Bolivien mit bunten Stoffresten eine Szene aus der Weihnachtsgeschichte geklebt hat. „Mit solchen Postkarten finanzieren die Frauen der Schuhputzer das Schulgeld für ihre Kinder“, sagt Lucia Kretschmer. Jede Krippe habe ihre eigene Geschichte, sagt sie. Sie kennt fast alle. Zum Beispiel, wie die über 100 Jahre alte Krippengruppe auf dem Dachboden der Ehlhaltener Kirche entdeckt wurde. Der Ehlhaltener Stephan Racky hat die arg ramponierten Figuren aus Gipsguss geklebt, gespachtelt und bemalt. „Ich hatte wochenlang weiß bemehlte Hände“, sagt er am Rand der Ausstellung.
Die Mühe hat sich gelohnt: Der kleine Verkündigungsengel schwebt wieder mit ausgebreiteten Armen über dem First des aus einfachen Ästen gefertigten Stalls, einer der Hirten, der besonders stark beschädigt war, zieht nun wieder grüßend seinen Hut vom neu befestigten Kopf.
Die einfachen Figuren der späteren Ehlhaltener Krippe von 1970 aus Pappmaché mit selbst genähten Gewändern aus Stoffresten haben etliche jüngere Generationen von Ehlhaltener Kindern durch die Weihnachtszeit begleitet, bis sie 2020 durch eine neue, schlichte Holzkrippe ersetzt wurden.
Aufsehen erregte auch die größte der ausgestellten Figurengruppen, eine zweite Krippe aus der Hofheimer Pfarrkirche St. Peter und Paul aus den 1970er Jahren.
Neben Krippen aus Holz, Porzellan, Gießharz oder Stoff fanden auch eine liebevoll aus Playmobil-Figuren zusammengestellte Krippe oder die von Kretschmers Tochter vor etlichen Jahren selbst aus Sektkorken mit Stoff- und Lederresten gebastelte Krippenfiguren einen Platz. Ätherisch beleuchtet schimmert in einer Fensternische eine im modernen 3D-Drucker entstandene Version der Weihnachtsszene. Um 1950 entstand die schlichte, aber detailreiche Krippe der Familie Streifel. Der Vater, ein Heimatvertriebener, sägte die Figuren aus Sperrholz aus und schuf mit wenigen Pinselstrichen und Farbe die heilige Familie, die heiligen drei Könige, Hirten, eine Schafherde und eine Ziege.
Während sich etliche Gäste nach dem Ausstellungsbesuch Kaffee, Kuchen oder einen Glühwein gönnten, durften die Kinder sich in einer Spielecke ihre eigene Krippe aufbauen oder malen. Die Krippenausstellung ist noch einmal am Wochenende geöffnet, Samstag und Sonntag, 10. und 11. Januar, jeweils von 14 bis 18 Uhr. Die Helfer um Lucia Kretschmer freuen sich über Spenden zum Erhalt der Ehhaltener St. Michael-Kirche.
Als vor kurzem feststand, dass Ehlhaltens Kirche zu den Gotteshäusern gehört, die künftig nicht mehr vom Bistum bezuschusst werden, entstand die Idee, in der Krippenausstellung Geld für den Erhalt zu sammeln. Kretschmers Ehemann Albert, Mitglied im Verwaltungsrat der Pfarrei St. Elisabeth, hat eine Liste der Reparaturkosten für 2025 erstellt, um zu veranschaulichen, welche Kosten die Ehlhaltener künftig selbst aufbringen müssen, wenn sie ihr Gotteshaus erhalten wollen. Anhand der Reparaturen in der Kirche im vergangenen Jahr rechnete er aus, dass dafür rund 5000 Euro pro Jahr notwendig sind – falls keine größeren Schäden auftreten. Froh sind die beiden Kretschmers, dass das Gemeindehaus, die beliebte Pfarrscheune, weiterhin bezuschusst wird. bpa



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