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Vier Eppsteiner Erzbischöfe und ihr Ringen um Macht und Einfluss

Im Mainzer Dom ist Siegfried III. dargestellt mit Heinrich Raspe (li.) und Wilhelm von Holland. Foto: Popovic

Seit vielen Jahren forscht der Bremthaler Arzt Dr. Michael Popovic über Medizin-, Kultur- und Familiengeschichte und hat zahlreiche Berichte publiziert.

Er konzentriert sich dabei auf Böhmen, die Heimat seiner Eltern, aus der sie 1946 vertrieben wurden, und in diesem Zusammenhang auf die Geschichte des früheren Königreiches Böhmen und seiner Bedeutung für die Geschichte Europas. Dabei stellte er fest, dass der Einfluss der Mainzer Erzbischöfe aus dem Haus Eppstein bis nach Böhmen reichte. Die Verleihung der Stadtrechte für Eppstein vor 700 Jahren veranlasste den 71-Jährigen, dies genauer zu betrachten.

Zwischen 1200 bis 1305 stellte das Geschlecht der Eppsteiner, mit wenige Jahre dauernden Unterbrechungen, die einflussreichen Erzbischöfe von Mainz. Denen wiederum unterstand damals die gesamte Kirchenprovinz Germania, die von 973 bis 1344 von der Elbe im Norden bis in die heutige Schweiz reichte und im Osten Böhmen und Mähren umfasste.

Schon als der frühere Hauptgeschäftsführer der Landesärztekammer 1986 mit seiner Familie nach Eppstein zog, habe ihn seine Mutter auf diese Verbindung zwischen Eppstein und Böhmen aufmerksam gemacht, erinnert sich Popovic, aber erst als Ruheständler habe er Zeit für Nachforschungen dazu. Tschechische Archive habe er schon kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs besucht. Der Arzt war nach der Öffnung der Grenzen von 1990 bis 1995 als Berater beim Aufbau des Gesundheitswesens in Tschechien tätig und beschäftigte sich intensiv mit der tschechischen Geschichte. Jetzt ist seine Abhandlung über „Eppstein – Böhmen und Mähren“ fertig, die er dem Main-Taunus-Kreis für das Jahrbuch 2018 anbietet und der Eppsteiner Zeitung vorab zu lesen gab.

Für Popovic als Sohn von Vertriebenen schließt sich dank der mittelalterlichen Beziehungen von Eppstein nach Böhmen ein Kreis zur deutschen Ostsiedlung. Etwa 8400 Vertriebene aus der damaligen Tschechoslowakei kamen 1946 im Main-Taunus-Kreis an. Den heutigen Eppsteiner Stadtteilen wurden 544 Heimatvertriebene zugewiesen. Sie ließen neben der Heimat und den materiellen Gütern auch eine Jahrhunderte alte Kultur zurück und mussten in Eppstein völlig neu beginnen.

Er selbst, sagt der Arzt, sei 1947 als „Kind der Wiedersehensfreude“ zur Welt gekommen, nachdem seine Eltern sich nach Vertreibung und Trennung auf der Flucht im hessischen Bad Salzschlirf wiedergefunden hatten.

Sie gehörten zu den drei Millionen der knapp 3,2 Millionen Sudetendeutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Böhmen, Mähren und Teilen Schlesiens vertrieben wurden. Ihre Vorfahren wanderten im 12. und 13. Jahrhundert, auch auf Betreiben der deutschen Erzbischöfe, unter anderem aus dem heutigen Bayern, Niedersachsen und Sachsen in die unbewohnten, bergigen Urwälder der Grenzgebiete Böhmens und Mährens ein und gründeten rund 200 Ortschaften. Viele entwickelten sich zu lebendigen Städten. Böhmen war eines der Kernländer Europas. In Prag wurde 1348 die erste Universität nördlich der Alpen gegründet.

Popovic legt in seiner Abhandlung „Eppstein – Böhmen und Mähren“, den Schwerpunkt auf die reichspolitische Bedeutung der vier Mainzer Erzbischöfe aus dem Hause Eppstein und betrachtet insbesondere den Einfluss der Kurfürsten und Erzkanzler im heutigen Tschechien. Die vier Bischöfe aus dem Haus Eppstein gelten als Königsmacher.

