Gemeinsamer Abschied nach 47 Jahren im Rathaus

Regina Schleicher und Rosemarie Pietrek haben beide am 1. September 1978 ihre Ausbildung bei der Stadt begonnen und gehen jetzt gleichzeitig in Rente.
            Foto: Stadt Eppstein

Regina Schleicher und Rosemarie Pietrek haben beide am 1. September 1978 ihre Ausbildung bei der Stadt begonnen und gehen jetzt gleichzeitig in Rente.

Foto: Stadt Eppstein

Ihre ersten Schritte im Berufsleben sind Regina Schleicher und Rosemarie Pietrek vor gut 47 Jahren gemeinsam gegangen, gemeinsam verabschiedeten sie sich jetzt zum Jahresende von den Kollegen im Rathaus.

Beide begannen am 1. September 1978 ihre Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, beide verkürzten die Ausbildung wegen ihrer guten Zwischennoten um ein Jahr und arbeiteten seitdem in der Eppsteiner Stadtverwaltung.

Regina Schleicher stammt aus Ehlhalten und ist bis heute froh, „dass ich nie weit zu meiner Arbeit fahren musste, schon wegen der Kinder“. Ihre drei Jungs Florian, Christian und Robin sind 42, 37 und 27 Jahre alt. Deshalb sei sie froh, dass sie halbtags arbeiten konnte: „Die Kinder gingen in Ehlhalten in den Kindergarten und später in Vockenhausen zur Schule, ich war also immer für sie erreichbar“, sagt Regina Schleicher, zu deren Familie noch zwei Katzen, zwei Landschildkröten und aktuell ein Hund gehören. Platz hat sie in der ehemaligen Hofreite ausreichend, die sie von ihrer Großmutter geerbt und mit Ehemann Horst saniert hat.

Vor einigen Jahren hat sie ein Buch geschrieben „Nala ist nicht umsonst gestorben“, in dem sie das Schicksal ihrer Hündin schildert, die sie von einem unseriösen Hundehändler kaufte, der sich fälschlich als Züchter ausgab. Die Veröffentlichung hat sie sich als eines ihrer Projekte für den Ruhestand vorgenommen.

Nach ihrer Lehre blieb Regina Schleicher im Rathaus I in Vockenhausen. Einige Jahre lang arbeitete sie im Bauamt, wechselte dann zur Stadtkasse und vor rund 18 Jahren ins Steueramt, wo sie bis zuletzt arbeitete – „in einem wirklich tollen Team“, sagt sie. Egal in welcher Abteilung, die Arbeit sei immer abwechslungsreich gewesen. Am meisten habe sie die Begegnungen mit den Menschen geschätzt, besonders, wenn es um die Hundesteuer ging: „Wenn jemand einen neuen Hund angemeldet hat, hat sich immer ein Gespräch ergeben“, sagt sie und auch, wenn ein treuer Gefährte nach seinem Tod abgemeldet wurde, habe sie versucht, Trost zu spenden, schließlich habe sie sich auch schon von einigen ihrer Vierbeiner verabschieden müssen. Ihre Retriever-Hündin Flocke, starb erst vor wenigen Wochen.

Allerdings riefen oft auch verärgerte Bürger an oder standen empört mit einem Schreiben der Stadt in der Hand vor ihrem Schreibtisch. Dann müsse man die Ruhe bewahren, sagt Schleicher, denn zunächst einmal hätten die Menschen ja ein Recht darauf, dass sie ihnen das Schreiben erklärt: „Die meisten lassen sich beruhigen und sind oft auch dankbar, wenn man ihnen vermitteln kann, warum die Stadt eine Forderung erhebt“, sagt sie.

Am meisten werden sie die Kollegen und Kolleginnen vermissen sind sich Regina Schleicher (65) und Rosemarie Pietrek (64) einig. Pietrek zog 1971 als Zehnjährige mit ihren Eltern von Frankfurt nach Eppstein und empfand den Wechsel von der Stadt ins Dorf als Kulturschock. „Das erste Mal bin ich mit meiner Oma 1969 noch in der Dampflok nach Eppstein gefahren, mitten im Winter, und ich kam mir vor wie in einer Märchenlandschaft“, erinnert sie sich, „aber wohnen wollte ich hier nicht“. Nach dem ersten Jahr in der Freiherr-vom-Stein-Schule hatte sie viele neue Freunde gefunden „und alles war gut“, sagt Rosemarie Pietrek lachend.

Als es Zeit wurde für die Berufswahl stand für sie nur fest: „Ins Büro gehe ich nie!“. Etwas Kreatives wollte sie lernen, Schneiderin oder Modezeichnerin; sie träumte von einer Ausbildung in der Höchster Porzellanmanufaktur. Aber Lehrstellen waren damals rar gesät. Die Bewerbungszeit verstrich und Rosemarie Pietrek hatte keine Ausbildung. Auf Wunsch ihrer Eltern absolvierte sie ein kaufmännisches Grundbildungsjahr. Als Nachbarn des damaligen Eppsteiner Bürgermeisters Richard Hofmann regten ihre Eltern an, dass sie dort wegen einer Ausbildung im Rathaus nachfragen sollte.

Wenig begeistert habe sie ihre Ausbildung bei der Stadt begonnen, die Entscheidung aber später nie bereut, sagt Pietrek. Auch sie schwärmt von den tollen Kollegen damals im Rathaus II in Eppstein und später in Vockenhausen. „Wir waren wie eine Familie“, sagt sie, Nach ihrer Lehre arbeitete sie im damaligen Einwohnermeldeamt, wurde 1986 Standesbeamtin und blieb dort bis zur Geburt ihres Sohnes 1989, wenige Jahre später kam ihre Tochter zur Welt, so dass Pietrek 1994 ihre Arbeit wieder aufnahm, allerdings im Steueramt in Vockenhausen, wo sie später mit Regina Schleicher zusammenarbeitete.

2004 traf sie ein Schicksalsschlag: Leukämie! Noch heute ist sie der Stadt dankbar, dass die Stadt damals eine Typisierungsaktion für Stammzellenspender organisierte, die tatsächlich auch für sie erfolgreich war: Ein geeigneter Spender wurde gefunden und Rosemarie Pietrek behandelt. 2006 begann ihre Wiedereingliederung in ihren Beruf, in ihre alte Stelle im Steueramt, die die Stadt für sie freigehalten hatte.

Zwischenzeitlich zog sie nach Fischbach, kehrt aber gerade wieder zurück nach Eppstein und steckt mitten im Umzug in eine Eigentumswohnung in Eppstein, die sie von ihrer Mutter geerbt hat. „Die Verbindung nach Eppstein bleibt also bestehen“, sagt sie und freut sich schon auf das nächste Treffen mit den ehemaligen Kollegen. Gesprächsthemen haben die beiden Wegbegleiterinnen auch dann noch genug: Regina Schleicher erwartet im Mai ihr drittes Enkelkind, Rosemarie Pietrek freut sich auf die Hochzeit von Tochter Melissa im Laufe des Jahres, Sohn Jonas will im nächsten Jahr heiraten.bpa

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