Blick in alte Höfe und auf bunte Vielfalt

So wie in der Schäfergasse öffneten am Sonntag viele Höfe in Bremthal die Tore. 
             Foto: Julia Palmert

So wie in der Schäfergasse öffneten am Sonntag viele Höfe in Bremthal die Tore.

Foto: Julia Palmert

Wird das Höfefest zum Dorfplatz-Event? Das fragten sich am Sonntagabend einige Teilnehmer – obwohl am Ende Vereine und Hofbesitzer zufrieden waren mit der angenehmen Atmosphäre, dem Kommen und Gehen der zahlreichen Besucher und vielen guten Gesprächen.

Elena Kirillova zum Beispiel wohnt erst seit kurzem in Bremthal und begann ihren Rundgang mit den beiden Töchtern, Alexandra (4) und Anastasia (3) am Stand des Fördervereins der Kita Am Vogelgesang am Trafo-Häuschen. Beide Mädchen trugen stolz ihre goldenen Kronen, die sie beim VdK gebastelt hatten, und baten um ein Foto zusammen mit Eppsteins Burgfräulein Nathalie, dem Bundes-Apfelwein-Königspaar Marc und Lena sowie der Bundesnaturschutzkönigin Carolin. „Uns gefällt es hier sehr gut“, sagte die junge Mutter zu dem bunten Treiben auf dem Dorfplatz. Später nahm sie mit ihren Kindern auch an der Führung von Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith teil, um mehr über die Geschichte ihrer neuen Heimat zu erfahren und einen Blick hinter einige der großen Hoftore zu werfen.

Auch Organisator Peter Lange freute sich am Sonntag sichtlich über viele zufriedene Gesichter. Trotzdem nahm er sich Zeit, die Zahlen der vergangenen Jahre zu vergleichen und hat einen Trend beobachtet: Während die Beteiligung der Höfe wechselte und sich dieses Jahr nur noch 16 statt 20 Höfe beteiligten und auch die Zahl der beim Höfefest aktiven Vereine schwankt – 18 Vereine waren diesmal dabei, vor zwei Jahren waren es 21 –, hat die Zahl der Aussteller, die sich für einen Platz auf dem zentralen Dorfplatz bewarben, kontinuierlich zugenommen. 25 Kunst- und Manufakturstände lockten mit ihren Waren rund um Dorfplatz und Schulhof, zwei mehr als 2024 – drei weitere hatten sogar kurzfristig abgesagt. Außerdem hatten im Dorfzentrum sieben Vereine ihre Stände aufgebaut.

Auf dem Dorfplatz boten die Kinder der Musikschule, die Reifenberger Härmleins, eine Mittelaltertanzgruppe aus Oberreifenberg, und zum Abschluss die First Take Blues-Band mit dem Eppsteiner Udo Verzagt ein buntes Programm, außerdem gab es jede Menge kulinarische Köstlichkeiten von unterschiedlichen Vereinen und Hofbesitzern. Zur Mittagszeit drängten sich dort die Besucher und fanden beim Kerbeverein mit Hessen-Burger, Bratwurst beim Förderverein der städtischen Kita Am Vogelgesang, in der Gaststätte Bacco und am mobilen Eisstand in der Alten Schulstraße ein abwechslungsreiches Angebot. Die zentral gelegenen Höfe in der Alten Schulstraße hatten ebenfalls guten Zulauf: Im Hof der Familie Becker in der Alten Schulstraße 1 gab es schwedische Fleischbällchen und Lachs-Torte, zwei Höfe weiter beim Tischtennisverein neben Schaukämpfen mit dem lokalen Tischtennisstar Alan Hadzikaric auch Waffeln, Kaffee und Cocktails – viele Besucher blieben am Dorfplatz sitzen, genossen bei frühsommerlichen Temperaturen Essen und Musik und machten sich nicht auf den Weg durch die Höfe.

Die Kerbeburschen luden mittags vor dem Backhaus zum Schaukeltern ein. Der Heimatverein hatte eine große Ausstellung mit landwirtschaftlichen Geräten vorbereitet. Vereinsmitglied Haydar Yilmaz hatte extra seinen Türkei-Urlaub verschoben, um den Heimat- und Geschichtsverein zu unterstützen. Mit den alten Sicheln und Sensen, dem mechanischen Butterfass oder dem Zimmermannswerkzeug ist er bestens vertraut, denn er wuchs in einem Dorf in der Türkei auf. Jetzt lebt er schon seit vielen Jahren in Deutschland, doch das alte Handwerk fasziniert ihn noch immer. Vereinsvorsitzender Helmut Kleindienst stellte das Vereinsprojekt zu den alten Flurnamen vor. Der Verein arbeite gerade daran, die neuen Schilder mit einer Erklärung zu den örtlichen Bedeutungen zu versehen, erklärte er.

