Klavierlehrer Winfried Turowski ließ auf dem Konzertflügel zur Einstimmung auf Festakt und Konzert einen beschwingten, französischen Walzer erklingen. Die Musikschule feierte das zehnjährige Bestehen ihres Musikschulhauses Am Herrngarten und hatte zu einem besonderen Anlass eingeladen: Vor zehn Jahren schenkte die Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung das Gebäude der Stadt. Die übergab es seiner Bestimmung als zentrales Unterrichtsgebäude der Musikschule.
Gesche Wasserstraß, langjährige Vorsitzende und ehrenamtliche musikalische Leiterin der Musikschule, begrüßte die Gäste. „Wir sind froh, dieses wunderschöne Haus zu haben“, sagte sie und wies darauf hin, dass nicht nur die Musik im neuen Gebäude zu Hause ist, sondern auch die bildende Kunst: Die Wände eignen sich hervorragend für wechselnde Ausstellungen. Die nächste sei für Januar geplant. Im vergangen Jahr kam die Literatur hinzu. „Die erste Eppsteiner Büchermesse fand hier statt“, sagte Wasserstraß. Die nächste wird schon vorbereitet.
Die Voraussetzungen dafür, dass in dem Gebäude musiziert, gelernt, ausgestellt und gefeiert wird, wurden vor über zehn Jahren gelegt: Der damalige Stadtverordnetenvorsteher Bernhard Heinz und Stadtrat Horst Winterer hatten die Idee, die Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung um Unterstützung zu bitten. Reinhard Ernst hat Kindheit und Jugend in Bremthal verbracht und immer noch eine enge Bindung an seine Heimatstadt und ließ sich überzeugen.
Die Stiftung übernahm sämtliche Planungs- und Bauarbeiten auf dem städtischen Grundstück. Etliche Gespräche folgten, an denen auch Gesche Wasserstraß für die Musikschule beteiligt war. Nicht immer verliefen sie reibungslos: Die Idee, das historische Sandsteingebäude zu erhalten, musste aufgegeben werden. An seiner Stelle entstand ein moderner, lichter und offener Bau mit großen Fensterflächen.
Für den Neubau waren neue Hochwasserrichtlinien gültig. Wegen der Nähe zum Bach wurde es auf Stelzen gebaut, um eine Überflutungsfläche zu schaffen. Oliver Ickstadt, Geschäftsführer der Stiftung, schilderte am Sonntag, was die Stiftung seinerzeit dazu bewogen hat, das Projekt zu übernehmen. Reinhard Ernst, der 2024 sein Herzensprojekt, das Reinhard Ernst Museum für moderne Kunst in Wiesbaden eröffnete, sei überzeugt, auch musikalische Bildung müsse ihren Platz haben. „Wer Musik lernt, entdeckt auch etwas von sich selbst“, sagte Ickstadt. Die Idee, neugierig zu sein und Erfahrungen zu sammeln, verbinde die beiden Häuser ebenso wie der Gedanke, Kinder und Jugendliche an Kunst und Kultur heranzuführen.
Jahrzehntelang habe die Musikschule in unterschiedlichsten Räumen unterrichtet, bis sie 2016 endlich ein eigenes Zuhause bekam. Er sei begeistert, wie gut das Gebäude genutzt werde und wie gepflegt es nach zehn Jahren noch aussehe, lobte Ickstadt. Mit dem Musikschulhaus habe die Stiftung eine Geschichte fortgesetzt, die bereits 1972 mit einer Lehrerin und 30 Schülern begann. Inzwischen unterrichten fast 30 Musiklehrer rund 550 Schüler und Schülerinnen.
1974 übernahm Gesche Wasserstraß die Musikschule. Seit 52 Jahren trage sie die Verantwortung, daraus sei eine Lebensaufgabe geworden, sagte Bürgermeister Alexander Simon. Für diese Lebensleistung verlieh er ihr am Sonntag die höchste Auszeichnung der Stadt und ernannte sie für ihren „herausragenden Einsatz für die musikalische und kulturelle Bildung“ zur Ehrenbürgerin.
Große Würdigung für Gesche Wasserstraß
„Du hast Generationen von Kindern begleitet und die Entwicklung der Musikschule über Jahrzehnte mitgestaltet und bist wesentlicher Garant, auch für das Innenleben beim Musikschulhaus“, so Simon zur neuen Ehrenbürgerin Gesche Wasserstraß. Sie habe diese Aufgabe ehrenamtlich übernommen, sagte Simon in seiner Laudatio: Das verdiene tiefen Respekt. Sie sei das „musikalische Herz der Burgstadt“, zitierte er die Eppsteiner Zeitung aus einem großen Bericht, der zu Gesches 80. Geburtstag vor zwei Jahren erschien.
Beschlossen wurde die Ehrenbürgerwürde für Gesche Wasserstraß bereits am 17. September in der vorigen Stadtverordnetenversammlung, denn diese muss, wie auch der Magistrat zustimmen.