Auch der Historiker und frühere Stadtarchivar Dr. Bertold Picard schreibt in seinem Buch „Eppstein im Taunus“ von 1968 über ihre reichspolitische Bedeutung. Picard legt den Fokus jedoch auf das Verhältnis zwischen den Erzbischöfen und ihren Vätern, Brüdern, Neffen oder Vettern auf Burg Eppstein.

Aus seiner Sicht war es für die Grafen von Eppstein eher von Nachteil, in familiärer Abhängigkeit zu so mächtigen Landesfürsten zu stehen. Als Fürsten eines eigenen Territoriums mit eigener Politik nutzten diese, so Picard, ihre verfassungsrechtlich tiefer stehenden weltlichen Verwandten rücksichtslos aus, beschnitten deren politischen Spielraum und bürdeten ihnen schwere Lasten auf.

Picard versteht das hohe Ansehen, das die Eppsteiner Grafen dank des Einflusses der Erzbischöfe genossen, deshalb nur als einen von vielen Aspekten, die 1318 zur Stadterhebung führten, zumal die Zeit der Eppsteiner Erzbischöfe schon 1305 endete. Popovic ist dagegen überzeugt, dass die Bitte Gottfrieds IV. um die Stadtrechte für Eppstein ohne die Aktivitäten seiner Vorgänger, die ihre Verwandten auf dem Stuhl des Erzbistums unterstützten, nicht so erfolgreich gewesen wäre.

Vor wenigen Wochen erst reiste Popovic nach Tschechien, wo er die Regionen besuchte, die einst unter dem Einfluss der Eppsteiner Erzbischöfe standen. Beeindruckt habe ihn das Gut Schüttenitz (Zitenice) im ehemaligen Heimatkreis seiner Eltern, berichtet Popovic. Bevor Siegfried von Eppstein 1200 als erster Vertreter des Hauses Eppstein als Siegfried II. zum Erzbischof geweiht wurde, war er von 1194 bis 1200 Propst des Stiftes Brünn und des einflussreichen Klosters Vyšehrad bei Prag. Siegfried besuchte auch mehrmals das dazugehörige Gut Schüttenitz. Die Kirche, die er im Jahr 1200 dort weihte, steht heute noch.

Als Erzbischof von Mainz krönte Siegfried II. nicht nur Otto IV. zum römisch-deutschen König (1200), sondern auch 1212 dessen Gegenspieler, den Staufer Friedrich II. 1228 erlangte Siegfried II. auch das Krönungsrecht für den böhmischen König und krönte König Wenzel I. und dessen Gemahlin Königin Kunigunde. 1230 starb Siegfried II.

Vermutlich wurde der erste Erzbischof aus dem Haus Eppstein nicht auf der Stammburg in Eppstein geboren, sondern auf der Hainhäuser Wasserburg. Siegfrieds älterer Bruder Gottfried I. trat das Erbe des Vaters an.

Gottfrieds zweiter Sohn Siegfried, der Neffe des Erzbischofs Siegfried II., wurde auf Burg Eppstein geboren und 1230 in Mainz zu Erzbischof Siegfried III. gewählt. Auf seiner Grabplatte, dem ältesten erhaltenen figürlichen Grabdenkmal im Mainzer Dom, wird er als „Köngsmacher“ dargestellt mit Landgraf Heinrich Raspe von Thüringen und Graf Wilhelm von Holland, die Siegfried III. nacheinander zu Gegenkönigen zum Staufer Konrad IV. krönte. Nach Böhmen kam Siegfried III. vermutlich bei einer bischöflichen Visitation 1244, zumindest vermerkt das eine tschechische Historikerin. Das Ende des Machtkampfes erlebte Siegfried III. nicht mehr. Er starb 1249 in Bingen.

