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Diese Kellermäuse peppen Kostüme mit Spitze und Bändern auf

Die drei Kellermäuse: Helga Terzka, Gerda Bimmel und Nicola Sasse.

Den Namen „Kellermäuse“ haben sich Gerda Bimmel, Helga Terzka und Nicola Sasse selbst gegeben, weil ihr Arbeitsplatz, der Kostümfundus der Burgschauspieler, im Keller des Rathaus II in der Rossertstraße liegt.

Seit etwa eineinhalb Jahren betreuen die drei Frauen das Lager im ehemaligen „Volksbad“ der Stadt Eppstein. Die gefliesten Wände erinnern noch an die Nutzung des knapp 40 Quadratmeter großen Raums als öffentlicher Baderaum bis in die 1960er Jahre hinein. Später lagerte das Stadtarchiv bis zum Umzug in die ehemalige Kegelbahn vor fünf Jahren dort historische Akten.

Jetzt haben die drei Burgschauspielerinnen darin Nähmaschine und Bügeleisen aufgebaut und sortieren den gesamten Fundus. „Die drei sind eine echte Entlastung für uns“, sagt die Vorsitzende der Burgschauspieler, Juliane Rödl, die vorher allein für die Kostüme zuständig war und, so Rödl, „außerdem dreimal damit umziehen musste“. Dann sprach sie den damaligen Bürgermeister Peter Reus auf die leer stehenden Archivräume im Rathaus II an und hatte Glück, dass die Stadt die Räume nicht selbst nutzen wollte.

Ständig kommen neue Kostüme hinzu, andere werden aussortiert. Gerda Bimmel hat einen geblümten Rock aus den 70er Jahren in der Hand und überlegt laut: „Zum Wegschmeißen sind die Sachen viel zu schade“, aber im Fundus nehmen sie Platz weg, der dringend benötigt wird. Deshalb wird Vieles, das noch tragbar ist, zum DRK-Laden gebracht. „Die Kleider dürfen nicht zu dicht hängen, sonst fangen sie an zu stocken“, sagt Bimmel und betrachtet die beweglichen Kleiderständer, auf denen die Schätze der Kellermäuse auf ihren Einsatz auf der Bühne warten.

In den Regalen an den Wänden stapeln sich Kisten mit Requisiten. In einer davon lagert die goldene Hose, mit der Richard El Duweik bei den Burgfestspielen im vorigen Sommer zum Vergnügen des Publikums über die Bühne flitzte, in einer anderen Unterwäsche „(antik)“, wie die Aufschrift verrät. Es gibt Kisten mit Hexen- oder Chinesenhüten, Hühnern und Brezeln – klein und groß.

Im Jubiläumsjahr 2018 haben die drei besonders viel zu tun: Einen Teil der Kostüme verleihen die Burgschauspieler gegen eine Gebühr von 25 Euro an Eppsteiner, die sich für Ritterfest oder Mittelaltermarkt herausputzen wollen. Zum Neujahrsempfang gab es die ersten Anfragen. Bislang liehen sich Eppsteiner für Themenfeste und einmal sogar für eine Mittelalter-Hochzeit auf der Burg Kostüme aus. Auch Bürgermeister Alexander Simon wurde schon bei den Kellermäusen fündig: Wenn er nicht die rote Robe der Ratsherrn trägt, tritt er im Schultheißen-Gewand aus braunem, schimmerndem Stoff auf, das ihm die Burgschauspieler zu besonderen Anlässen im Jubiläumsjahr leihen.

Besonders gefragt sind im Jubiläumsjahr Roben aus dem Hochmittelalter, der Zeit der Stadterhebung. Alle Gewänder, die für den Verleih bestimmt sind, wurden für den Fundus auf der Internetseite der Burgschauspieler, burgschauspieler-eppstein.de, fotografiert. Interessenten können einfach mittwochs um 17 Uhr vorbeischauen oder sich bei Juliane Rödl anmelden, Telefon 3 39 31.

