Ehrenamt nicht nur für andere wichtig: „Man bekommt etwas zurück“

Der VdK ist für viele Menschen noch immer der Verband der Körperbeschädigten – der Kriegsbeschädigten, Witwen und Waisen – als der er nach dem Krieg Ende der 1940er Jahre gegründet wurde.

Längst hat er sich zu einem der größten Sozialverbände Deutschlands entwickelt mit mehr als 2,3 Millionen Mitgliedern, denen er sozialrechtliche Beratung garantiert und deren sozialpolitische Interessen er notfalls auch vor Gericht vertritt.

Auch in Eppstein hat der VdK eine lange Tradition. Aus einzelnen Ortsverbänden schloss sich vor einigen Jahren der VdK Eppstein zusammen mit aktuell über 300 Mitgliedern. 2019 wurde Inge-Lore Steinmetz zur Vorsitzenden des Eppsteiner Ortsverbands gewählt. Damals leitete sie schon vier Jahre lang den Ortsverband Hofheim mit inzwischen über 950 Mitgliedern. 2023 wurde sie zur Vorsitzenden des VdK-Kreisverbands gewählt. Ihre Wochenstunden fürs Ehrenamt mag die dreifache Vorsitzende gar nicht zählen – „Ungefähr 50 Stunden“, schätzt sie. Im Juni wird sie dafür beim Hessentag in Fulda mit dem VdK-Ehrenamtspreis ausgezeichnet: Die Auszeichnung erhält sie am 20. Juni im Rahmen einer Feierstunde.

Für andere Hobbys bleibe ihr keine Zeit mehr, sagt die 73-Jährige, die in Eppstein aufgewachsen ist und in Vockenhausen wohnt. Dabei war sie früher sehr aktiv in einer Tanzgruppe der Karnevalsgesellschaft Hofheim. 2003 fungierte sie als Ambett „Ingelore Fürstin vom flotten Haxen“. Sie war über 40 Jahre in der Hofheimer Fastnacht aktiv. Eine ihrer Mittänzerinnen überredete sie, beim VdK mitzumachen. Als diese Freundin schwer krank wurde, übernahm Inge-Lore Steinmetz deren Aufgaben und wurde zunächst Schriftführerin. „Wer beim VdK mitarbeitet, muss auch zumindest einen Grundkurs zur Verbandsarbeit absolvieren und mindestens einen weiteren, speziell für sein Fachgebiet, wie Kassenführung oder Schriftführung. „Datenschutzverordnungen und Verschwiegenheitsklauseln muss man einfach kennen“, sagt Steinmetz. So kam sie, die selbst nie den VdK oder eine andere Hilfsorganisation nutzte, zum Sozialverband und arbeitete sich allmählich in die schwierige Materie der sozialen Versorgung ein, in Pflegekonzepte und viele Fragen zum Sozialrecht. Seitdem wisse sie, wie wichtig solche Institutionen sind.

Es gebe viele Mitglieder, die seit vielen Jahren dabei sind, aber selbst die Hilfe des VdK nicht benötigen, „Die sind einfach aus Solidarität dabei“, sagt Steinmetz schlicht.

Dabei hat auch sie schwere Schicksalsschläge verkraften müssen. Ihr Mann starb überraschend im Alter von nur 32 Jahren. Sie zog ihren damals sieben-jährigen Sohn allein groß – als alleinerziehende, berufstätige Mutter. Ihre Eltern und Großeltern standen ihr zur Seite. Gelernt hatte sie Friseurin. Später arbeitete sie als Verkäuferin in Eppstein und Hofheim.

Bis heute hilft sie zweimal wöchentlich im Back-Shop in der Tankstelle in Bremthal aus. An diesen Tagen ist sie schon vor 4 Uhr morgens aus dem Haus, geht danach ins Büro und kommt erst nach 16 Uhr zurück.

Neben Büroarbeiten, Abrechnungen und Verbandsarbeit übernimmt Steinmetz auch Telefondienste in der Kreisgeschäftsstelle des Kreisverbands in Flörsheim. Sie sorgt dafür, dass jederzeit wichtige Broschüren und Anträge, beispielsweise Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten vorhanden sind, organisiert Workshops für VdK-Helfer und Info-Veranstaltungen und führt schwierige Gespräche mit Menschen, die nicht mehr weiter wissen, deren Schicksale beim Zuhören nahe gehen. „Das verkraftet nicht jeder“, weiß Inge-Lore Steinmetz aus langjähriger Erfahrung. Dabei vermitteln sie und ihre Kolleginnen nur die Termine für die eigentlichen Beratungsgespräche mit speziell geschulten Beraterinnen und Beratern und klären vorab, welche Unterlagen dazu benötigt werden.

