Jürgen Cremer: „Ich habe oft einfach Glück gehabt.“

Jürgen Cremer
            Foto: Helga Mischker

Jürgen Cremer

Foto: Helga Mischker

Jürgen Cremer blickt dankbar zurück auf sein Leben als Christ in der ehemaligen DDR. „Mein Leben war durchgehend ein Leben in Bewahrung durch Gott“,...

... fasst der 83-Jährige seine wechselvollen Erfahrungen im Spannungsfeld zwischen einer atheistischen Diktatur und der in der Verfassung verankerten Religionsfreiheit zusammen. Auch wenn Glaubensausübung nicht verboten war, galt Religion doch nach Marxscher Lehre als „Opium fürs Volk“. Christen standen in DDR-Zeiten deshalb unter besonderer Beobachtung. In persönlichen Gesprächen bekannte sich Cremer trotzdem zu seinem Glauben. Er passte nicht auf, sondern teilte anderen offen und unerschrocken mit, was er dachte. Mehrfach war er mit der Stasi konfrontiert; als 17-Jähriger saß er acht Monate im politischen Gefängnis. Der Fall der Mauer eröffnete auch für sein Leben ein völlig neues Kapitel.

Seit 1992 lebt Cremer in Eppstein. Von 1998 bis 2002 war er im Kirchenvorstand der Talkirchengemeinde. Seit mehr als zehn Jahren betreut er gemeinsam mit Martin Alberts das Männerforum, das sich kürzlich in Forum für Kultur und Gesellschaft umbenannt hat und von Beginn an auch Frauen offensteht. Als Cremer beim Treffen Ende März einen Vortrag über die Rolle der Ostkirche von 1949 bis 1989 hielt, hörten die Teilnehmer gebannt zu und stellten viele Fragen, etwa danach, wie er seinen Glauben in sozialistischen Zeiten habe leben können.

Cremer wurde 1943 in Britz bei Eberswalde geboren, wo die Eltern einen diakonischen Hof der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal bewirtschafteten. Sein Vater, Diakon und Landwirt, war damals im Krieg und fiel 1944 in der Ukraine. „Er hat mich aber als Säugling noch gesehen“, erinnert sich Cremer an Erzählungen seiner Mutter. Die Mutter musste ihn und seinen anderthalb Jahre älteren Bruder allein großziehen. Zunächst führte sie den Hof in Britz weiter. 1949 zog die Familie nach Bad Saarow, wo die Mutter die Leitung eines kirchlichen Erholungsheims übernahm. Ihr neues Zuhause lag mitten im Wald am Scharmützelsee. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit“, erzählt Cremer.

Doch die heile Welt bekam Risse. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 zog Kreise bis in die Provinz. „Schon mit zehn Jahren war mir klar, dass ich in einer atheistischen Diktatur lebe“, sagte er. Das Klima jener Zeit war vergiftet: Die ostdeutsche Kirche, eng verbunden mit der Westkirche, wurde als reaktionär und staatsfeindlich betrachtet. Christen wurden überwacht, Studentenpfarrer verhaftet und Schüler wegen ihrer Zugehörigkeit zur jungen Gemeinde aus den Gymnasien verwiesen.

Nachdem sowjetische Truppen den Aufstand 1953 brutal niedergeschlagen hatten, forderte der damalige sowjetische Staatschef Chruschtschow überraschend die Aufhebung der Sanktionen gegen Christen. Darauf wurden kirchliche Mitarbeiter aus der Haft entlassen und Schüler zum Abitur zugelassen. Doch 1954 führte die SED die Jugendweihe ein. „Das war der Beginn des Kirchenkampfes“, erklärt Cremer. Die Jugendweihe sollte als Alternative zur Konfirmation dienen und die Kinder auf den Sozialismus einstimmen. Die Kirchenleitungen schlossen eine Konfirmation bei einer Jugendweihe aus, was zu massenhaften Kirchenaustritten führte. Ohne Jugendweihe wäre beispielsweise der Besuch der Oberschule nicht möglich gewesen.

