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Fünf Familien, zwölf Schicksale: Hier wird Nachbarschaft gelebt

Michael Speicher, Cäcilie Daus-Speicher (v.li.) und die Bewohner der Unterkunft in der Robert-Koch-Straße 6. Foto: bpa

Seit Eröffnung der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in einer Doppelhaushälfte in der Robert-Koch-Straße 6 in Bremthal im Jahr 2015 leben dort ständig fünf Flüchtlingsfamilien, zeitweise bis zu 19 Personen.

Zurzeit teilen sich zwölf Flüchtlinge fünf Zimmer mit Küche, Bad und separatem WC sowie einem kleinen Appartement im Soutarrain: zwei syrische, eine äthiopische und eine afghanische Familie und ein Geschwisterpaar aus dem Irak.

Das Zusammenleben so vieler Menschen unterschiedlicher Nationalitäten in dem eigentlich für eine Familie mit Kindern konzipierten Haus funktioniert erstaunlich gut. Das haben die beiden Hauspaten Cäcilie Daus-Speicher und ihr Mann Michael Speicher in den vergangenen dreieinhalb Jahren immer wieder festgestellt. Sie ziehen zum Jahresende Bilanz, um darauf hinzuweisen, wie wichtig die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer des Asylkreises nach wie vor ist, und wie hoch die Motivation vieler Flüchtlinge ist, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen: „Unsere Arbeit war und ist sehr anspruchsvoll, intensiv, herausfordernd und bereichernd zugleich – wir möchten sie nicht missen“, sagt Cäcilie Daus-Speicher, die auch für viele andere Helferinnen und Helfer spricht. Seit einem Jahr etwa unterstützen Hanna Fritsch und Ann Krüger die beiden und helfen einer syrischen Familie und ihrem chronisch kranken Kind. Malke Lütgens hilft einer der Frauen beim Deutschlernen. Gertrud Hausotter hat einige Jahre lang einmal in der Woche den Kindern vorgelesen.

In den drei Jahren seit Eröffnung gab es etliche Wechsel in der Unterkunft. Das Zusammenleben erfordere Rücksichtnahme und Toleranz. Das sei den Bewohnern gelungen, sagt Daus-Speicher. Darüber hinaus wurden Freundschaften geknüpft. Gegenseitige Unterstützung sei selbstverständlich. „Nachbarschaft wird dort im besten Sinne gelebt“, fügt Ehemann Michael Speicher hinzu.

Drei Kinder kamen in den drei Jahren zur Welt, drei Kinder haben einen Platz im Kindergarten bekommen, neun Kinder und Jugendliche wurden in die Comenius-Schule, in die Freiherr-vom-Stein-Schule, in die Brühlwiesenschule in Hofheim, die Berufsvorbereitungsklasse und die Fachoberschule in Kriftel oder in die Förderschule in Hochheim aufgenommen. Ein Jugendlicher macht eine kaufmännische Ausbildung, fünf Asylbewerber absolvierten Praktika, ein Tierarzt aus Syrien arbeitet in einem fleischverarbeitenden Betrieb, ein junger Schreiner konnte seine Arbeitsstelle in einer Möbelwerkstatt in Bremthal nicht antreten, weil seine Frau schwer erkrankte und er für sie und seine kleine Tochter sorgen muss.

Krankheiten, zum Teil sehr schwere, waren für Bewohner und Helfer eine große Herausforderung. Ein Baby kam lebensbedrohlich krank zur Welt und musste wenige Tage nach der Geburt ins Krankenhaus, wo es die ersten drei Monate seines Lebens verbrachte, immer begleitet von den Eltern, die jeden Tag neben dem Krankenbett aushielten, für die Mutter, die noch Wöchnerin war, eine Tortur. Die Medikamente schlugen nicht an. Deshalb wurde das Baby zur Charité nach Berlin geflogen, wo es operiert wurde. Die Eltern reisten per Bahn hinterher. 14 Tage später holten die Asylkreishelfer Eltern und das frisch operierte Kind am Frankfurter Bahnhof ab. „Heute“, so Speicher, „besucht die Kleine die Kinderkrippe Zwergenburg und entwickelt sich gut“. „Wenn wir heute Bilanz ziehen“, so die beiden langjährigen Hauspaten, „schauen wir mit Freude und auch mit Stolz zurück auf viele Ereignisse, die die Menschen in der Robert-Koch-Straße mit unserer Unterstützung gemeistert haben“.

Einige Familien der ersten Stunde haben inzwischen eigene Wohnungen bezogen. Eine junge Familie richtet sich gerade eine Wohnung in Bremthal ein. Zwei albanische Familien mussten zurückkehren, eine ging freiwillig, die andere wurde abgeschoben. Dass die Eltern Arbeitsstellen gefunden hatten, zählt bei Asylgesuchen nicht.

Daus-Speicher erinnert sich an die ersten Monate. Die Nachbarschaft reagierte unterschiedlich auf die Flüchtlinge. Da gab es verständnisvolle Menschen, die den Müttern Kleider ihrer Kinder und zu Weihnachten Plätzchen vorbeibrachten. Vereinzelt habe es auch Vorbehalte gegeben. Inzwischen habe man ein freundliches Miteinander erreicht.

Trotz ihrer traumatischen Erlebnisse vor und auf der Flucht seien die Menschen in der Gemeinschaftsunterkunft in der Robert-Koch-Straße hilfsbereite und engagierte Menschen, sagt Daus-Speicher: „Sie lernen fleißig Deutsch und sind bestrebt, sobald wie möglich Arbeit zu bekommen, um für sich und ihre Kinder zu sorgen.“ EZ

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