Ein Leben wie eine Cello-Symphonie in D-Moll

Nataša Wisianowsky mit ihrem Kinderbuch.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Nataša Wisianowsky mit ihrem Kinderbuch.Foto: Beate Schuchard-Palmert

Nataša Wisianowskys Bildergeschichte „Rudolfs zauberhafte Reise“ ist eigentlich eine Geschichte, die ein Kind anderen Kindern erzählt. Ausgedacht hat sie sich ihr Sohn Joshua als er acht Jahre alt war und in der zweiten Klasse eine Geschichte schreiben sollte.

Damals entstand die Figur des kleinen Gespenstes Rudolf, das so gern ein Mensch sein würde mit richtigen Händen und Füßen. Damals wohnte die Familie noch in Ulm. Als Viertklässler gewann Joshua bei einem Schreibwettbewerb der Ulmer Zeitung mit seiner inzwischen ausgefeilteren Geschichte den ersten Preis unter 150 eingereichten Manuskripten.

Seitdem lässt diese Geschichte Joshuas Mutter Nataša nicht mehr los: Für sie als gläubige Christin symbolisiert Rudolfs Wunsch, ein richtiger Mensch zu sein, die Sehnsucht nach einer unsterblichen Seele und nach dem ewigen Leben. Das Büchlein kommt mit wenigen Figuren und einprägsamen Farben aus: Ein in sanftem Gelb leuchtender Wunschstern vor einem tiefblauen aquarellierten Nachthimmel als Hintergrund und das kleine, tropfenförmige Gespenst Rudolf in zartem Grau sowie die beiden Kinder Tara und Levi, die sich mit Rudolf auf eine abenteuerliche Reise begeben.

Vor sechs Jahren fand Nataša Wisianowsky endlich eine Illustratorin, mit deren Hilfe die Geschichte nach und nach auch bildlich Gestalt annahm. 2022 schloss sie einen Vertrag mit dem Novum Verlag für den Druck. Jetzt ist das kleine Büchlein fertig und wird nächste Woche auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Am Sonntag, 11. Oktober, haben Interessenten die Möglichkeit, die Autorin und ihr Buch am Stand des Novum Verlags in Halle 3 Stand B46 zu besuchen. Dort präsentiert sie ihr Erstlingswerk ab 12 Uhr. Im Frühjahr geht es voraussichtlich zur Buchmesse nach Leipzig.

Nataša Wisianowsky ist erst vor wenigen Wochen endgültig nach Eppstein gezogen, kennt das Städtchen und die Umgebung im Taunus aber schon seit einigen Monaten, weil ihr neuer Lebensgefährte aus Niederjosbach stammt. Sie selbst hat eine bewegte Biographie: Geboren wurde sie 1971 in Kroatien. 1991 zog sie nach ihrer Ausbildung nach Deutschland, wo sie zunächst als Aupair-Mädchen die Tochter ihrer Schwester hütete.

Zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Berlin brach in ihrer Heimat der Krieg aus „und ich konnte nicht mehr zurück zu meinen Eltern“, erinnert sie sich. In Kroatien hatte sie ihr Fachabitur und eine Ausbildung zur Chemie-Technikerin gemacht.

„Ich sprach zwar noch kein Wort Deutsch, hatte aber in der Schule viele deutsche Klassiker in unserer Sprache gelesen“, erinnert sie sich. Seit sie deutsch gelernt habe, sei sie von der deutschen Sprache, ihrer Vielfalt und den Ausdrucksmöglichkeiten begeistert. Die Philosophen, Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts und die Autoren des späteren poetischen Realismus seien ihre Lieblingsschriftsteller. Deren Sprache und Natursymbolik stehe für Ästhetik und emotionale Intelligenz, sagt sie, und schrieb ihr Kinderbuch deshalb auch auf deutsch.

Ohne Deutschkenntnisse konnte sie zunächst nicht in ihrer Branche arbeiten und begann als Putzkraft in einem Krankenhaus. Dort bot man ihr schon bald eine Ausbildung zur Schwesternhelferin an. „Seitdem arbeite ich in diesem Beruf und fühle mich wegen der Nähe zu den Menschen sehr wohl“, sagt sie und machte nebenbei eine Ausbildung zur Ayurveda Massage Praktikerin und arbeitete als Palliativ-Begleiterin.

Deutschland sei inzwischen längst zu ihrer neuen Heimat geworden. Dennoch habe der Krieg im ehemaligen Jugoslawien seine Spuren hinterlassen. „Er hat mich entwurzelt und die gesamte Familie traumatisiert“, sagt sie nachdenklich, obwohl ihre Familie keine Todesfälle verkraften musste und sie nach dem Krieg ihre Eltern regelmäßig besucht habe.

Im Krankenhaus in Berlin lernte Wisianowsky Anfang der 1990er Jahre ihren späteren Ehemann kennen, der damals noch Medizinstudent war. Die beiden bekamen zwei Söhne, zogen mehrfach um, bis ihr Mann seine Approbation zum Facharzt hatte und die Familie in der Nähe von Heidelberg heimisch wurde. Nach 20 Jahren Ehe verließ ihr Mann sie und die beiden Söhne. Eine tiefe Depression folgte, die sich, das weiß sie heute, auch auf das Verhältnis zu ihren Söhnen auswirkte. „Obwohl ich sie nie vernachlässigt habe“, betont sie. Dass die Kinder sie brauchten, habe sie am Leben erhalten, ebenso die Struktur und der feste Tagesablauf mit den Kindern.

In einem Wettbewerb des Chronos-Verlages habe sie einmal ihr Leben in einem einzigen Satz beschreiben sollen. Für ihre Antwort „Eine Cello-Symphonie in D-Moll“ erhielt sie einen Vertrag für ihre Lebensgeschichte als Autobiografie oder in Romanform.

„Das ist mein nächstes großes Projekt“, sagt sie. Dass es in Eppstein eine Autorengruppe gibt, findet sie sehr spannend. Sie habe auch schon erste Kontakte geknüpft.bpa

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