In der Alten Schule zeigte die Klöppelgruppe mit Karin Cloos, Kunst und Dekoratives, Praktisches und Witziges: Viele verschiedene Hände zauberten aus feinen Fäden ein Gemüse-Kunstwerk mit Kürbis, Lauch, Paprika und Co. Spitze umrahmte auch ein Holzfundstück, das sich in einen Tiger verwandelt hatte. Die jüngste der Gruppe, die zwölfjährige Merit, zeigte, wie schnell sie das Handwerk erlernt und bereits eigene Entwürfen erfolgreich umgesetzt hat.

Angesichts der Fülle von Angeboten rund um Bornstraße, Alte Schule, Dorfplatz und Alte Schulstraße, hatten es die Höfe an der Peripherie des Festgebiets schwer. In der Neugasse gelang es kaum, mit den zwei verbliebenen Angeboten des Burgvereins im Hof Nr. 2 und des Asylkreises im ehemaligen Schützenhof die Besucherströme dorthin zu lenken.

Der Asylkreis im Hof des ehemaligen Schützenhofs war dennoch zufrieden: „Viele kommen, weil sie unsere äthiopische Linsensuppe, die ukrainischen Piroggen und das syrische Baklava schätzen“, sagte Hilde Picard, eine der Asylkreis-Gründerinnen. Das Buffet war gegen Ende des Festes nahezu abgeräumt. „Außerdem haben uns neue Helfer angesprochen und wollen mitarbeiten“, freute sich Elfie Helmling vom aktuellen Vorstand.

Die Bilanz des Burgvereins fiel schlechter aus als beim vorigen Höfefest. Ihm fehlte der Zulauf durch die benachbarten Höfe, die dieses Jahr abgesagt hatten. „Dadurch kamen weniger Menschen in die Neugasse als vor zwei Jahren“, bedauerte Benjamin Peschke.

Dorffest mit Vereinen, Kreativen und viel Historie

Und schon damals war die Lage am Rand des Höfefestes nicht ideal. Am Angebot des Burgvereins kann‘s nicht gelegen haben: Für Hungrige gab‘s im neuen Flammkuchen-Backofen überbackenen Toast und für alle anderen Bogenschießen auf Motive aus der Eppsteiner Gründungssage und den Info-Stand der Eppsteiner Rotte zu mittelalterlichen Waffen.

Auch am unteren Ende des Höfefests, in der Wiesbadender Straße 4 hätten sich die Aussteller größeren Zuspruch gewünscht. Dort gab es Schmuck aus Holz und Harz, Fotografien und Weinspezialitäten aus Rheinhessen.

Im Hof der Nummer 12 dagegen passte die Mischung aus Vereins- und Kreativangebot. Dort hatte der NABU einen neuen Standort gefunden, seitdem Hof Benedikt aus Altersgründen des langjährigen Vorsitzenden geschlossen ist. Die Kinder bastelten am NABU-Stand im lauschigen Hof mit Vize-Chef Reiner Rohr Bienenhotels – unter dem wohlwollenden Blick des Ehrenvorsitzenden Alois Benedikt. Die Ehlhaltener Mattenfüchse buken Waffeln. Umrahmt wurden die Aktivitäten von einem attraktiven Antik- und Trödelmarkt, den die Hofbesitzer, die Familie Lösing, ausrichteten.

An der Ecke zur Schäfergasse lockten ein Kleintraktor und hunderte von Modell- und Spielzeugautos Neugierige an. Siggi Düben, seit vielen Jahren Platzwart bei der SG Bremthal, stellte erstmals seine Sammlung von Miniatur-Bau- und Nutzfahrzeugen öffentlich aus – und hatte guten Zulauf. Seine Enkelinnen, die zehnjährigen Zwillinge Enya und Divia, halfen den Kindern, die mit einem Spielzeugbagger und Magnet Gummibären-Päckchen aus einem großen Korb fischten.

Im Kreativ-Hof von Miriam Castle-Weiss gab es neben Kaffee und Kuchen Infos vom Tüfa-Team, zu Tai Chi und Qigong und einen Maltisch für Kinder. Mit Wachsstiften malten sie ihren „Lieblingsspielort“ – für Hannah war das der Reiterhof und für Paul der Fußballplatz. Die Fotografin sammelte alle Bilder und will dazu in den nächsten Wochen die realen Orte fotografieren.

