Musik, die zur Brücke wird und zum Erinnerungspiegel der Romantik

Valentin Blomer begeisterte am Flügel in St. Michael NiederjosbachFoto: Uta Kindermann

Valentin Blomer begeisterte am Flügel in St. Michael NiederjosbachFoto: Uta Kindermann

Wer sich vorigen Samstag zu Valentin Blomers Konzertabend „Klaviermusik der Romantik“ in die Kirche St. Michael Niederjosbach begab, hatte es vorab nicht leicht, sich in eine beschwingte Stimmung zu bringen.

Die Rosen in den Vorgärten verblüht, die Wandervögel fort, das Abendrot noch nicht da und statt eines verliebten Seufzers in der Luft, dröhnte der Auspuff eines vorbeifahrenden Autos.

Da bot der Kirchenraum St. Michael den Besucherinnen und Besuchern schon etwas mehr romantische Atmosphäre. Die Marienstatue und die Holzfigur des heiligen Georgs als Drachentöter umgaben gedämpftes Licht und Blumenschmuck.

Als Erster Vorsitzender des Fördervereins St. Michael freute sich Bernhard Heinz in seiner kurzen Ansprache nicht nur über die vielen besetzten Plätze in den Sitzreihen, sondern auch auf den Pianisten Valentin Blomer.

„Die Musik ist eine geheimnisvolle Mathematik, deren Elemente am Unendlichen teilhaben“, stellte der Komponist Claude Debussy einmal fest. Mit diesen Worten ließe sich ein ganz besonderes Grundverständnis der Tonkunst beschreiben, denn Valentin Blomer ist auch Mathematiker. Er studierte an der Universität Mainz, promovierte in Stuttgart und habilitierte in Göttingen. Seit 2019 arbeitet er am Mathematischen Institut der Universität Bonn.

Doch Valentin Blomer ist nicht nur ein Mensch, der mit natürlichen oder hyperkomplexen Zahlen zu jonglieren weiß. Er beherrscht virtuos 52 weiße und 36 schwarze Tasten auf dem Konzertflügel. Blomer studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und absolviert weltweit zahlreiche Auftritte als Solist. Seine ersten Klaviertöne entlockte ihm sein Klavierlehrer Dr. Peter Ickstadt in Niederjosbach. Valentin Blomer ist der Burgstadt Eppstein auch durch seine Grundschulzeit an der Comenius-Schule verbunden. Viele örtliche Gottesdienste bereicherte er später mit seinem Spiel an der Orgel.

„Versäume keine Gelegenheit, dich auf der Orgel zu üben; es gibt kein Instrument, das am Unreinen und Unsauberen im Tonsatz wie im Spiel also gleich Rache nähme als die Orgel“, schrieb Robert Schumann in seinen „Musikalischen Haus-und Lebensregeln“. Er gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Romantik.

Der Begriff „Romantik“ speist sich aus vielen Zutaten, einige sind allergisch dagegen, doch die meisten Menschen erliegen dem Zauber von Heimatgefühl, malerischen Landschaften, Melancholie, Rückbesinnung und Suche. Als negative Nebenwirkungen der Romantik gelten Todessehnsucht, Zerrissenheit und Verklärung. Auf dem Konzertprogramm Valentin Blomers standen drei Komponisten aus der Hoch- und Spätromantik: Robert Schumann, Johannes Brahms und César Franck.

„Meine ,Kinderszenen‘ hast Du wohl nun? Liebes Herz, erinnere Dich manchmal meiner und unserer Zukunft und gib mir jetzt den Kuss, den innigsten, seligsten. Deinem Dich von ganzer Seele liebenden Robert.“ Zwei Jahre nach der Entstehung der „Kinderszenen“ heiratete er die Pianistin Clara Wieck. Die „Kinderszenen“ sind ein Zyklus von 13 kurzen Klavierstücken, nicht zwingend für Kinder gedacht, sondern als „Rückspiegelung eines Älteren für Ältere“. Schumanns Leben war ein Schaffensrausch, ausgebremst von Depression, getragen von der Liebe zu seiner Frau und zu seinen acht Kindern, verdunkelt von Krankheit und frühem Tod.

