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Bertold Picard: Eppsteins Kampf um Rechte und Privilegien

Blick zum Waldbezirk Hohe Schneise, Ausschnitt aus einem Aquarell von Anton Radl (1774-1852).

In die frühe Geschichte Eppsteins führt Bertold Picards Bericht über „Eppsteins Ersterwähnung, Stadtwappen und Kampf um seine Vorrechte“ im neuen Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises. Wie berichtet, hat der frühere Eppsteiner Stadtarchivar neue Erkenntnisse über die Ersterwähnung Eppsteins.

Auch für das Stadtwappen, den hessischen Löwen und die Eppsteiner Sparren, hat Picard eine ältere Darstellung gefunden als bisher bekannt. Bisher galt ein Siegelstempel von 1562 als ältester Nachweis. Picard entdeckte bei einem Spaziergang in Ingolstadt das Eppsteiner Wappen zufällig auf dem Grabmal des bayerischen Zöllners Hans Knebel von 1518. Eines der Wappen darauf zeigt die Eppsteiner Sparren und den hessischen Löwen, der allerdings in die andere Richtung blickt.

Im Lehnsverzeichnis von 1250/1260 sind auch ältere Belehnungen beurkundet, unter anderem für eine „aream in Eppenstein“. Anhand der Lebensdaten des belehnten Vasallen Gottfried von Delkenheim, der von 1204 bis 1239 bezeugt ist, und seines Lehnsherrn Gottfried I. von Eppstein, der nachweislich ab 1189 auf Burg Eppstein herrschte und 1223 gestorben ist, grenzt Picard den Zeitraum auf 19 Jahre zwischen 1204 und 1223 ein, also mindestens 76 Jahre vor dem bisher bekannten Nachweis von 1299.

Rund 100 Jahre später bemühte sich Gottfrieds Nachfahre Gottfried IV. beim König um die Verleihung der Stadtrechte für die Ansiedlung unterhalb seiner Stammburg und war 1318 erfolgreich. Dass seinen Untertanen die Stadtrechte und die damit verbundenen Privilegien „lieb und teuer wurden“, schreibt Picard, „haben sie dadurch bewiesen, dass sie fast 500 Jahre um ihre Beibehaltung kämpften“.

Dabei wurden selten die Stadtrechte selbst angezweifelt, sondern damit verbundene Privilegien, die die Eppsteiner immer wieder gegen wechselnde Herren verteidigen mussten, zum Teil bis ins 19. Jahrhundert hinein. Zum Beispiel waren sie vom Militärdienst befreit, da sie ihren Ort im Kriegsfall verteidigen mussten. Auch verzichteten die Herren von Eppstein anscheinend schon bald nach der Stadterhebung auf die sogenannte Bede, eine Kopf- und Vermögenssteuer. Eppstein durfte diese Steuer für seine eigenen Aufgaben verwenden.

Ähnlich verhielt es sich beim Trankgeld, das die Wirte von jedem verzapften Ohm Wein, das entsprach etwa der Menge von 150 Litern, abführen mussten. 1492 verkauften die Eppsteiner Herren das Tranksteuer-Recht an Hessen, das diese Steuer um 1505 nahezu verdoppelte. Die Eppsteiner protestierten und erreichten, dass Hessen bald nach 1600 einverstanden war, dass die Stadt sie für sich vereinnahmte. Die Steuer galt nun auch für Bierbrauer und Branntweinbrenner. Bis 1803 blieb die Abgabe auf alkoholische Getränke die einzige Gewerbesteuer in Eppstein.

Zu den weiteren Privilegien gehörte die Nutzung des Waldes. Schon die Eppsteiner Herren erlaubten, dass die Bürger den herrschaftlichen Wald nutzten, zumal Eppstein selbst kaum eigenen Wald besaß. So durften sie kostenlos Leseholz, Stockholz und Laubstreu holen und Brennholz günstiger kaufen. Außerdem standen ihnen vier Baumstämme pro Jahr als Bauholz zu. 1595 und 1795 mussten sie auf dieses Recht drängen, weil der Staat es einzuschränken versuchte.

