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Grab des Künstlerpaars Michel sang- und klanglos abgeräumt

Künstler Robert Michel (1897 - 1983) ist in Vockenhausen geboren.Archivfoto: Paul Palmert

Sie sei „erschüttert“, sagte Gabriele Menzendorf, die Fraktionsvorsitzenden der Grünen, als sie im Gespräch mit der Eppsteiner Zeitung erfuhr, dass das Friedhofsamt vor einigen Wochen das Grab von Robert Michel und Ella Bergmann-Michel eingeebnet hat.

Auf Menzendorfs Initiative hin nannte die Stadt 2012 den Rad- und Spazierweg im Goldbachtal in Vockenhausen Bergmann-Michel-Weg, zu Ehren der beiden international bekannten Künstler. Schon vor etwa einem Jahr diskutierte der Magistrat anscheinend über den Erhalt des Grabes des Avantgardekünstlers, der 1897 in Vockenhausen als Sohn der Fabrikantenfamilie Michel zur Welt kam. Aber erst jetzt wurde bekannt, dass sein Grab im Laufe des Sommers abgeräumt wurde.

Die Einrichtung eines Ehrengrabes für einen der bekanntesten Söhne ihrer Stadt kam für den Magistrat nicht in Frage. Man wolle keine Präzedenzfälle schaffen, hieß es im Rathaus. Allein die Pflege, rechnete die Erste Stadträtin Sabine Bergold vor, koste rund 500 Euro im Jahr. Die Entscheidung sei einstimmig gefallen. Bedenken hatte offensichtlich keiner. Auch eine Expertise, die Museumsleiterin Monika Rohde-Reith zu dem Thema abgab, scheint den Magistrat nicht umgestimmt zu haben.

Rein formal sei der Antrag völlig korrekt bearbeitet worden, betonte Bergold. Die Angehörigen wurden gefragt. Sie wollten die Kosten für ein Dauergrab nicht übernehmen, daraufhin entschied der Magistrat. Bergold räumte allerdings ein, dass man dem Umgang mit Vergangenheit, Gedenkkultur und der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung angesichts vieler aktueller und drängender Themen vielleicht nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Der frühere Stadtarchivar Dr. Bertold Picard wundert sich, dass die Stadt nicht versucht habe, über eine öffentliche Initiative Sponsoren für ein Ehrengrab oder eine kleine Gedenkstätte zu finden und weist darauf hin, dass etwa das Grab des ersten Burgkastellans Franz Burkhard vom Burgverein betreut werde.

Dessen Verdienste für Eppstein seien unbestritten, sagt Picard. Die Michels jedoch seien als Künstler von internationalem Ruf weitaus bekanntere Persönlichkeiten.

Robert Michel, der in Vockenhausen aufgewachsen ist, lernte seine spätere Frau, die Künstlerin Ella Bergmann, an der Hochschule für Bildende Künste in Weimar kennen. Die beiden Avantgarde-Künstler standen zunächst dem Bauhaus nahe, gingen aber später eigene künstlerische Wege. In ihrem Haus, in der Schmelzmühle, dem „Heimat-Museum of modern Art“, wie Michel es nannte, waren seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Künstler wie Willi Baumeister, László Moholy-Nagy, El Lissitzky oder Kurt Schwitters häufige Besucher. 1928 wurde in der „Schmelz“ der „Ring neuer Werbegestalter“ gegründet, dessen Ideen bis heute fortwirken.

Marga Weber, Ehrenvorsitzende des Verschönerungsvereins (VVE) und in Jugendtagen Freundin von Michels Tochter Putzi, bedauert, dass der VVE nicht in die Diskussion einbezogen wurde. „Wir hätten uns mit dem Thema beschäftigt und gemeinsam bestimmt eine Lösung gefunden“, sagte die 90-Jährige und wies darauf hin, dass das Denkmal am Ortseingang nach Vockenhausen, das an die historische Schmelzmühle und das Künstler-Paar erinnert, auf eine Initiative des VVE zurückgeht.

