SPD-Newcomer schauen auf Finanzen und soziale Gerechtigkeit

Ob mit Wahlplakaten und Info-Stand, per Online-Veranstaltung oder als Video-Sprechstunde – Der Wahlkampf 2021 läuft angesichts der Corona-Krise eher ruhig an.

Einige Parteien haben Erfahrungen mit Online-Veranstaltungen gemacht, andere warten ab, ob im Wahlkampf-Endspurt noch Präsenzveranstaltungen möglich sind. Eines haben alle Wahlgruppierungen in Eppstein gemeinsam: Auf den Wählerlisten finden sich viele neue Namen. Deshalb stellen wir in den kommenden Wochen einige dieser politischen Neulinge vor.

Die Eppsteiner SPD stellt mit sieben Stadtverordneten in der aktuellen Wahlperiode die größte Oppositionsfraktion. Unter den ersten zehn Kandidaten sind fünf neue Gesichter. Auf Platz vier steht die erste Newcomerin: Solmaz Hejri ist 40 Jahre alt und lebt seit sieben Jahren in Vockenhausen, wo sie auch für den Ortsbeirat kandidiert. Der SPD schloss sie sich an, „weil sie viele gute Themen anpackt und wir rechten Parteien wie der AfD etwas entgegensetzen müssen“, sagt die gebürtige Iranerin, die vor 17 Jahren zum Studium nach Deutschland kam. In Deutschland durfte sie, anders als im Iran, wo ihr ein Informatikstudium zugewiesen worden war, Chemie studieren.

Chemie sei von der ersten Schulstunde an ihr Lieblingsfach gewesen, sagt Hejri, die inzwischen als Chemie-Ingenieurin in Frankfurt den Bau von Anlagen plant. Deshalb zog sie von Weimar, wo sie ihr Masterstudium abschloss, nach Eppstein. „Chemie und Natur sind für mich keine Gegensätze. Im Gegenteil: Die Chemie schafft Ordnung in der Natur und erklärt viele Phänomene“, beschreibt Hejri, was sie so an ihrem Fach fasziniert.

In ihrer Freizeit sei sie gern mit ihrem Mann Pirusan Mahboob in der Natur unterwegs und liebe Eppstein mit seinen vielen Wanderwegen und schönen Aussichtspunkten. Die beiden sind auch begeisterte Bootswanderer.

Der Ausbau der Radwege zwischen den Stadtteilen ist ihr wichtig. Deshalb hat sie die Petition für den Radweg nach Bremthal unterzeichnet. Einsetzen will sie sich vor allem für soziale Verbesserungen: Chancengleichheit in der Schule für alle Kinder, egal aus welchem Umfeld sie kommen. Deshalb fordert sie eine Ausweitung des Betreuungsangebots und kleinere Klassen.

Peter Keller, der aus einem Dorf im Südschwarzwald stammt, in Freiburg Abitur machte und in Stuttgart Agrarökonomie studierte, zog vor 40 Jahren mit Ehefrau Doris nach Eppstein. Seine drei inzwischen erwachsenen Kinder sind in Eppstein aufgewachsen. Beide Jungs waren Handballer. Auch Keller ist, soweit ihm sein Berufsleben Zeit ließ, in der TSG Eppstein aktiv, seit 1994 auch im Vorstand. Für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), vormals GTZ, betreute Keller zum Teil jahrelang Auslandsprojekte in Afrika und im Nahen Osten. Seit 2014 ist der heute 72-Jährige im Ruhestand, aber noch als Berater tätig: Zurzeit für ein Projekt zur Wiederherstellung von Waldlandschaften in Kamerun, Kenia, Malawi und Ruanda.

Der SPD fühlt Keller sich „seit eh und je“ verbunden. Das Thema „soziale Gerechtigkeit“ ist ihm wichtig und die muss aus seiner Sicht auf der lokalen Ebene beginnen. Mit Sorge beobachtet er, dass der finanzielle Spielraum der Kommunen immer enger wird. „Wir müssen die wirtschaftlichen Zusammenhänge auch auf lokaler Ebene im Blick behalten“, sagt Keller. Mit „lokal handeln, aber global denken“ beschreibt er den Grundsatz, ortsansässige Firmen zu unterstützen, damit sie gegen die Konkurrenz im Internet eine Chance haben. Das steht aus seiner Sicht nicht im Widerspruch zu der von der SPD im aktuellen Haushalt geforderten Erhöhung der Gewerbesteuereinnahmen. Dazu müsse nicht unbedingt der Hebesatz verändert werden, vielmehr sollten die Städte darauf drängen, dass der Zuteilungsschlüssel zu ihren Gunsten verändert wird.