„Seit ich hier angefangen habe, habe ich meine Liebe fürs Nähen entdeckt und sitze auch zu Hause oft an der Nähmaschine“, sagt die 65-jährige Helga Terzka, die schon einige Mittelalter-Gewänder genäht hat. Ähnlich geht es Nicola Sasse aus Ehlhalten. Die 55-Jährige ist die einzige im Trio, die noch berufstätig ist und deshalb nicht immer pünktlich um 17 Uhr zum Treffen im Kostümfundus kommen kann. Die 81-jährige Gerda Bimmel hat die Schlüsselgewalt, „weil ich fast immer erreichbar bin“.

„Nähen muss man schon können“, sind sich Bimmel, Terzka und Sasse einig. Meistens müssen Kleider aus dem Fundus repariert oder abgeändert werden. „Beim Weihnachtsmärchen hatte ich Nähmaschine und Bügeleisen hinter der Bühne stehen, weil es so viel zu ändern gab“, sagt Terzka und Sasse ergänzt: „Ein Bündel Sicherheitsnadeln gehört zu unserer Bühnenausrüstung“.

Auch das neue Stück für die Burgfestspiele ist, so Bimmel, „extrem aufwändig“. Helga Terzka zeigt die Kostümblätter, die Regisseur Timo Pfanzer ihnen geschickt hat: „So sah die Mode um 1650 aus“: Damen mit Korkenzieherlöckchen und weiten Röcken mit Hüftpolstern, Herren mit Kniebundhose und Gehrock, alles über und über mit Schleifen und Spitzenrüschen verziert. Gespielt wird das Stück „Der Bürger als Edelmann“ von Molière in der hessischen Fassung von Rainer Dachselt. Die 15 Darsteller sind im Stil der Zeit weiß gepudert und tragen Kostüme aus der Zeit des Barock. Zum Teil wechseln sie ihr Gewand samt Kopfschmuck mehrmals im Laufe des Stückes. „Das heißt aber auch“, so Bimmel, „dass wir entsprechend viele Kostüme herrichten müssen“. Die drei stehen im Sommer auch auf der Bühne, Terzka und Sasse mit Sprechrollen, Bimmel als Statistin im orientalischen Gefolge.

Beim Kostümbasar des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden vor einigen Wochen „haben wir richtig zugeschlagen“, sagt Juliane Rödl und zeigt Pluderhosen und Roben.

Ein goldenes Gewand mit aufwändig geschlitzten Ärmeln für Nicola Sasse als Filomela von Falkenstein war auch unter den erbeuteten Kleidungsstücken. Fertig sind die Kostüme noch lange nicht: Spitzenbesätze und Schleifen, wichtige modische Accessoires ihrer Zeit, fertigt das Trio selbst. Damit der Kniebund der Herrenhose gut sitzt, wird ein Gummiband eingezogen, ein Mantel mit einem goldenen Rüschenkragen aufgepeppt. Dazu müssen passende Spangenschuhe oder Stulpenstiefel und Hüte oder Perücken herausgesucht werden.

„Am Anfang haben wir erst einmal nach Art der Kleidung und nach Damen und Herren sortiert“, sagt Bimmel. Sämtliche Kostüme wurden gewaschen, geflickt und gebügelt. Blaue Bändchen am Bügel zeigen an, welche Kleider einsatzbereit sind. Auf einem separaten Kleiderständer sammeln sie alles, was noch gründlich inspiziert werden muss. Seitdem das Trio die Herrschaft über den Fundus übernommen hat, darf kein Burgschauspieler mehr wie früher selbst nach Kostümen stöbern. Die Frauen haben ihr eigenes Ordnungssystem aufgebaut und begonnen, die Kleidungsstücke zu katalogisieren und nach Themen zu sortieren. „Das letzte Knowhow aber haben wir immer noch im Kopf“, sagen die drei lachend. bpa

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