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Nach drei Jahren auf Wanderschaft zieht es Nils nach Hause

Nils Boeck ist als Dachdeckergeselle auf Wanderschaft und hat bei der Ehlhaltener Firma Becht Arbeit gefunden.

Seit drei Jahren ist Nils Boeck auf der Wanderschaft.

Direkt nach seiner Ausbildung zum Dachdecker in der Nähe von Ahrensbök in Schleswig-Holstein beschloss er, auf die Wanderschaft zu gehen und sich den Rolandsbrüdern anzuschließen, einer der traditionellen Gesellschaften der Handwerksgesellen auf der Walz. Jetzt hat der junge Dachdecker als letzte Station vor seiner Heimkehr bei Dachdeckermeister Torsten Becht in Ehlhalten nach Arbeit gefragt – vorgesprochen wie die Handwerksgesellen sagen. Dort sind die Auftragsbücher randvoll und Boecks Arbeitskraft hochwillkommen. Gute Handwerker sind gesucht. Dachdeckermeister Torsten Becht bestätigt: „Wir haben zum Teil ein halbes Jahr Vorlauf bei unseren Kunden, weil wir nicht genügend Mitarbeiter haben.“

Arbeit zu finden sei kein Problem, berichtet Boeck, schwieriger sei es, eine Unterkunft für die Nacht zu suchen. In Ehlhalten hat er Glück. Familie Becht hat Platz genug. Ein Klappbett im Partyraum sei völlig in Ordnung für ihn, sagt der Wandergeselle. Bei Frühstück und Abendessen sitzt er mit am Tisch. Auf der Wanderschaft ist die Familie des Meisters oder des „Krauters“, wie die Gesellen sagen, oft Ersatz für die eigene Familie. „Da fließen beim Abschied auch schon mal die Tränen“, weiß Nils.

Den Tipp, bei der Dachdeckerei in Ehlhalten anzufragen, erhielt er, als er durch Wildsachsen tippelte. Bis Anfang Dezember will er bleiben. Dann geht’s nach Mannheim, um sich in der Gesellschaft dort nach Brauch der Rolandsbrüder einheimisch zu melden, bevor er zur Heimkehr-Tippelei Richtung Norden aufbricht.

Dort wird er schon sehnsüchtig erwartet. Die Familie wolle eigens ein Ortsschild am Eingang des kleinen Dorfes aufstellen und erwarte, dass er darüber klettert, erzählt der Rolandsbruder. Die Kletterei sei ein sehr junger Brauch und habe nichts mit der eigentlichen Tradition der Walz zu tun, aber der Familie zuliebe werde er sich wohl übers Ortsschild bemühen und eine bei der Abreise vergrabene Schnapsflasche ausbuddeln. Für das 250-Seelendorf Böbs sei seine Heimkehr schon etwas Besonderes.

Gerade mal 19 Jahre alt war er bei seiner Abreise und wollte vor allem eines: Weg von zu Hause „und unabhängig von Familie und Freunden selbstständig werden“, sagt der jetzt 22-Jährige. So nahm er seinen Wanderstab, den „Stenz“, und packte seinen „Charly“ – den sogenannten Charlottenburger. In dem 80 mal 80 Zentimeter großen mit Motiven der Wanderschaft bedruckten Tuch tragen die Wandergesellen ihre Habe fest eingeschnürt und an einem Trageriemen befestigt, mit sich.

Hut und Kluft – so heißt die Arbeitskleidung mit Schlaghose, Weste und Jacke aus meist schwarzem Manchester-Cord, Englischleder oder Samt – trägt er genau wie die anderen wandernden Bauhandwerker: Zimmerer, Maurer, Steinmetze, Steinsetzer, Stuckateure und Tischler. Typisch für die Rolandsbrüder ist die blaue „Ehrbarkeit“. So nennen die Gesellen das gehäkelte Band, das viele von ihnen an der Staude, dem kragenlosen Zunfthemd, befestigt tragen und deren Farbe Erkennungsmerkmal der einzelnen Gesellschaften ist.

In Schleswig-Holstein gibt es einige große Gesellschaften und recht viele Wandergesellen. Das brachte ihn auf die Idee, selbst loszugehen. Im nahen Lübeck erkundigte sich der gerade freigesprochene Geselle bei der dortigen Gesellschaft der Rolandsbrüder nach den weiteren Voraussetzungen und erfuhr, dass er bei Beginn der Wanderschaft nicht älter als 27 Jahre, unverheiratet, schuldenfrei und Mitglied einer Gewerkschaft sein sollte.

Die Rolandsbrüder haben rund 30 Gesellschaften, meist in Deutschland, die einheimische Wandergesellen gegründet haben. Sie organisieren beispielsweise das jährliche Maitreffen, das an die Gründung des Rolandschacht am 1. Mai 1891 von fünf Bremer Maurern in Nürnberg erinnert. Sie nannten die neue Gesellschaft nach dem Wahrzeichen ihrer Heimatstadt, der Statue des Bremer Roland.

Am schwersten sei ihm bei der Abreise der Abschied von seiner damaligen Freundin gefallen, räumt Nils ein. Sonst habe er nicht viel aufgeben müssen. Auch wenn er sich seinem Heimatort für mindestens drei Jahre und einen Tag nicht weiter als auf einen Umkreis von 60 Kilometern nähern dürfe, bleibe die Familie ja erhalten. Selbst den Führerschein habe er erst auf der Wanderschaft gemacht.

In der Anfangszeit reiste er viel in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, war in Italien, Frankreich, in Schweden und Dänemark unterwegs. Südamerika habe er zusammen mit einem Kameraden von Argentinien über Paraguay, Bolivien und Peru bis nach Ecuador durchquert. In Afrika war er in Namibia, Sambia und Äthiopien: „In Sambia habe ich beim Bau einer Waschküche geholfen, in Bolivien überquerten wir einen Fluss in einer Nussschale“, erzählt er.

In Deutschland spricht er als „ehrbarer Handwerksgeselle“ in den Rathäusern vor, in Afrika und Südamerika in den deutschen Botschaften. In Äthiopien wurden sie gebeten, in der Botschaftsschule über ihr Handwerk und die Wanderschaft zu erzählen. In Dänemark saß er „mit einem zahnlosen Seebären in einer Hafenkneipe“. Die unzähligen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen machen die Reisezeit zu etwas Besonderem.

Doch jetzt zieht es ihn nach Hause. „Ich möchte wieder einmal durch eine Stadt gehen, ohne auf die Wanderschaft angesprochen zu werden“, mit der Kluft sei man immer ein Exot und stehe im Mittelpunkt, sagt er, denkt aber auch mit gemischten Gefühlen an die Heimkehr. Ein wenig Angst vor der ungewohnten Sesshaftigkeit ist auch dabei: „Mal sehen, wie lange ich es dort aushalte.“

Er habe gelernt, allein zurecht zu kommen und vom Reisen habe er noch lange nicht genug: „Nach Dänemark will ich auf jeden Fall wieder und vielleicht noch über Winter nach Vietnam…“ bpa

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