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Biosphärenregion: Machbarkeit angezweifelt

Der Prüfraum für die Machbarkeitsstudie des Landes.Quelle: Hessisches Umweltministerium

Bauern-, Jagdverbände, Landfrauen, Jagd- und Pferdesportverband sowie die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) haben sich in einem „Bündnis für Freiheit und Zukunft der Region“

zusammengeschlossen und in der vorigen Woche zu einer öffentlichen Veranstaltung in Niedernhausen über Chancen und Risiken einer Biosphärenregion eingeladen. In Deutschland gibt es bereits 16 solcher Regionen. In den kommenden Monaten entscheiden die Kommunalparlamente, ob das Land einen Antrag an die Unesco für eine weitere Region erarbeiten soll.

Auch Eppstein ist Teil der ausgewählten Modellregion. Aus Eppstein nahmen deshalb neben Bürgermeister Alexander Simon Landwirte, Jagdgenossen und Mandatsträger an der Veranstaltung teil. Eine Woche später trafen sich kommunale Vertreter im Landratsamt zur Diskussion über die Biosphärenregion.

Grundlage für beide Veranstaltungen war die Machbarkeitsstudie des hessischen Umweltministeriums für eine Modellregion mit Wiesbaden, Rheingau-Taunus- und einigen Kommunen des Main-Taunus-Kreises. Im Gegensatz zur Machbarkeitsstudie, die viele Vorteile für die Region aufzählt, stellt das „Bündnis für Freiheit und Zukunft der Region“ den Nutzen der Biosphärenregion in Frage und befürchtet zusätzliche Restriktionen für Land- und Forstwirtschaft, aber auch für Kommunen.

Denn Biosphärenreservate müssen 20 Prozent der naturnahen Flächen als Pflegezonen ausweisen und davon drei Prozent als Kernzonen, in denen keinerlei Bewirtschaftung oder Nutzung, kein Holzeinschlag zur Pflege und nicht einmal die Jagd, erlaubt sein sollen. In der geplanten Modellregion betreffe das vor allem Waldgebiete und die Umgebung von Bächen. Forstbesitzer und Landwirte seien demnach besonders von den Einschränkungen betroffen. Sie fühlen sich andererseits zu wenig repräsentiert in der Machbarkeitsstudie.

Die Bündnismitglieder befürchten, dass mit der Unesco eine weitere Verwaltungsebene und damit auch zusätzlicher bürokratischer Aufwand und zusätzliche Kosten entstehen.

Moderator Thomas Kunz, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Rheingau-Taunus, begrüßte als Referenten den Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Christoph von Eisenhart Rothe, der sich beispielsweise gegen die starre prozentuale Einteilung von Kernzonen aussprach wie sie die Unesco fordert. Diese Methode sei für einheitliche Regionen wie Schwarzwald oder das Watt geeignet, aber nicht für eine vielfältige Region mit Großstadt, Industriegebieten, Landwirtschaft und Wald, argumentierte er.

Ein Anteil von drei Prozent geschützter Fläche multipliziere sich dann schnell zu neun Prozent der gesamten Waldfläche, so Eisenhart Rothe, die möglicherweise nicht einmal mehr von Fußgängern betreten werden dürften. Abgesehen davon sei die CO2-Bilanz nachhaltig bewirtschafteter Wälder in Europa viel besser als die von stillgelegten Wäldern. Das gelte auch für den Artenreichtum. Solche neuen Erkenntnisse über regionale Besonderheiten fließen seiner Meinung nach gar nicht in die Methodik der Unesco ein, die weltweit die gleichen Kriterien anlege.

Der Thüringer Landtagsabgeordneten Martin Henkel (CDU), berichtete aus seiner Amtszeit als ehemaliger Bürgermeister einer Stadt im Biosphärenreservat Rhön, dass Zuschüsse nach „anfänglicher Euphorie“ inzwischen dort nur noch spärlich flössen. Anträge für Fördermittel seien zu umständlich. Andererseits schränkten die Biosphärenrichtlinien und Pflegepläne die Möglichkeiten der Kommunen zur Weiterentwicklung und damit ihr Selbstbestimmungsrecht ein.

