Sogar der Pfarrer sitzt auf seiner Bank neben dem Miniatur-Altar

Stephan Racky und Tochter Manuela montieren das samt Turmhaube abnehmbare Dach.Foto: bpa

Seinen Ruhestand hatte sich Stephan Racky anders vorgestellt: Der frühere DRK-Geschäftsführer und Vorsitzende des Eppsteiner DRK-Stadtverbands wollte zwar sein Engagement aufs Ehrenamt beschränken.

Stattdessen sei er wegen des Lockdowns im vorigen Jahr gefühlt „von einer 80-Stunden-Woche von einem auf den anderen Tag auf Null heruntergefahren“, sagt der 64-Jährige. Nicht nur die hauptberufliche Tätigkeit fiel weg, auch die Einsätze als Rettungssanitäter zum Beispiel bei Veranstaltungen wurden komplett eingestellt.

In seinem Heimatort Ehlhalten gestaltete er außerdem einmal im Monat den Kindergottesdienst der katholischen Kirchengemeinde. Auch der fiel aus, ebenso der sonntägliche Gottesdienst. Das brachte ihn auf die Idee, die 1732 errichtete St. Michael-Kirche als Modell nachzubauen. Schon als Schüler habe er Modelle gebaut. Damals meist fertige Bausätze. In den vergangenen Jahren kamen gedrechselte Figuren hinzu und vor einigen Jahren eine historische Scheune aus Ehlhalten, deren Fachwerk er aus den Stäben von Silvesterraketen konstruierte, die er mit seinen Kindern einsammelte. Die Scheune ist im Original längst umgebaut. Rackys Modell warte noch, wie er sagt, auf einen Anlass, um fertiggebaut zu werden.

Das barocke Kirchengebäude ist besonders aufwändig. Rund vier Monate lang saß er im vergangenen Jahr am Ehlhaltener Gotteshaus. Dabei hatte er für den Maßstab nur einen Gebäudegrundriss, den er sich auf 1:50 verkleinerte. Die Höhe berechnete er mit Hilfe von Handy-Aufnahmen und Messungen, bei denen ihm Tochter Manuela half. Die Zwölfjährige hielt den Zollstock ans Mauerwerk, die Maße nutzte Racky dann, um sich einen ungefähren Maßstab für das Gebäude, die Fenster und das Dach zu erstellen. Oft genug lief er vom Bastelraum im Keller des Eigenheims in der Königsteiner Straße schnell zur Kirche, um ein Modellteil mit dem Original zu vergleichen.

Nicht nur das Kirchenschiff, auch den eigentlich für Besucher nicht zugänglichen Dachboden kennt Racky schon seit seiner Kindheit: „Mit zwölf Jahren war ich Messdiener und zuständig für die Einstellung der Uhr und das damals noch manuell zu bedienende Geläut“, erzählt Racky. Zur Mittagsstunde und zum Abendläuten stieg er damals die gewendelte Treppe hinauf. Dem hölzernen Uhrenkasten mit dem inzwischen automatischen Uhrwerk widmete er deshalb besonders viel Aufmerksamkeit.

Mit viel Liebe fürs Detail stattete er das Kirchenschiff aus Sperrholz aus, mit der Figur des heiligen Michael, Kruzifix, Tabernakel und Kreuzwegtafeln. „Allein an der Aufhängung des ewigen Lichts im Altarraum habe ich drei Tage gearbeitet, bis es endlich hing!“, erzählt Racky. Die Fenster hat er fotografiert, mit einem Laserdrucker auf durchsichtige Folie gedruckt und zwei Folien aufeinandergelegt, „damit es wie echtes Glas wirkt“.

Die laternenähnlichen Straßenlampen hat Racky aus kleinen Glühbirnen, einem gebogenen Draht und flachen Plastikkäppchen gebastelt: „Modellbauer brauchen Geduld und viel Improvisationsgeschick“, sagt Racky lachend. Sogar die Fenstergitter und Straßenschilder hat er selbst gebastelt.

Rund 50 Modellbau-Figuren, die er im Internet erstanden hat, beleben das Innere der Kirche oder stehen davor: Einer betrachtet die Info-Tafel vor der Kirche, eine Frau sitzt auf der Bank, ein Auto fährt vorüber. Die weiß-gelbe Fahne über dem Portal weist auf einen Feiertag hin – Fronleichnam oder Kerb. Der Pfarrer, dessen Gewand Racky bemalt hat, sitzt neben dem Altar, unverkennbar, dass es Pater Gaspar Minja sein soll, die Küsterin tritt gerade aus der Sakristei und die Organistin auf der Empore hat zwar dunkle Locken, dennoch denken Eingeweihte sofort an Martina Smolorz und die langjährige Organistin Hiltrud Wendel.

Wo das Modell einmal ausgestellt werden soll, weiß er noch nicht und ist für Angebote offen. Im Keller verstauben soll es nicht.bpa

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