In der ehemaligen Mühle lebte der Künstler seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit seiner Familie. Weber war oft als Kind bei den Michels und erinnert sich noch gut daran, dass die extravaganten Künstler bei den Dorfbewohnern nicht gut angesehen waren. „Aber inzwischen“, so Weber, „müssten doch eigentlich alle Eppsteiner stolz auf diese international bekannten Künstler sein.“

Robert Michel gilt als Pionier der Bildcollage. Seine Begeisterung für Motoren, Schwungräder und Geschwindigkeit floss in seine künstlerischen Arbeiten ein und prägte den konstruktivistischen Stil seiner frühen Werke. Wie seine Frau engagierte sich Michel für das Neue Frankfurt von Stadtbaumeister Ernst May. In Eppstein entwarf er zwei Häuser, die mit Flachdächern und klaren Linien den Einfluss der Bauhaus-Architektur zeigen.

Unter den Nationalsozialisten drohte den beiden Künstlern Verfolgung. Sie zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Nach dem Krieg widmeten sich beide wieder verstärkt ihrer künstlerischen Arbeit. Michel verkaufte einige Bilder in die USA. In Deutschland aber blieb ihm zunächst die Aufmerksamkeit versagt. 1971 starb Ella Bergmann-Michel. Als Michel einige Jahre vor seinem Tod 1983 zu seiner Tochter in den Schwarzwald zog, blieben im Keller der Schmelzmühle viele Bilder zurück. Einige wurden von der Feuchtigkeit zerstört, andere verschwanden aus dem lange Zeit leer stehenden Haus.

Den künstlerischen Nachlass verwaltet heute das Sprengelmuseum in Hannover. Im Wiesbadener Museum gehören die Arbeiten der bei-den Michels zur Sammlung „Konstruktive Positionen“. In Kelkheim gibt es eine private Sammlung mit Werken von Robert Michel. bpa

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Kommentare

Einfach ignorant.

Das passt doch leider nur zu gut zum Gesamtbild, das die Politik momentan in Eppstein abgibt.
Daran kann man gut erkennen mit welch provinzieller Ignoranz und Kurzsichtigkeit hier agiert wird.
S.Dömel.

Robert Michel und Ella Bergmann-Michel

Ein Skandal. "Klein fein Eppstein" hat versagt. Das Grab von Robert Michel und Ella Bergmann-Michel, zwei international bekannte Künstler, wurde klammheimlich eingeebnet. Aus Kostengründen.
Robert Michels Bilder hängen nicht nur in Kelkheim oder Wiesbaden, sondern auch, unter anderem, im LACMA (County Museum of Art) in Los Angeles. Im Sprengel Museum in Hannover werden ihre meisten Arbeiten aufbewahrt.
Auch der Sohn Hans Michel war ein berühmter Künstler, bekannt auch als Grafik Designer, zusammen mit Günther Kieser, als "Michel+Kieser".
"Klein fein Eppstein" aber hat das alles nicht wahrgenommen. Der Magistrat hat sich mehr den Vereinen gewidmet als sich mit Kunst zu befassen.
Jetzt ist die Chance vertan über die Provinzialität hinauszuwachsen.

Was hätte eine Erhaltung des

Was hätte eine Erhaltung des Grabes denn dazu beigetragen, über die Provinzialität hinauszuwachsen? Hätte das Grab außer den Angehörigen denn jemand besucht? Bekannte Künstler ja, aber noch lange kein Chagall, bei dem man extra zum Grab fährt...

Verlogene Aufregung

Haben die Angehörigen das Michel-Grab noch besucht oder gepflegt? Haben die Kommentatoren das Grab regelmässig besucht? Die Angehörigen wollten nicht zahlen, wie der Artikel sagt. Aber die Kommune soll es mit Steuergeldern machen. Geht es noch?

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