Wer sich der Führung von Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith anschloss, bekam einen kurzweiligen und anschaulichen Überblick über das Leben im alten Bremthal. Obwohl die ältesten Gebäude, eine inzwischen sanierte Scheune von 1685 und die ehemalige Milchküche von 1681, beide in der Wiesbadener Straße, datieren, seien bei Erdarbeiten deutlich ältere Spuren gefunden worden, zum Beispiel Keramikscherben, die bis ins Mittelalter verweisen. Immer wieder wies Rohde-Reith auf gelungene Fachwerksanierung hin – und wie wichtig der Erhalt der alten Bausubstanz für das Ortsbild sei. Abgesehen davon sei ein mit Lehmsteinen und natürlichem Baumaterial renoviertes Fachwerkgebäude aus ökologischer Sicht und auch beim Raumklima kaum zu übertreffen. Auf ihrem Rundgang wies sie darauf hin, wie sich die Lebensverhältnisse und die Versorgung verändert haben: Erst mit dem Bau einer Wasserleitung 1912, an die noch das Pumpenhaus im Jugendstil erinnert, sei der Dorfbrunnen überflüssig geworden. Mit der Wasserversorgung verbesserten sich die Lebensverhältnisse.

Auch damals gab es schon Ideen, Energie zu sparen, denn Holz war der wichtigste Rohstoff. So sollte das 1900 errichtet Dorf-Backhaus helfen, Energie zu sparen. Erstaunt hörten die Teilnehmer, dass es in Bremthal eine Fülle von Handwerkern, wie Schuster, Schneider, Bäcker, Metzger, aber auch Polsterer, Mosterei, Milchsammelstelle und eine Schnapsbrennerei gab. Etliche Konsumläden boten alles, was im Haushalt benötigt wurde. Die Gasthäuser mit Stammtischen, Tanzsälen und einem Kinosaal waren wichtige Treffpunkte und soziale Zentren. Rohde-Reith: „Auch wenn es das alles nicht mehr gibt und viele Gebäude zu Wohnhäusern umgebaut wurden, lohnt es sich, daran zu erinnern, auf wie kleinem Raum das Leben damals stattfand und sich so viele Geschäfte, Handwerker und Dienstleister hielten.“

Der Platz rund um die katholische Kirche und das Pfarrhaus füllte sich nach dem ökumenischen Gottesdienst in der Emmausgemeinde schnell. Pfarrerin Yvonne Heinrich und ihr katholischer Kollege, Pastoralreferent Enrico Wagner, hatten den Familiengottesdienst am Muttertag zum Thema „Liebe“ gemeinsam geleitet. Unterstützt wurden sie vom Kinderchor „Instrument Stimme“ und der Musikgruppe „Mayim“. Als greifbares Ergebnis hing anschließend ein großes Herz, geklebt aus vielen kleinen roten und rosafarbenen Herzen, am Stand des Fördervereins des katholischen Kindergartens und der Emmausgemeinde: Dort schien der Vorrat an Kaffee und Kuchen oder Spundekäs‘ mit Brezeln und Wein unerschöpflich. Den ganzen Tag über waren die Bänke vor der Kirche gut besetzt. Auf der Wiese vor dem Gemeindehaus versuchten sich etliche Besucher im Discgolf-Werfen. Der neue Verein „Wurfkollektiv“ machte an seinem Stand in der Schäfergasse Werbung für neue Mitglieder.

Im Vergleich dazu gehört Michael Kleindienst vom Zeltlager-Team der katholischen Kirche zu den alten Hasen: Seit 20 Jahren hilft er bei Vorbereitung, Durchführung und Abbau des Sommerzeltlagers – das wiederum gibt es dieses Jahr seit 40 Jahren, wie Kleindienst beim Blick in die Kirchenunterlagen festgestellt hat. Über dem Zugang zur Wiese hinter dem Gemeindesaal flatterten Bettlakengroße Transparente mit bunten Motiven der jeweiligen Zeltlager. Dort hatte das Team ein Zelt und etliche Lager-Utensilien aufgebaut und füllte die Pausen zwischen Gesprächen mit interessierten Eltern mit Gitarrenmusik und typischen Lagerfeuer-Liedern.

Wie eine Oase der Ruhe schien der nur wenige Schritte davon entfernt liegende Hof der Familie Ferdinand in der Bornstraße 28 neben der Kirche. Dort sang Ursula Ferdinand mit Freundinnen und jedem, der Mitsingen wollte, Wander- und Volkslieder zur Gitarre. Regina Lünebergs großformatige Blütengemälde in zarten Weiß- und Rosatönen kamen zwischen den üppig grünenden Rabatten im kleinen Innenhof besonders gut zur Geltung.

Wer sich durch die obere Bornstraße dem Dorfplatz näherte, hatte die Möglichkeit, am Stand der Ostafrika-Hilfe die Schulspeisung für kenianische Kinder zu verkosten: der nahrhafte Eintopf aus Reis und Bohnen liefert ihnen Kohlehydrate, Eiweiß und Fett. Ein Tor weiter servierte der Gesangverein Liederkranz Wildbratwurst, Pilzpfanne und Mai-Bowle. Der Lokalmatador mit 80 aktiven Sängerinnen und Sängern in zwei Chören hatte volles Programm: Am Grill und bei gelegentlichen Gesangseinlagen.bpa/ffg

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