Vom Kaisertempel-Kiosk zum Tip Top Inn in Chicago

Postkarte vom Kaisertempel, um 1900.

Abbildung aus: „Der Verschönerungsverein von 1878 – Ein Stück Eppsteiner Geschichte“ von Marga Weber, 2013

Postkarte vom Kaisertempel, um 1900.

Abbildung aus: „Der Verschönerungsverein von 1878 – Ein Stück Eppsteiner Geschichte“ von Marga Weber, 2013

Mit großem Interesse hat EZ-Leser Ralf Welsch die Diskussion über die Gründe für die Schließung des Kaisertempel-Restaurants verfolgt, unter anderem weil seine Familiengeschichte eng mit dem Bau des Traditionslokales verknüpft ist.

Die Schließung sei bedauerlich, sagt Welsch, aber verständlich, wenn ein solcher Ort einfach nicht mehr mit den heutigen Anforderungen kompatibel ist, um ein Restaurant wirtschaftlich zu führen.

Welsch hat ein wenig aus seiner weit verzweigten Familiengeschichte zusammengetragen: Bevor das Hotel 1897 eröffnet wurde, betrieb sein Ur-Ur-Großvater mütterlicherseits, Karl Friedrich Hieronymus, dort oben eine Waldschutzhütte, einer Art Imbiss oder Kiosk für Wanderer und für die beim Hotelbau beschäftigten Arbeiter.

Darüber berichtet auch Marga Weber, Ehrenvorsitzende des Verschönerungsvereins (VVE) in ihrem Buch „Der Verschönerungsverein von 1878 – Ein Stück Eppsteiner Geschichte“. Die Schutzhütte, die 1892 von Pionieren aus Mainz-Kastell im Blockhausstil errichtet wurde, diente in erster Linie zur Versorgung der Arbeiter am Kaisertempelbau, aber vermutlich gab es dort auch Postkarten für Ausflügler und „Caffee und Restauration“, wie das Türschild auf einem Foto von 1896 verrät. 1895 wurde eine offene Halle errichtet, unter deren Dach aus Zinkblech sich vor allem Besucher erfrischen konnten. Bei schönem Wetter standen dort Gartenstühle und Tische zur Verfügung. Diese Terrasse hielt sich bis in die 1930er Jahre hinein. Karl Friedrich Hieronymus stammte aus einer Friedberger Gastronomen-Dynastie und wohnte zunächst in Nied, wo er ein Lokal betrieb.

Er hatte aus erster Ehe vier Kinder, drei Jungen und ein Mädchen, und aus zweiter Ehe noch einen Sohn. Über die Kinder aus der ersten Ehe, darunter auch Ralf Welschs Urgroßvater Hugo Hieronymus, schreibt Welsch, dass seine Urgroßtante Anni in die USA auswanderte und in New York lebte. Deren Tochter Gertrude wurde dort Professorin. Ein Sohn war Fotograf und verstarb sehr früh an der damaligen Fotografenkrankheit, der Bleivergiftung.

Sohn Hugo war Malermeister und Künstler und blieb in Eppstein, wo er heiratete und seine beiden Kinder, Lina und Adolf, aufwuchsen. Adolfs Tochter Karola war Ralf und Wolfgang Welschs Mutter. Hugo, der mit Vorliebe farbige Wände und farbliche Abstufungen, vor allem in Rottönen malte, war lungenkrank und die Ärzte prophezeiten ihm damals ein kurzes Leben. Es kam anders. Ralf Welsch erinnert sich noch daran, dass er beim 96. Geburtstag seines Großvaters auf dessen Schoß gesessen habe.

Der dritte Sohn Adolph reiste mit 17 Jahren in die USA ein. Er sprach schon bei der Einreise neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Französisch und kam um 1884 nach Chicago. Dort schien er sein „Gastronomen Gen“, so nennt es Welsch, voll entfalten zu können. Schon wenige Jahre nach seiner Ankunft in Chicago übernahm er das bekannte Restaurant im Dach des Pullman Building zur Weltausstellung 1893, nannte es in Tip Top Inn um und machte es zu einer der ersten Adressen in Chicago.

Der Betrieb bestand aus mehreren Restaurants zu unterschiedlichen Themen: Es gab den „French Room“, den mit Karten dekorierten „Whist Room“ oder den „Colonial Room“. Außerdem bot er ein Restaurant an, wo Kinder während des Essens der Eltern betreut wurden.

Obwohl Adolph im Laufe seines Lebens nur noch zweimal nach Eppstein zurückkehrte, riss die Verbindung nie ab: Er schickte Geld an die Familie in Eppstein, die es an Bedürftige in Eppstein verteilen sollten. Für seinen Bruder Hugo und seinen Vater Friedrich Karl kaufte Adolph 1904 das Haus Rödelbergweg 5, das noch heute im Familienbesitz ist. Dort starb Karl Friedrich Hieronymus 1905.

In großen Überseekoffern, die noch immer als Staubfänger im Haus lagern, kamen immer wieder Güter für die Familie nach Deutschland, verschifft von Chicago nach Bremen und dann mit dem Zug nach Eppstein.

Die Prohibition (1920-1933) bedeutete wie für viele andere Lokale in den USA das Ende für das Tip Top Inn.

Aus zweiter Ehe von Karl Friedrich Hieronymus stammte Sohn Oskar, der ein bekannter Jugendtrainer beim FSV Frankfurt wurde. Er baute dort nach 1945 die mit 29 Teams größte Jugendfußballabteilung im DFB auf.bpa

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