Kunst, die zusammenführt

Der 75 Jahre alte Mammutbaum – genauso alt wie das Grundgesetz – inspirierte Achim Ripperger zu seinem Werk „Uns blüht die Freiheit“.Foto: Walter Adler/adler-photoart.de

Das Kreischen der Motorsägen war verstummt, die Werke fertig und Künstler sowie Organisatoren glücklich und zufrieden. Das neunte Holzbildhauer-Symposium ging am Sonntag auf dem Holzlagerplatz der Firma MB Baumdienste mit einer Finissage zu Ende.

Es war eine gelungene Freiluftparty, die musikalisch von drei Musikern des Landesjugend-Jazz-Orchesters und kulinarisch mit Würstchen vom Grill der Bremthaler Feuerwehr begleitet wurde.

„Wir hatten das gesamte Orchester seinerzeit im Bürgersaal zu Gast. Mit Moritz Spieß (Percussion), Inno Winter (Gitarre), Alisa Pou Montz (Kontrabass) konnten wir drei sehr interessante Menschen für unsere Finissage gewinnen“, so Horst Winterer, Vorsitzender des Kulturkreises Eppstein.

„Wir bleiben noch gerne weitere drei Wochen“ scherzte die Künstlerin Franziska Uhl. Zusammen mit Künstler Achim Ripperger bedankte Uhl sich im Namen aller Teilnehmer für die liebevolle Betreuung. Man sei in kurzer Zeit mit großer Offenheit zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.

Jochen Quack, Urgestein und mit 85 Jahren Senior der Arbeitsgruppe Holzbildhauer Symposium, war in der Jury für die Auswahl der acht Künstler für das diesjährige Symposium.

„Please touch“ und „Weitblick“ für den Skulpturenweg

Man habe dieses Jahr auf eine externe Jury verzichtet, so Jochen Quack. Zwei Kunstwerke sollen demnächst auf dem Skulpturenweg in Bremthal aufgestellt werden. „Die Wahl richtete sich nach praktischen Gesichtspunkten wie Haltbarkeit und Stabilität. Natürlich muss es auch künstlerisch passen“, verriet Quack.

Während der intensiven Woche hatten die Künstler auf relativ engem Raum nebeneinander gearbeitet und sich dabei den Lärm ihrer Sägen, aber auch das Werkzeug und gegenseitige Tipps geteilt. Viele Besucher begleiteten die Entstehung der Kunstwerke. „Dieses kontinuierliche, während der ganzen Woche nicht nachlassende, ernsthafte Interesse habe ich noch auf keiner vergleichbaren Veranstaltung erlebt“, lobte Künstlerin Martina Kreitmeier. Viele Besucher seien mehrfach in der Woche gekommen, um den Werdegang der Skulpturen zu beobachten.

Kreitmeiers Skulptur „Weitsicht“ wird voraussichtlich auf dem Skulpturenweg aufgestellt. „Meine Frauenfigur schaut in die Ferne, sie hat die Zukunft im Blick. Weitsicht ist hier im Sinne von Verantwortung gemeint“, erklärte Kreitmeier. Ursprünglich wollte sie etwas Abstraktes aus Eiche schaffen. Doch dafür seien die Stämme viel zu gerade gewachsen. Sie entschied sich für einen 120 Jahre alten Schwarznuss-Stamm mit interessanter Färbung von hell und dunkel. „Auf das Holz musste ich mich erst einlassen. Es ist zwar sehr edel, aber auch extrem hart. Ständig musste meine Säge neu geschärft werden“, verriet Kreitmeier.

Achim Rippergers Gigant mit dem Titel „Uns blüht die Freiheit“ überbringt die klare Botschaft, die Demokratie müsse als Garant für Freiheit geschützt werden. Das Grundgesetz feiere seinen 75. Geburtstag. Genauso alt sei dieser Mammutbaum geworden. „Der Gigant halte die Blüte als Symbol für die Freiheit schützend in seinen übergroßen Händen“, denn erst die Freiheit eröffne dem Menschen die Möglichkeiten zur Entfaltung.

Mit Blick auf den fünf Meter hohen Baumriesen, der am unteren Ende 170 Zentimeter Durchmesser hat, lachte Ripperger: „Es muss mich eine Art Größenwahn bei der Wahl des Baumes gepackt haben“. Nur mit einer kleinen Akku-Säge sei er ihm zu Leibe gerückt und habe grob weggeschnitten, was nicht nach Gigant aussah. „Aus Ehrfurcht vor dem Thema habe ich den Stamm teilweise auch roh gelassen und nur Zeitfenster hineingeschnitten.