Der bereits konfirmierte Cremer verzichtete auf die Jugendweihe und durfte – im Gegensatz zu seinem älteren Bruder – trotzdem die Oberschule besuchen. „Hier habe ich, wie so oft, einfach Glück gehabt“, freut er sich.

Dann kam es zur Spaltung von Ost- und Westkirche auf Grund des im Westen 1957 geschlossenen Militärsorgevertrags, der die seelsorgerische Betreuung von Soldaten regelt. Die Ostkirche distanzierte sich davon und gab ihren bislang kritischen Vorbehalt gegenüber dem Sozialismus auf. Später wurde dann der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR gegründet.

Die Kirchenoberen lenkten außerdem im Streit um die Jugendweihe ein: „Nachdem die SED sie nicht mehr als Eid auf den Sozialismus verstanden wissen wollte, wurde man sich in der Kirche einig, nach zweijährigem Unterricht doch eine Konfirmation vorzunehmen“, berichtet Cremer. Bis zu diesem Zeitpunkt war schon die Hälfte aller Mitglieder der evangelischen Ostkirche ausgetreten.

Noch als Schüler der Oberschule beobachtete er, wie Bauern unter Druck gesetzt wurden, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, kurz LPG, beizutreten. Denn nach der Marxschen Lehre wurden damals Produktionsmittel und Grundeigentum in Volkseigentum überführt. „Die Kollektivierung der Landwirtschaft erfolgte mit Methoden, die übel waren“, so Cremer. „Beispielsweise belagerten Funktionäre mit Hilfe der FDJ die Höfe und forderten die Bauern durchs Megafon auf, endlich der LPG beizutreten.“ Viele hätten dem Druck nicht stand gehalten und seien darauf hin in den Westen gegangen, manche suchten auch einen Ausweg im Suizid.

Gemeinsam mit vier Schulfreunden, die zusammen durch dick und dünn gingen, druckte er mit einem Kinderbuchstabenkasten Flugblätter gegen die unmenschlichen Methoden der Kollektivierung in der Landwirtschaft. Die fünf Freunde verteilten sie an Bushaltestellen, am Bahnhof, an der Post, oder warfen sie in Briefkästen ein. Einer der Buben, ein Bauernsohn, war schon im Westen, als die Gruppe aufflog und für acht Monate ins politische Gefängnis kam. Cremer schätzte sich glücklich, dass er diese Zeit mit den drei Freunden in einer Zelle verbrachte.

Danach fanden die Vier eine Lösung, trotzdem noch das Abitur zu machen: Sie besuchten gemeinsam für zwei Jahre die Abendschule. Cremer absolvierte darüber hinaus parallel eine Ausbildung zum Landwirtschaftlichen Facharbeiter. Danach wollte er eigentlich Veterinärmedizin studieren, erhielt jedoch eine Absage. Die Bewerbung an der Landwirtschaftlichen Fakultät an der Universität Rostock hatte hingegen Erfolg.

1967, ein Jahr vor dem Diplom, hatte er wiederum ein Schlüsselerlebnis, das ihn glauben ließ, einen besonderen Schutzengel zu haben: Beim Klettern im Elbsandstein-Gebirge rutschte er aus der Seilsicherung, fiel 20 Meter in die Tiefe auf einen gerade mal zwei Quadratmeter großen, mit Latschenkiefern und Blaubeersträuchern bewachsenen Sandstein-Felsen und verlor das Bewusstsein. Sein Kletter-Partner rettete ihn. Cremer trug lediglich ein gebrochenes Wadenbein davon.

Während des Studiums lernte er über die Studentengemeinde seine erste Frau Mechthild kennen. Er hatte das Diplom in der Tasche, als sie 1968 heirateten. Sie bekamen zwei Töchter, Antje lebt mit ihrer Familie heute in Dresden, Christine in Erfurt.

Seine zweite Frau Petra lernte er bei der Arbeit auf dem Pflanzenschutzamt in Halle kennen. Damals arbeitete er als Referent für Feldversuche. „Wir sind zusammen nach Rostock durchgebrannt“, erzählte er. Dort trat er eine Stelle als stellvertretender Direktor des Volksguts Hohen Luckow an und war zuständig für die Pflanzenproduktion. 1986 heiratete er zum zweiten Mal und bekam abermals zwei Kinder, die größtenteils in Eppstein aufwuchsen. Tochter Theresa lebt heute in Kriftel, Sohn Alexander in Bremthal. „Ich habe vier Kinder, elf Enkel und einen Urenkel“, zählt der Familienmensch stolz auf.