Die Eppsteiner ließen auch ihre Rinder kostenlos in staatlichen Wäldern weiden. Außerdem durfte jeder Eppsteiner je zwei Schweine elf Wochen lang kostenlos zur Mast an Bucheckern und Eicheln in festgelegte Waldstücke treiben. Anfang des 18. Jahrhunderts versuchte der Staat, den Viehtrieb im Wald einzuschränken, um neu angelegte Walddistrikte zu schonen.

Gegen solche und ähnliche Vorstöße gegen ihre Privilegien wehrten sich die Eppsteiner oft erfolgreich mit dem Hinweis darauf, dass die Stadt die Privilegien seit vielen hundert Jahren besitze und die Vorfahren sie stets verteidigt hätten, um überhaupt weiter in ihrem Ort leben zu können. Eppstein sei ohnehin sehr belastet durch die Erhaltung der Stadtmauern und den Wachdienst und darüber hinaus ein armer, abgelegener Ort, mitten in der Wildnis von Berg und Tal, ohne eigenen Wald, mit kleiner unfruchtbarer Gemarkung und auf das Handwerk mit sauer verdientem Gewinn angewiesen. Falls die Abgaben zunähmen, müssten die meisten Bürger wegziehen.

Dass Eppstein über Jahrhunderte hinweg von zwei Herren regiert wurde, den evangelischen Hessen und dem katholischen Erzbistum Mainz, brachte den Eppsteinern keine doppelte Belastung, sondern sogar gewisse Freiräume, hat Picard festgestellt, weil sie die Rivalität der beiden Stadtherrn ausnutzten.

Die konfessionelle Verschiedenheit der beiden Stadtherrn führte auch immer wieder zu Zwist. Schon seit Anfang des 18. Jahrhunderts drängte das Kurfürstentum Mainz vergeblich darauf, dass die immer größer werdende katholische Bürgerschaft bei der Besetzung des Niedergerichts berücksichtigt werden solle. Selbst als zweigeteilte Stadt mit einem zweiten katholischen Stadtherrn, bekleideten jedoch nur Protestanten die Posten im städtischen Niedergericht. Das änderte sich als Eppstein 1803 zum nassauischen Fürstentum kam grundlegend.

Damals, so Picard, „gingen viele Freiheiten verloren“. Unter anderem ein zweifaches Reichsrecht: das fast 500-jährige Stadtrecht und die knapp 300 Jahre währende konfessionelle Verfasstheit. Das Stadtrecht wurde Eppstein nach 1803 ohne jegliche Formalität aberkannt. Anscheinend reichte aus, so Picard, dass die Regierung „den Ort als arm, klein und schwach einschätzte“ und ihn fortan nicht mehr als Stadt bezeichnete.

Den Verlust der Stadtrechte nahmen die Eppsteiner anscheinend stillschweigend hin, nicht so die konfessionelle Gleichberechtigung. Eppstein galt seit der Reformation als evangelische Stadt. Der Westfälische Friede von 1648 hatte das bestätigt. Nun konnten auch katholische Eppsteiner die Gemeindeämter bekleiden. Schon 1803 erhob der damalige Schultheiß eine vorsorgliche Beschwerde beim neuen Landesherrn gegen die mögliche Gleichbehandlung von Katholiken.

Die nassauische Herrschaft ließ sich jedoch nicht beeinflussen, blieb bei der konfessionellen Gleichberechtigung und hob die Steuerfreiheit auf: 1809 verkündete sie das neue nassauische Steuersystem, das alle Bürger ohne Unterschied in die Grund- und Gewerbesteuerpflicht einbezog.

Auch die über Jahrhunderte hin gewährte Befreiung vom Militärdienst wurde gestrichen. Die jungen Männer, die ihren Ort nicht mehr verteidigen mussten, wurden als Rekruten eingezogen und kämpften in den napoleonischen und Befreiungskriegen mit.

1935 wurde als letztes Privileg das kostenlose Lese- und Stockholzrecht aufgehoben. Als Entschädigung erhielt die Gemeinde einen Niederwalddistrikt im Kriegerwald. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im neuen Bundesland Hessen die alten Privilegien nicht wieder belebt – bis auf eines: 1950 erhielt die Gemeinde von der hessischen Landesregierung das Stadtrecht zurück. bpa

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