Die vier Fachanwälte, die nach Abschluss der Beratungsgespräche Widerspruchsverfahren für VdK-Mitglieder einleiten können, haben aktuell rund 5000 Fälle auf dem Tisch, weiß Steinmetz. „Bei Versorgungsämtern und Pflegekassen werden nahezu alle Anträge abgelehnt“, hat sie beobachtet. Der VdK hilft bei Widersprüchen, Reha-Anträgen und in vielen Fragen über Rente, Pflege, Behinderungen, chronische Erkrankungen und die Folgen.

Der VdK ist Ansprechpartner für konkrete Probleme. Allein für einen Wohngeldantrag müssen Betroffene alle halbe Jahre erneut einen 14-seitigen Antrag stellen. „Viele ältere Menschen sind davon völlig überfordert“, hat Steinmetz beobachtet. Eine große Gruppe Betroffener seien junge Menschen, die unter Long-Covid, also den Nachwirkungen einer Covid-19-Infektion oder Impfung leiden: „Die sind mitten aus dem Berufsleben gerissen. Viele brauchen Unterstützung.“

Neben Anträgen und Beratungsterminen kümmert sich Steinmetz auch um die Mitglieder, organisiert Mitgliederversammlungen, Grillfeste, gemeinsames Frühstücken, Weihnachtsfeiern und Ausflüge. „Unsere Fahrt zum Winterzauber auf Schloss Laubach ist schon ausgemacht“, sagt sie, im Sommer stehe noch eine Fahrt nach Seligenstadt an. Als Vorsitzende von zwei Ortsverbänden lädt der Vorstand dazu in der Regel die Mitglieder beider Ortsverbände ein.

Außerdem bemüht sie sich darum, den VdK bekannter zu machen: So baute sie mit dem Kreis-Verband zum Info-Tag des VdK Anfang Mai einen Stand im Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach auf und war mit der Eppsteiner Ortsgruppe beim Höfefest in Bremthal. Wie beim Sportfest der TSG Ehlhalten hielten die VdK-Helfer einen Stand mit Bastelecke für Kinder vor. „Eine Kollegin hat 150 Kronen aus goldener Pappe vorbereitet und Glitzerpunkte zum Aufkleben und Verzieren gekauft“, erzählt Steinmetz. Auch Enkelin Solveig hilft oft mit, zum Beispiel beim Sommerfest des MTK. Die 16-jährige habe „eine soziale Ader, wie die ganze Familie“, sagt Steinmetz lachend. Ihr Sohn Sven engagierte sich von Kindheit an bei der Freiwilligen Feuerwehr, ist inzwischen ehrenamtlicher Kreisbrandmeister und hat als hauptamtlicher Feuerwehr-Gerätewart der Stadt Eppstein sein Hobby zum Beruf gemacht.

Nach dem frühen Tod ihres Mannes hatten sich viele alte Freunde abgewandt. Trotzdem habe sie immer versucht, ihrem Sohn zu vermitteln, dass das Leben weitergeht und, dass man Anschluss suchen muss. Den habe sie in der Hofheimer Karnevalsgesellschaft und beim VdK gefunden. Auch im Kleintierzuchtverein Bremthal ist sie seit einigen Jahren Mitglied. Im Vereinsheim finden viele Veranstaltungen des VdK Eppstein statt, weil es eines der wenigen barrierefreien Grundstücke in Eppstein sei, so Steinmetz.

Gefragt nach ihren wichtigsten Erfahrungen aus der ehrenamtlichen Arbeit, muss sie nicht lange nachdenken: „Es ist wichtig, sich für andere einzusetzen. Man bekommt immer etwas zurück!“ Das möchte sie auch den Kindern vermitteln.

Für Kindergärten und Schulen hat der VdK deshalb das Maskottchen „Käpt‘n Kork“ erfunden, einen grünen Papagei, mit dem die Kinder Abenteuer erleben und die Welt aus der Sicht von Behinderten und alten Menschen kennenlernen. In Vockenhausen habe die Vorschulgruppe des Jakobus-Kindergartens Interesse an einem Besuch angemeldet. „Wir wollen alle Generationen erreichen“, sagt Steinmetz, „es ist wichtig, schon bei Kindern Verständnis und Empathie zu wecken“.

Andererseits gebe es so viele Rentner und alleinstehende Menschen, die unter Einsamkeit leiden. Denen könne sie nur raten, sich eine ehrenamtliche Aufgabe zu suchen, sagt Steinmetz. „Das können auch nur ein paar Stunden ab und zu sein. Davon haben beide Seiten etwas“, ist sie überzeugt.bpa

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