Der dritte Eppsteiner auf dem Mainzer Bischofsstuhl war Werner von Eppstein, der von der Braubacher Linie abstammte und als zweiter Sohn die geistliche Laufbahn einschlug. 1259 wählte das Mainzer Domkapitel ihn zum Erzbischof. Er blieb es bis zu seinem Tod 1284. 1261 zog Werner nach Prag, wo er König Ottokar von Böhmen krönte, den mächtigsten Fürsten des Reiches. Unter den Ehrengästen war auch Gottfried von Eppstein. Laut Picard handelte es sich um Gottfried II., Popovic hält es auch für möglich, dass sein Sohn Gottfried III. die beschwerliche Reise nach Prag antrat.

Werner wandte sich später gegen den böhmischen König und setzte sich schließlich für Rudolf von Habsburg ein. Dessen Wahl zum deutschen König 1273 läutete den Aufstieg der Habsburger ein und war Richtung weisend für den Lauf der deutschen und europäischen Geschichte. Picard schrieb 1968: „Dass die Wahl auf einen Eppsteiner zurückging, macht sie zu einer Sternstunde in deren Vergangenheit.“

Der vierte Erzbischof aus dem Haus Eppstein, Gerhard II., war ein Vetter von Werner und wurde um 1230 auf Burg Eppstein geboren als zweiter Sohn Gottfrieds II. 1289 ernannte ihn der Papst zum Mainzer Erzbischof. Gerhard versuchte die Macht der Kurfürsten zu stärken und die der Könige zu schwächen. Er setzte deshalb die Wahl seines Verwandten Adolf von Nassau gegen Albrecht von Habsburg zum König durch. Später wandte er sich mit König Wenzel II. von Böhmen, den er 1297 in Prag krönte, und Albrecht gegen Adolf. Auch diese Koalition währte nur kurz: Gerhards Versuch, mit den anderen rheinischen Kurfürsten König Albrecht zu stürzen, scheiterte. Albrecht besiegte die Kurfürsten 1302. Gerhard starb 1305. Nach ihm wurde kein Eppsteiner mehr in das einflussreiche Amt gewählt.

Für die Grafen von Eppstein bedeuteten die Parteiwechsel der Erzbischöfe, dass auch sie die Seiten wechseln mussten, ganz gleich, ob das für sie von Vorteil oder von Nachteil war. Gottfried IV., der keinem erzbischöflichen Verwandten mehr Gefolgschaft leisten musste, unterstützte im Streit um die römisch-deutsche Königswürde Ludwig den Bayern gegen den Rivalen aus dem Haus Habsburg. Nach der Belagerung Wiesbadens 1318 verlieh Ludwig Eppstein in Oppenheim die Stadtrechte. bpa

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Kommentare

Das Jahrhundert der Mainzer Erzbischöfe aus dem Hause Eppstein

Der Artikel befasst sich weitestgehend mit den Mainzer Erzbischöfen des 13. Jahrhunderts aus dem Hause Eppstein, hat also mit der Stadtrechtsverleihung an Eppstein unmittelbar nichts zu tun. Ein indirekter Zusammenhang war in Ihrem ausführlichen Beitrag, den Sie mir vorab zum Lesen überlassen haben, dadurch hergestellt worden, dass Sie die Verleihung entscheidend auf die Erinnerung an die Bedeutung der Erzbischöfe zurückführten. Frau Palmert-Adorff (Anm. d. Red.: die Redakteurin) referiert diese These, schränkt sie aber durch den Hinweis auf meine abweichende Einschätzung ein. Erfreut bin ich darüber, dass die EZ nicht wie Sie den Eindruck erweckt, als seien die Erzbischöfe mit den Herren von Eppstein identisch (obwohl sie anlässlich der deutschen Ostsiedlung Ihre Auffassung der „mittelalterlichen Beziehungen von Eppstein nach Böhmen“ wiederholt).
Übrigens wird es in den nächsten Jahren, wenn ich richtig gezählt habe, aufgrund einschlägiger Jubiläen genug passende Anlässe geben, auf die Eppsteiner Erzbischöfe einzugehen: In sechs Jahren, 2024, wird Siegfried III. vor 775 Jahren gestorben sein, und in sieben Jahren, 2025, wird Siegfried II. vor 825 Jahren sein Amt angetreten haben, usw. usw.

Bertold Picard, Eppstein

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