Valentin Blomers Interpretation der „Kinderszenen“ gestaltete sich als buntes Kaleidoskop, ließ die weißen Kirchenwände zu Leinwänden werden. Vor dem inneren Auge des Publikums flimmerten Filme der Erinnerung. Da waren sie wieder, die sich reckenden Hände der ersten Puppe, die struppigen Pfoten des Teddybären, die Umarmung der Eltern. Bälle hüpften, Flieger aus Papier wirbelten, bunte Drachen taumelten, das Karussell drehte sich und Märchenfiguren stiegen aus den Büchern. Die Zuhörerschaft erlag dem emotionalen Blick auf die eigene Kindheit.

Der Komponist Johannes Brahms blieb unverheiratet und kinderlos. Er wurde Pate von Felix Schumann, dem achten Kind von Clara und Robert. Brahms war 17 Jahre alt, als dieser dem Ehepaar kurz bei einer Soiree in Hamburg begegnete.

Drei Jahre später traf er die beiden in Düsseldorf wieder und ab diesem Zeitpunkt war sein Leben eng mit dem der Schumanns verknüpft. In seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“ stellte Robert Schumann den jungen Brahms und dessen musikalisches Werk vor. Der Artikel „Neue Bahnen“ ebnete Brahms den künstlerischen Weg. Die „Klavierstücke op. 118“ entstanden 1893 in Bad Ischl. Clara Schumann, der sie gewidmet sind, sprach von dem Werk als „Fülle von Empfindung im kleinsten Rahmen“.

Valentin Blomer erschuf aus plastisch-satten Klangfarben ein melodisches Bleiglasfenster voller Akzentuierungen, Assoziationen und Leerstellen, in denen selbst die Stille zum Ausdruck wurde. Die Musik schlug sich wie eine Brücke in den Kirchenraum, lud die Anwesenden ein, ihren persönlichen Seelenraum zu betreten, in dem Liebe und Traurigkeit warten, Tage des Glücks und des Abschieds, der Verletzung und Heilung. Der Pianist berührte sein Publikum mit jedem Ton, mit jeder Nuance, majestätisch und filigran. Wer lauschte, hielt den Blick gesenkt, die Augen geschlossen, lächelte oder berührte jemanden vorsichtig an der Hand.

„Meine Orgel ist mein Orchester“, schwärmte der französische Komponist César Franck, dessen Eltern Wurzeln in Deutschland und in Belgien hatten. Franck arbeitete zuerst als Chorleiter an der Pariser Basilika Sainte-Clotilde und war dort 31 Jahre lang als Titularorganist tätig, ein Ehrentitel für besondere Virtuosität.

„Prélude, Choral et Fugue“ tarnt sich als Klavierwerk, ist aber von der Orgel inspiriert. So zog Valentin Bomer am Konzertflügel alle Register. Tasten wurden zu Pfeifen, die zwei Pedale zu einem Blasebalg und der Atem des Künstlers zum Gebläse. Francks Werk in den Händen von Blomer überkam das Publikum mit Urgewalt, suchend, fragend und ruhelos. Das Wechselspiel zwischen Harmonie und Dissonanz variierte. Die Musik scherzte flötenhaft, tobte mit der Schärfe einer zerbrochenen Glasharfe oder verführte mit Violinschmelz.

Romantik wird von vielen als Überbleibsel empfunden, als funkelnde Spiegelscherbe vergangener Zeit. Doch blickt man hinein, sieht man sich selbst und ganz viel darüber hinaus. Dass die Sehnsucht nach diesem Blick ungebrochen ist, bewies das Publikum dem Pianisten Valentin Blomer mit begeistertem Applaus und stehenden Ovationen.

Der Konzertabend wurde mit Spenden finanziert. Eine künstlerische Leistung wie die von Valentin Blomer kann man nicht in Zahlen ausdrücken. Die Besucherinnen und Besucher traten aus der Kirche St. Michael hinaus in den frühen Abend. Am Himmel stand der Mond und in den Vorgärten leuchteten Dahlien und Herbstanemonen. Die Romantik war zurück. Das zählt.

Der Förderverein St. Michael veranstaltet auch wieder das Mitsingkonzert zu Beginn der Weihnachtszeit und das traditionelle Neujahrskonzert 2027. Uta Kindermann

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