Marketing-Experte Michael Berger stellte beim Vergleich mehrerer ausgewiesener Biosphärenregionen fest, dass es durchaus erfolgreiche Reservate gebe. Den Erfolg einzelner Regionen machte er daran fest, ob es bereits funktionierende bestehende Institutionen, eine gewachsene Identität und vor allem Führungskräfte gebe, „die für das Projekt brennen“. Wichtig sei eine langfristige Strategie und ausreichende Fördermittel. Er plädierte dafür, bestehende Institutionen zu verbessern und besser auszustatten als neue hinzuzufügen.

Landwirt Bernd Bund aus Waldems-Esch wies darauf hin, dass die in der Machbarkeitsstudie aufgeführten Pflege- und Kernzonen bei weitem noch nicht ausreichen, um die Forderung der Unesco zu erfüllen. Das bedeute, dass weitere Flächen einbezogen werden. Er befürchtet Nachteile für Land- und Forstbesitzer.

Kreislandwirt Thomas Kunz sieht Konfliktpotenzial mit der Landwirtschaft, wenn in den stillgelegten Waldgebieten, Rotwild, Wölfe, aber auch invasive Arten wie Waschbären und Marderhunde ungestörte Rückzugsgebiete finden.

Die gewachsene Kulturlandschaft lasse sich nur erhalten, so Bündnis-Sprecher Bernd Bund, wenn dies ohne Zwang auf freiwilliger Basis geschehe. Auf der anderen Seite vermisse er konkrete Ziele für das Biosphärenreservat, sagte der Landwirt aus Waldems-Esch. Der Nutzen sei nicht erkennbar, die Konsequenzen seien unberechenbar und eine Erfolgskontrolle, ob die Ziele erreicht werden, überhaupt nicht vorgesehen.

Auch in Eppstein habe man schon geprüft, welche Waldbezirke als Kernzone ausgewiesen werden, sagte Bürgermeister Alexander Simon nach dem Informationsabend. Bisher seien nur Gebiete im Staatswald davon betroffen. Das, so Simon, könnte sich aber ändern, wenn weitere Waldgebiete für die Kernzonen gesucht würden. Er halte die Diskussion über die Biosphärenregion für „hochgradig interessant“, sagte Simon, aber er könne auch die Kritik nachvollziehen. Denn bislang gebe es keine zufriedenstellenden Aussagen über die Finanzierung, geschweige denn, über langfristige finanzielle Perspektiven für ein Biosphärenreservat im Rhein-Main-Gebiet. Auch er zweifelt an der Notwendigkeit, den zahlreichen Institutionen wie den Regionalen Planungsverband, die Naturparkverwaltung, den Taunus Touristik Service oder die Kulturregion Frankfurt/Rhein-Main eine weitere überzustülpen. Andererseits, so Simon, wäre schon viel gewonnen, wenn die vielen Treffen zu einer besseren Vernetzung dieser Organisationen führten.

Der stellvertretende Eppsteiner NABU-Vorsitzende Reiner Rohr versteht die Befürchtungen nicht: Der Naturschutzbund hält das Biosphärenreservat für eine einmalige Chance, das Gleichgewicht zwischen Natur, Kulturlandschaft und urbanen Regionen für die Zukunft zu erhalten. Andererseits beruhe die geplante Modellregion auf Freiwilligkeit. Es sei doch gerade das Ziel, die bestehenden Institutionen an einen Tisch zu holen und gemeinsame Ziele zu erarbeiten. Die Gefahr, dass eine weitere Entscheidungsinstanz entstehe, sieht er nicht.

Eppsteins BUND-Chef Klaus Stephan versteht die Biosphärenregion als einmaliges Forschungsprojekt, um anstelle des bisherigen Raubbaus an der Natur durch fortschreitende Besiedlung, einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen zu entwickeln.

Simon räumte ein, er sei gespannt, wie sich die Eppsteiner schwarz-grüne Kooperation positionieren wird. Bei seiner Empfehlung werde der Magistrat auch die Entscheidungen der Nachbarkommunen mit einbeziehen: „Es macht weder Sinn, als einzige Kommune für den Antrag zu stimmen“, sagte Simon, „noch als einzige dagegen zu sein“.bpa

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