Der Bau des Radwegs von Eppstein nach Bremthal ist ihm wichtig. Mit der Zusage des Landes sei es noch lange nicht getan: „Wir müssen wachsam sein und darauf achten, wo die genaue Route verlaufen soll.“

Bezahlbarer Wohnraum steht auch auf seiner Agenda: Keller schlägt vor, die Stadt solle Bauprojekte auf Genossenschaftsbasis umsetzen und nennt als Beispiel, die sogenannten „Stanniolhäuser“ in der Kurmainzer Straße, die in den Nachkriegsjahren als Bauprojekt von der Firma initiiert wurden.

Die 19-jährige Lisa Heidenreich ist in Bremthal aufgewachsen und hat gerade ihr Studium an der TU Darmstadt im Studiengang „Cognitiv Science“ begonnen. Sie kandidiert für die Stadtverordnetenversammlung und für den Ortsbeirat. Ihr Freiwilliges Soziales Jahr hat sie im Hessischen Landtag absolviert. „Das Beispiel der SPD-Opposition im Landtag hat mich sehr motiviert, mich selbst politisch zu engagieren“, sagt sie: Zunächst bei den Jusos in Hofheim, dann im Eppsteiner SPD-Stadtverband.

Da sie selbst gern Sport treibt, Handball bei der TSG spielte, dann zum Badminton in der SG wechselte und inzwischen selbst eine Jugendmannschaft trainiert, steht das Thema „Bewegungsangebote für Jugendliche“ bei ihr an erster Stelle. Sie würde gern den Juso Ortsverband wiederbeleben, vorrangig seien aber Themen, die alle Jugendlichen betreffen. Zum Beispiel ein Radwegenetz zwischen allen Stadtteilen und bessere Ausgestaltung der vorhandenen Spiel- und Freiflächen für Jugendliche sowie Kooperationen zwischen Sportvereinen und Schulen.

Obwohl sie in Darmstadt studiert, sei an Studentenleben zurzeit kaum zu denken. Sämtliche Veranstaltungen finden online statt. Sie pendelt deshalb zwischen ihrer Studentenbude in Darmstadt und dem Elternhaus in Bremthal und hofft, dass im Laufe ihres Studiums auch echtes Studentenleben möglich sein wird, „und ich meine Kommilitonen und die Dozenten endlich persönlich kennenlerne“.

Elmar Döhler studierte nach seiner Banklehre Jura und Verwaltungswissenschaften und zog von seiner Heimatstadt Hildesheim zum Studium nach Marburg und schließlich nach Mainz. Eher zufällig habe er sein jetziges Domizil in Vockenhausen entdeckt und zog vor fünf Jahren vom Rhein in den Taunus. Nach Vockenhausen seien er und seine Partnerin wegen der guten Anbindung nach Frankfurt gezogen. Ihm sei aufgefallen, dass viele Eppsteiner selbst für kurze Wege innerhalb der Stadt ins Auto steigen. Er fahre im Sommer mit dem E-Bike nach Frankfurt. Im Winter genieße er die gute S-Bahn-Anbindung. Derzeit arbeitet der 51-jährige Abteilungsleiter bei der Bundesbank wie viele andere im Homeoffice.

In seiner Freizeit erschließt er sich nach und nach seine neue Heimat zu Fuß und mit dem Rad. Als Ausgleich zum Job arbeite er am eigenen Haus oder hacke lieber sein Kaminholz selbst, als ins Fitnessstudio zu gehen.

Für Eppstein wünscht er sich einen klar erkennbaren Gestaltungswillen und ein besseres Marketing: Für neue Baugebiete, für Gastronomie in der Stadt und Veranstaltungen in der Altstadt. Die Altstadt veröde seit Jahren, schon lange vor der Corona-Pandemie. Manches sei offensichtlich: „Wer auf die Burg will, will danach auch ins Café“. Für eine dauerhafte Belebung müssten jedoch Zielgruppen definiert und ein Konzept entwickelt werden.

„Wir leben im Jahrhundert der Bürgerinitiativen, die gegen alles sind“, sagt Döhler, „da hilft nur gute und frühzeitige Kommunikation und Aufklärung.“ Das gelte für kulturelle Veranstaltungen und touristische Angebote genauso wie für geplante Bauarbeiten oder die noch bevorstehende Gestaltung der neuen Ortsmitte in Vockenhausen.

Sein eigentliches Thema jedoch seien öffentliche Finanzen. So würde er gern die städtische Gebührenordnung durchleuchten und die Gründe, warum der städtische Haushalt aus dem Ruder laufe. Gebührenerhöhung sei immer die Ultima Ratio. Er vermisse echten Sparwillen bei der Stadt und fordert entsprechende Initiativen seitens der Stadtverordneten. bpa

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