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1919: Günter Senkel ist ein Kind der Weimarer Republik

Brot und Brötchen holt sich Günter Senkel noch selbst vom Bäckerwagen, der vor seiner Haustür hält. Foto: Beate Palmert-Adorff

„Dass die Zeit so schnell vergangen ist“, – das sei das Schlimmste daran, 100 Jahre alt zu werden, sagt Günter Senkel, der am kommenden Samstag, 9. Februar, diesen denkwürdigen Geburtstag feiert.

Er sei ein Sonntagskind und ein Kind der Weimarer Republik, sagt Senkel, der in Cottbus zur Welt kam: Sein Geburtstag liegt zwischen der ersten reichsweiten Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 und der Wahl des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert am 11. Februar durch die neue Nationalversammlung. Senkel hat eine Faksimile-Ausgabe des Cottbuser Anzeigers von seinem Geburtstag hervorgekramt und zeigt sie als Dokument dieser bewegten Zeit: Der Erste Weltkrieg war verloren, die Weimarer Republik startete den Versuch, die Demokratie in Deutschland zu verankern.

Von Politik habe er als Kind und Jugendlicher nicht viel mitbekommen, räumt der Jubilar ein. 1933, dem Jahr der Machtergreifung Hitlers, ging er zur Konfirmation. In der Hitlerjugend sei er gewesen, wurde nach Abschluss der Handelsschule und einer Lehre zum Schaufenstergestalter zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet. Bei Kriegsbeginn 1939 kam er zur Luftwaffe und musste an der Fliegerabwehrkanone, kurz Flak, Luftangriffe der Alliierten abwehren. Er war in verschiedenen deutschen Großstädten stationiert, unter anderem in Berlin und in Hamburg. Bis heute verstehe er nicht, so Senkel, „dass nach so einem Krieg mit so viel Zerstörung weiter Waffen produziert und in alle Länder der Welt verkauft werden“.

Als er für den Einsatz in Russland gemustert werden sollte, hatte er Scharlach und musste ins Lazarett. „Die Krankheit hat mich vor Russland bewahrt“, sagt der 99-Jährige. Stattdessen kam er zu einer Ersatztruppe mit flexiblen Einsatzorten in Deutschland und erlebte den Bombenkrieg über den Großstädten mit.

Seine erste Frau lernte er während des Krieges kennen. Er antwortete auf ihr Schreiben „an einen unbekannten Soldaten“. Auf diese Weise knüpften junge Frauen damals Bekanntschaft mit Soldaten. Günter Senkel und seine erste Frau heirateten 1942. „Eigentlich wussten wir gar nichts voneinander“, erinnert er sich. Zwei Töchter wurden 1944 und 1945 geboren. Die Kriegsehe hielt immerhin zwölf Jahre, wurde aber 1954 in gegenseitigem Einverständnis geschieden. Da kannte Senkel schon seine zweite Frau Renate, oder Reni, wie er sie nannte, die wie er in der Modebranche arbeitete. Die beiden heirateten 1954, 1955 wurde Sohn Peter geboren.

Renate und Günter Senkel waren in einem Großhandelsunternehmen der damaligen Ostzone beschäftigt. Er arbeitete sich zum Werbeökonom und Werbeleiter hoch – „der einzige auf dieser Ebene ohne Parteibuch“, betont er stolz – sie war Modegestalterin. Gemeinsam gestalteten sie Messestände auf der Frühjahrs- und Herbstmesse in Leipzig, organisierten Modeschauen – beides auf eigene Rechnung. „Wir bekamen viele Auszeichnungen und waren zu vielen großen Festen geladen“, erinnert sich Senkel. Wohl auch deshalb wurde das zusätzliche Engagement geduldet.

Von den Zusatzeinkünften kauften sie sich ein Haus im Spreewald. Als Sohn Peter, damals Tontechniker beim DDR-Fernsehen, jedoch den Dienst in der Nationalen Volksarmee verweigerte und statt dessen Ersatzdienst, den sogenannten „Spatendienst“, leistete, begannen die Repressalien für die Familie. 1983 stellte Peter für seine Frau und die zweijährige Tochter einen Ausreiseantrag, der 1984 genehmigt wurde.

Günter und Renate Senkel folgten ihnen 1985. Ein Grund für die Ausreise war ein Gerichtsverfahren gegen sie: Angeblich betrieben sie mit ihren beim Publikum beliebten Modenschauen ein „illegales Gewerbe“. Nach Hausdurchsuchung und Prozess wurde das Ehepaar zu einer Geldstrafe von rund 80 000 Mark verurteilt – „obwohl wir nachweislich für sämtliche Modenschauen und Messeaufträge korrekte Verträge abgeschlossen hatten“, betont Senkel. Am meisten traf die beiden, dass sie ihr Spreewaldhaus billig verkaufen mussten, um die Strafe zu bezahlen.