In Hohen Luckow erlebte die Familie die Öffnung der Mauer. Zuvor kam es noch zu Konfrontationen mit der Staatssicherheit, weil Cremer in der Kirche aktiv war. Gemeinsam mit dem Pastor, einem Freund aus Studienzeiten, hielt er beispielsweise einmal auf der Kanzel stehend einen Gottesdienst und wurde danach von der Stasi zur Rede gestellt. „Das ist das Priestertum aller Gläubigen“, habe er ihnen entgegengehalten.

Er beteiligte sich auch an der Vorbereitung des evangelischen Kirchentages, der 1989 in Rostock stattfinden sollte. In der Vorbereitungsgruppe brachte er ein Umweltproblem seines Hofguts zur Sprache. Da nämlich Gülle-Speicher fehlten, wurde nahe eines Trinkwasserschutzgebietes nicht nur im Sommer, sondern ganzjährig Gülle ausgebracht. Diese Äußerungen, die als Kritik an den Strukturen ausgelegt wurden, brachten ihm ein Gespräch mit zwei hauptamtlichen Stasi-Mitarbeitern ein.

Seine Antwort auf die Vorwürfe betrachtet er als göttliche Eingebung: Er berief sich auf Gorbatschow, Perestroika und Glasnost: Die Probleme sollten auf den Tisch kommen und nicht unter den Teppich gekehrt werden. Er bemerkte, dass die Stasi-Leute erstaunlich unsicher wurden und ihm während des weiteren Gesprächs, das er mutig führte, kaum etwas entgegensetzten.

Die Volkskammerwahlen im Mai 1989 waren für ihn ein weiteres Zeichen dafür, dass das System wackelte. Er selbst habe eine „gültige“ Nein-Stimme abgegeben, wozu alle Kandidatennamen sauber durchgestrichen werden mussten. „Und dann brachte die Zeitung zum ersten Mal das Ergebnis, dass nicht 99,9 Prozent, sondern nur 87 oder 88 Prozent für die SED gestimmt hatten. Das war dann schon einmal ein Durchbruch“, bekräftigt Cremer.

Ab September 1989 fanden die Montagsdemonstrationen statt, nicht nur in Leipzig, sondern überall im Land. „Und zwar zuerst schweigend“, so Cremer weiter, „In Rostock drehten wir eine Runde am Haus der Staatssicherheit vorbei. Und dann wurden dort Kerzen in die Fenster gestellt. Nach vier Demos wurden auch Plakate gezeigt: wunderbare Karikaturen von den Staatsführern.“

Nach dem Mauerfall wurde das Volksgut Hohen Luckow ein Fall für die Treuhand. Am 1. August 1990 wechselte Cremer zu Bayer Crop Science – damals noch Hoechst, in der Nähe von Potsdam. Nach zwei Jahren wurde er in die Zentrale der Hoechst AG in Frankfurt-Höchst berufen und bezog mit seiner Familie das Haus in Vockenhausen.

Der promovierte Experte für wissenschaftliche Feldversuche von Pflanzenschutzmitteln war häufig in der Ukraine. Mit Hilfe der Kriegsgräberfürsorge machte er dort an zentraler Stelle eine Gedenkstätte für gefallene deutsche Soldaten ausfindig. „Die Granit­stelen enthalten die Namen von 40 000 gefallenen Soldaten, darunter ist auch der Name meines Vaters mit seinem Todesdatum“, sagt er sichtlich berührt.

Wie so viele nahm auch Cremer Einsicht in seine Akte bei der Stasi und stellte fest: 36 informelle Mitarbeiter waren auf ihn angesetzt. „Die Berichte waren zu 90 Prozent banal und ungefährlich“, befand er, „Zehn Prozent berichteten von meinen Aktivitäten bei der Kirche und von Westkontakten“.mi

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