Ulrike Gölner hatte sich ebenfalls für das edle Holz der Schwarznuss entschieden. Sie folgte bei der Bearbeitung ihrer „Pflanze 4“ der Bewegung im Stamm und verstärkte sie durch tiefe Schnitte. So entstand eine pflanzenartige Auffächerung. Sie setzte die schwarz-weißen Elemente des Holzes in Szene und unterstützte ihren seidigen Glanz durch eine Lasur.

Franziska Uhl schuf schwarze Figuren mit fließendem Verlauf und nannte sie „Engel“ und „panta rhei“ – „Alles fließt und nichts bleibt“, ein Ausspruch, der dem griechischen Philosophen Heraklit (540- 480 v. Chr.) zugeschrieben wird. Das einzig Beständige sei der Wandel, Bewegung statt Stillstand, Innovation statt Festhalten an alten Zöpfen. Doch für die Entstehung der seidenweichen, schwarzen Oberfläche nutzte sie eine uralte Technik zur Konservierung von Holz: Feuer. Dazu flämmte sie die Oberfläche des Stammes mit einer Gasflamme ab und bürstete und polierte die Oberfläche, bis diese sich unglaublich zart anfühlte. „Man mag gar nicht aufhören, die Figur zu streicheln“, meinte eine Besucherin fasziniert.

„Please touch“, anfassen erwünscht, nannte Maurizio Perron seine Skulptur aus Eiche, die ebenfalls auf dem Skulpturenweg aufgestellt wird. Er möchte, dass die Menschen sein Kunstwerk mit allen Sinnen erfahren. Der Geruch des Holzes, die Haptik der bearbeiteten Fläche gehörten genauso wie der optische Eindruck dazu. In seiner Skulptur kämpfen runde, knubbelige Naturformen mit kantigen brettartigen Strukturen. „Es symbolisiert den Kampf des Menschen mit der Natur, doch die Natur gewinnt immer“, erklärte Perron.

„Neubeginn“ nannte Klaus F. Hunsicker sein Objekt aus Mammutbaum. Beim Blick aus dem Fenster habe ein sich öffnendes Farnblatt ihn zu dieser Form inspiriert. „Die Bäume haben tragische Schicksale hinter sich“, erläuterte Hunsicker. Beim Symposium würden die stolzen Eichen vom Rettershof, die Schwarznuss aus dem Biebricher Schlosspark und der Mammutbaum aus einem Königsteiner Privatgarten als Skulptur einen Neubeginn starten.

Hunsicker ist in Deutschland relativ unbekannt, im Ausland sei er auch schon mal als „a big number“ bezeichnet worden. „Dort beurteilt man einen Künstler eher nach seinem Werk, weniger danach, wessen Meisterschüler man war“, so Hunsicker, der nie die Zeit gefunden hat, ein Kunststudium zu absolvieren. Seine Erfahrungen während seiner Zeit auf der Walz als Steinmetz und die Umsetzung seiner vielen Ideen und Inspirationen seien seine Lehrmeister gewesen. P. Ariane Ehinger hatte eine Möbiusschleife geformt, ohne erkennbaren Anfang oder Ende. Das sei das Merkmal einer Möbiusschleife. Wegen ihres gedrehten Aufbaus könne man nicht zwischen oben, unten, innen und außen unterscheiden. Die Skulptur „Balance“ von Christoph Rossner schien jeden Moment in sich zusammenzufallen. Doch die Optik täuschte, denn mit fein ausbalancierter Statik stand sie fest an ihrem Platz.

Rossner freute sich, dass er so viele ungewöhnliche Hölzer zur Auswahl hatte. Er war mit klaren Formvorstellungen angereist, um Varianten seiner Modelle aus Schwarznuss, japanischem Schnurbaum und Mammut zu schaffen. „Ich hatte mir fast zu viel vorgenommen, doch ich bin zufrieden“, meinte Rossner mit Blick auf seine Objekte, die er teils mitgebracht, teils neu geschaffen hatte. Bildhauer Frank Leske, Teilnehmer des vorigen Symposiums, führte die Besucher mit leichter Hand durch die Finissage. Im Interview ließ er die Künstler ihre Objekte kommentieren. In ihrer Rede sprach die stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin Eva Waitzendorfer-Braun über die Verbundenheit der Eppsteiner mit ihrem Wald, den Bäumen und dem Material Holz. Sie zitierte aus dem Gästebuch des Symposiums. Dort habe ein Neunjähriger es auf den Punkt gebracht: „Ich finde es toll, was ihr macht!“ Das sahen die Besucher auf dem Platz genauso. ffg

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