Bei der Ausreise durften sie ihr Auto und ein paar Möbel mitnehmen – „aber erst nach Ausfüllen eines Antrags für jeden einzelnen Gegenstand mit jeweils sechs Durchschlägen“, erinnert sich Senkel. Die beiden mussten innerhalb von zwei Tagen nach Genehmigung des Ausreiseantrags die DDR verlassen. Senkel: „Zum Glück hatten wir schon Monate zuvor zu packen begonnen und einen Nachbarn gebeten, uns die Möbel nachzusenden.“

An der DDR-Grenze wurde das Auto samt Kisten und Koffer durchsucht und ein Glas nicht angemeldeter Spreewaldgurken beschlagnahmt. Das, so Senkel, „hatte der Nachbar heimlich eingepackt, um uns eine Freude zu bereiten.“

Senkel erzählt das alles ohne Bitterkeit: „Damals haben wir uns sehr geärgert, heute kann ich sagen: Mein Leben ist gut verlaufen.“ Selbst die schlechten Zeiten, so Senkel, „hatten am Ende einen Sinn.“ Nach der Auflösung der DDR verlangte Senkel Einblick in seine Stasi-Akte. Er klagte wegen der ungerechtfertigten Anklage gegen das Finanzamt Cottbus und gewann den Prozess. Mit der Wiedergutmachung, einem Bruchteil der ursprünglichen Summe, richtete es sich das Ehepaar in der neuen Wohnung in Ehlhalten gemütlich ein.

Das Wiedersehen mit Sohn Peter an der Grenze bei Herleshausen sei herzzerreißend gewesen, besonders für Mutter Renate, erinnert sich Senkel. Bei der Ausreise aus der DDR 1985 war Senkel 66 Jahre alt und bereits Rentner. „Ich musste sofort an das Lied von Udo Jürgens denken“, sagt Senkel schmunzelnd. Seine neun Jahre jüngere Frau bekam einen Job als Schaufensterdekorateurin im Main-Taunus-Zentrum. Beide genossen die neue Freiheit und reisten viel. „Eigentlich waren wir Stadtmenschen“, sagt er. Der damals schon große Wohnungsmangel verschlug sie jedoch aufs Land nach Ehlhalten, „wo wir uns aber vom ersten Augenblick an wie zu Hause gefühlt haben“, sagt Senkel.

Im Mai 1990 fuhren sie zum ersten Mal in die ehemalige DDR zurück. Auch die Diamantene Hochzeit 2014 wurde im Spreewald gefeiert, „dort, wo wir 60 Jahre zuvor geheiratet haben“. 2016 starb Ehefrau Renate an Krebs. „Kurz davor haben wir ihren 88. Geburtstag noch groß mit der ganzen Familie gefeiert“, sagt Senkel. Auch zu seinem 100. Geburtstag kommen die drei Kinder, sämtliche Enkel und Urenkel. Die meisten haben sich zwischen Montabaur und Heidelberg angesiedelt. Enkelin Susanne, mit der er nahezu täglich telefoniert, reist aus Italien an. Der jüngste Urenkel, der 13-jährige Emil, posiert mit dem Urgroßvater auf der Geburtstagseinladung, beide ganz cool mit Schiebermütze, Hut und Sonnenbrille.

Als eines der ersten Präsente zum runden Geburtstag traf aus Cottbus ein Korb mit Leckereien der Metzgerei ein, bei der die Familie früher Stammkunde war. Die ehemaligen Nachbarn aus dem Spreewald kommen persönlich zur Feier am kommenden Samstag. „Wir haben dort nur wenige Jahre gewohnt, trotzdem hält die Kameradschaft bis heute“, freut sich Senkel.

Der sonntäglichen Stammtischrunde in Ehlhalten hält Senkel auch nach über 30 Jahren die Treue. Von den fast 20 Stammtischkunden, die sich in den 1980er Jahren im Gasthof Krone trafen, sind noch eine Handvoll übrig geblieben, die sonntags ins Bistro „Altes Spritzenhaus“ gehen. Senkel macht morgens mit dem Rollator seine Runde zum Friedhof ans Grab seiner Frau und geht danach zum Frühschoppen. Dort gibt es für ihn auch ein Mittagessen. Sonst versorgt er sich noch selbst, obwohl die Sehkraft nachlässt und er häufig zur Lupe greifen muss. Einmal in der Woche kommt eine Pflegekraft, die ihn im Haushalt unterstützt.

Sein ganzes Leben lang habe er Tagebuch geführt, sagt Senkel. Die Tagebücher aus seiner Jugend, den Kriegs- und Nachkriegsjahren musste er jedoch bei seiner Ausreise in der DDR zurücklassen. Seine Erinnerungen und die Freunde in der ehemaligen Heimat konnte ihm das Regime nicht nehmen. Nur wenige Tage nach dem Fall der Mauer kamen die ersten Freunde nach Ehlhalten. Viele Besuche und Gegenbesuche folgten. bpa

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