Unter den ersten Gratulanten nach der Ansprache war Gesche Wasserstraßs Sohn Alexander. Wie seine Mutter arbeitet er in der rhythmisch-musikalischen Früherziehung mit den Kindergartenkindern. Darüber hinaus ist er seit über 30 Jahren Lehrer für Gitarre und E-Bass an der Musikschule. „Eigentlich ist er wie ich schon über 50 Jahre dabei“, sagt Gesche lachend: Sie begann 1974, Sohn Alexander 1975 als einer der ersten Schüler der damals neuen musikalischen Früherziehung. Das hat den heute 55-Jährigen offensichtlich geprägt.
Simon erinnerte auch an ein Versprechen, das die Stadt seinerzeit gegeben hat, das Gebäude in Ehren zu halten und es der Musikschule mietfrei zu überlassen. Er dankte den vielen Menschen, die zu einer lebendigen Musikschule dazugehören: Lehrkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Büro, Vorstand und zahlreiche Unterstützer. Das sei von unschätzbarem Wert, so der Bürgermeister: „In einer Musikschule begegnen sich Menschen verschiedener Generationen. Aus Unterricht werden Auftritte, aus Begegnungen entstehen Verbindungen. So wächst auch die Gemeinschaft in unserer Stadt.“
Auch Kelkheims Bürgermeister Albrecht Kündiger kam zur Feierstunde und erinnerte daran, dass die Musikschule Eppstein-Rossert nicht nur dem Namen nach mit Kelkheim verbunden sei. Unterricht für Kinder aus Ruppertshain und Eppenhain gebe es seit den Anfängen der Musikschule. „Schon damals machte Gesche deutlich, wie sinnvoll interkommunale Zusammenarbeit ist“, lobte er die neue Eppsteiner Ehrenbürgerin.
Die hatte in den Tagen vor dem großen Fest noch viel zu organisieren: Krankheitsfälle und Examina warfen das geplante Programm kurzfristig um. Es musste improvisiert werden. Doch das tat der Matinée keinen Abbruch: Mit Flöte, Gesang, Cello, Klavier, Harfe und Stücken unterschiedlichster Genres boten Lehrer und Schüler akustische Leckerbissen. Flötenlehrer Erik Kuykendall war begeistert, wie viel Klangfülle seine Schülerinnen, die 14-jährige Domino Hendriks und die 15-jährige Pia Meyer, bei der Flötenmusik des Barock und der Renaissance aus ihren Sopran- und Altflöten herausholen. Zusammen mit seiner Baßflöte fehle nur noch eine Tenorflöte, dann wäre das Renaissance-Quartett perfekt. Kuykendall, der seit über 40 Jahren an der Musikschule unterrichtet, freue sich, dass auch in Deutschland die Blockflöte zunehmend als Konzertinstrumente ernst genommen werde.
Bei Domino und Pia muss er nicht mehr dafür werben. Die beiden Freundinnen lernen schon seit ihrer Kindheit bei Kuykendall Flöte. Dominos Eltern erzählen, dass das Mädchen Flöte spielen wollte, seit sie als Vierjährige den Märchenfilm „Die zwölf tanzenden Prinzessinnen“ gesehen habe mit einem Flöte spielenden Schuhmacher.
Während vor dem Fenster der Wind die gelben Blätter des Ahorns scheinbar im Takt wehen ließ, interpretierte Laura Tilburgs, begleitet von Winfried Turowski, mit ihrer sanften Stimme soulige Lieder von Sienna Ann Spiro. Giyeon Hong-Nellen spielte auf ihrem Violoncello die Melodie des Schwans aus Saing-Saëns „Karneval der Tiere“, während Winfried Turowski auf seinem Klavier Töne wie die sanften Wellen des Wassers anschlug. Wie sanfte Wellen ließ auch Harfenistin Vera Meusel ihr Instrument erklingen, vor allem beim bekannten englischen Volkslied Greensleeves. Angela Stieball wagte sich, begleitet von Ulrike Drommeshauser an das Vilja-Lied aus Lehárs „Die lustige Witwe“ und „Think of me“ aus Webbers „Phantom der Oper“. Mit Piazzollas „Oblivion“ boten Giyeon Hong-Nellen am Cello und Pianist Winfried Turowski noch einen krönenden Abschluss vor dem begeisterten Schlussapplaus. bpa
Eppsteins Ehrenbürger
Gesche Wasserstraß erhielt nach Marga Weber (ernannt 2022) und Gertrud und Jürgen Löns (2017) die vierte Ernennungsurkunde zur Ehrenbürgerin seit Gründung der neuen Stadt Eppstein 1977. Auch die zuvor selbstständigen Kommunen ernannten Ehrenbürger: Eppstein verlieh die Urkunde 1899 dem Frankfurter Bankier und Eppsteiner Mäzen Alfred de Neufville und vor 1970, vermutlich in den 1960er Jahren, an Georg Sparwasser, Geschäftsführer der Stanniolfabrik und Vorsitzender des Verschönerungsvereins.
In Vockenhausen erhielt der Lederfarbenfabrikant und erste Nachkriegsbürgermeister Franz Heim 1970 die Ehrenbürgerschaft. Von einem zweiten Ehrenbürger, Herrn Wende aus dem Steinwiesenweg, ist im Stadtarchiv nichts weiter bekannt.










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