FWG-Urgestein Sparwasser verlässt „Keimzelle der Demokratie“

Heinz Sparwasser in seiner Werkstatt in der Untergasse.Foto: bpa

Eigentlich sollten die 20 Stadtverordneten und Ortsbeiräte, die in der neuen Wahlperiode nicht mehr dabei sind, in der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag feierlich verabschiedet werden.

Doch wegen der anhaltenden Pandemie habe die Stadt darauf verzichtet, sie jetzt einzuladen, berichtete Bürgermeister Alexander Simon in der konstituierenden Versammlung, und hoffe auf eine Gelegenheit im Laufe des Sommers.

Zu den neuen politischen Ruheständlern zählt auch FWG-Urgestein Heinz Sparwasser aus Alt-Eppstein. Nach über 50 Jahren Kommunalpolitik machte der 85-Jährige Platz für den FWG-Nachwuchs. Das wichtigste Ziel sei erreicht, betont Sparwasser: „Es geht mit neuen Mitstreitern weiter! Wir haben für die neue Wahlperiode einige junge Mitglieder gewonnen.“ Er kandidierte deshalb auf der FWG-Liste für den Ortsbeirat nur noch an letzter Stelle. „Ich wollte damit signalisieren, dass ich auch künftig gern mein Wissen und meinen Rat teile, aber eben kein Amt mehr übernehmen möchte“, sagt Sparwasser. Der Eppsteiner war bereits in der Zeit vor der Gebietsreform politisch aktiv: 1969 kam er als Nachrücker in die Stadtverordnetenversammlung und blieb auch nach der Gebietsreform 1977 dabei: als Stadtverordneter bis 2006 und im Ortsbeirat für Alt-Eppstein bis zur Kommunalwahl im März.

„Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich schon so lange dabei bin“, meint er schmunzelnd. Dabei hat er auch als selbstständiger Schreinermeister genug zu tun und nimmt auch jetzt noch Aufträge an. Seine kleine Schreinerwerkstatt in der Untergasse hat er noch vom Vater übernommen, bei dem er nach dem Schulabschluss 1950 in die Lehre ging. 1961 machte er seine Meisterprüfung, seit 1967 ist er mit Ehefrau Dorle verheiratet. Seit Anfang der 1950er Jahre wohnt er in der Untergasse unmittelbar neben der Werkstatt im Herzen der Altstadt. 1990 bauten sich die Sparwassers ein Haus anstelle der alten Scheune.

Im kleinen Büro der Schreinerei seien so manche Fäden gezogen worden, sagt Sparwasser. An der Wand neben dem Schreibtisch hängen neben Meisterbrief und Ehrenurkunden auch Handballerfotos. Denn bei der TSG Eppstein ist er seit seinem 14. Lebensjahr, war Schülerwart, Schiedsrichter, Abteilungsleiter und Handballtrainer. Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt er 1997 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Aus Sparwassers Sicht war die neue Schulsporthalle am Bienroth eines der wichtigsten Projekte seiner Zeit als Stadtverordneter. Nur weil die TSG geschlossen an einem Strang gezogen habe und auch der damalige Bürgermeister Richard Hofmann und die CDU als stärkste Fraktion die Notwendigkeit einer Halle für den Handballsport gesehen hätten, sei sie als Gemeinschaftsprojekt für Schule und Vereinssport mit dem Main-Taunus-Kreis errichtet worden.

Mit über zwei Millionen Mark habe sich Eppstein Anfang der 1980er Jahre an den Kosten beteiligt und damit die Nutzung außerhalb der Schulzeiten für den Vereinssport gesichert. Bestätigt sah er sich damals mit dem ersten großen Erfolg der TSG: „Wir wurden in der neuen Halle auf Anhieb Kreismeister.“

Das von Anfang an schlecht verlegte Altstadtpflaster gibt er wiederum als politische Altlast an seine Nachfolger weiter. Die Folgen, vor allem der Abrolllärm der Autoreifen, belaste die Anwohner bis heute. Irgendwann stehe eine Erneuerung der Burgstraße an. Dann, so hofft er, werden die Anwohnerinteressen schon bei der Planung gehört.

Sparwassers Vater gehörte zu den Gründungsmitgliedern der FWG von 1952. Schon damals, so Sparwasser, habe ihn die Grundeinstellung der FWG überzeugt, dass jeder nach seinem Wissen und Gewissen abstimmt und es keinen Fraktionszwang gibt.

Für viele Eppsteiner war der 85-Jährige viele Jahre eine wichtige Instanz, wenn sie etwas über ein städtisches Projekt wissen, Kritik oder Verbesserungsvorschläge anbringen wollten: Ob es um Parkplatzmarkierungen, überfüllte Müllkörbe oder einen Ballfangzaun am Spielplatz ging: Sparwasser suchte auch mit über 80 Jahren nach der besten Lösung – vieles lasse sich schnell vor Ort im persönlichen Gespräch klären, ist der Handwerker überzeugt: „Heute wird zu viel geschwätzt und zu wenig angepackt.“ Er vermisse in der Corona-Krise den wöchentlichen Stammtisch und die Gespräche mit den anderen FWG-Mitgliedern. „Eigentlich treffen wir uns immer etwa drei Wochen vor einer Sitzung, um anstehende Themen zu besprechen“, sagt Sparwasser. Wegen Corona seien diese Treffen zurzeit nicht möglich.

Obwohl der Ortsbeirat nur beratende Funktion hat und dort keine Entscheidungen gefällt werden, ist das Gremium „die kleinste Keimzelle der Demokratie“, so Sparwasser, schon wegen seiner unmittelbaren Nähe zu den Menschen. „Wir kümmern uns um alltägliche Probleme, die Stadt muss die großen Entscheidungen treffen“, plädiert er für das Gremium.

Umso wichtiger seien aus seiner Sicht offene Entscheidungsprozesse von Anfang an. Die Ortsbeiräte verstehen sich als die Vertreter der Menschen in den Stadtteilen. „Wir kennen die Verhältnisse am Ort am besten und können unter Umständen auch zwischen Anwohnern und Stadtverwaltung vermitteln, aber nur, wenn wir frühzeitig informiert werden“, sagt er im Hinblick auf etliche Bau- und Infrastrukturprojekte, die in den vergangenen Jahren kontrovers diskutiert wurden. bpa

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