Die EDV-Abteilung stellte ihr Notebook ganz offiziell von Sabine Bergold auf Andrea Sehr um – und sie habe sofort erste Nachrichten beantwortet und Kontakte eingepflegt. Eine der ersten E-Mails erhielt sie von ihrer Assistentin Natalia Katsamperoglou: „Eine freundliche Begrüßung, weil sie freitags im Homeoffice ist“, erzählt Andrea Sehr bei unserem Gespräch am frühen Freitagnachmittag über ihren ersten Tag als Erste Stadträtin. Als eine ihrer ersten Amtshandlungen habe sie ihre Unterschrift unter die Vereinsförderung bei den Burgfestspielen gesetzt.
Auf dem Schreibtisch steht außerdem ein Blumenstrauß von Bürgermeister Alexander Simon zur Begrüßung. Die Panorama-Fotos von Eppstein, die ihre Vorgängerin Sabine Bergold aufgehängt hat, habe sie behalten dürfen und als einzige neue Wanddekoration ein Gemälde ihrer verstorbenen Freundin Ulla Abs mitgebracht: Ein Bild von Burg Eppstein in expressionistischen Gelb- und Rottönen. „Ich sehe in der ungewöhnlichen Farbwahl Ullas Motto, die Dinge auch mal anders zu sehen: farbenfroh und voller Leben“, sagt Sehr, die sich auch daran erinnert, dass Ulla Abs vor etlichen Jahren Alexander Simons Assistentin war, in seiner Zeit als Erster Stadtrat. Das Bild sei für sie Ansporn und Mahnung zugleich, sagt Sehr, die sich noch gut an die zupackende Art ihrer Freundin erinnert.
Auch einen Rundgang von Büro zu Büro habe sie schon gemacht – allerdings am Freitag viele Mitarbeiter nicht angetroffen. Etliche waren im Homeoffice. Für Montag hatte Sehr sich den Rundgang im Rathaus II in Alt-Eppstein vorgenommen. „Die Abteilungen gehören fast alle zu meinem Dezernat“, hat sie in den vergangenen Wochen schon festgestellt, als sie von Sabine Bergold eingearbeitet wurde.
Sie habe schon etliche Eindrücke gesammelt und Menschen kennengelernt. „Aber das muss ich alles erst noch auf mich wirken lassen. Mir fehlen die Alltagseindrücke, um meinen neuen Job wirklich einschätzen zu können“, sagt sie. Eines habe sie vorher schon gewusst: Weniger stressig als ihre bisherige Arbeit werde die neue Aufgabe nicht. „Denn ich muss täglich Entscheidungen treffen und werde ständig mit unerwarteten Situationen konfrontiert werden. Bange sei ihr nicht davor: „Auch in meiner bisherigen Firma war ich die Problem-Löserin“, sagt sie lachend.
Neben der Arbeit im Rathaus, wo noch etliche Treffen mit Mitarbeitern anstünden, und in den Gremien hat sie sich vorgenommen, in den kommenden Wochen möglichst viele Vereine zu besuchen: „Jetzt ist gerade die Zeit der Jahreshauptversammlungen“, sagt sie, „da Vereine in mein Ressort fallen, möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um zu erfahren, wo der Schuh drückt.“ In Alt-Eppstein beispielsweise sucht der Vereinsring dringend jemand für den Vorsitz. In Niederjosbach, wo Sehr zu Hause ist, kenne sie die Vereinslandschaft sehr gut, jetzt will sie auch die anderen Stadtteile besser kennenlernen. „Denn“, so Sehr, „auch in Zukunft soll es bei kurzen Wegen zwischen Ehrenamt und Verwaltung bleiben.“
Überhaupt sei Kommunikation eines ihrer vorrangigen Themen, sagt sie und meint damit auch die Kommunikation zwischen den einzelnen lokalen Ebenen: Im Rathaus selbst, aber auch zwischen Verwaltung und politischen Entscheidungsträgern sowie mit den Bürgerinnen und Bürgern. „Bei den Menschen kommt vieles einfach nicht an!“, ist sie überzeugt und möchte niedrigschwellige Angebote schaffen mit kurzen Wegen und klaren Formulierungen, auch für komplexe Zusammenhänge. „Bei allem was wir in der Verwaltung tun, müssen wir immer den Menschen auf der anderen Seite sehen und uns in ihn hineinversetzen“, sagt Sehr, das gelte übrigens für beide Seiten der Kommunikation.
Gerade wenn es um Forderungen der Stadt gehe, sei es wichtig, sie zu erläutern. Das habe Sabine Bergold auch schon begonnen. Zum Beispiel mit online verfügbaren Erklärungen für bestimmte Bescheide. Wie ihre Vorgängerin ist auch Sehr als Kämmerin für die Finanzverwaltung verantwortlich.
Ein Pauschalrezept zur Haushaltskonsolidierung habe sie nicht. Aber immer weiter Kosten streichen reiche nicht mehr aus. „Wir haben in den vergangenen Jahren schon so vieles aus dem Haushalt gequetscht“, sagt Sehr, die seit 2016 CDU-Stadtverordnete war und am Donnerstagabend die letzte Sitzung als Stadtverordnetenvorsteherin leitete. „Wir brauchen Grundsatzentscheidungen“, sagt sie und führt als Beispiel die anstehende Diskussion über die Mehrfachstrukturen im Stadtgebiet an. Als Beispiel nennt sie die Friedhöfe, von denen einige nicht ausgelastet seien, aber jedes Jahr enorme Kosten verursachen. Auch im Rathaus müsse man nach Synergien suchen, ohne die Leistungsfähigkeit einzuschränken.
Folgerichtig sei ihr zweiter Schwerpunkt die Digitalisierung, die, so Sehr, auch eines ihrer Aufgabengebiete bei ihrem bisherigen Arbeitgeber war, einer großen Präsenz- und Online-Apotheke. Das Rathaus sei schon längst auf einem guten Weg: Die Digitalisierung der Bauakten sei abgeschlossen, die Digitalisierung der Steuerakten komme gut voran. Sehr: „Damit schaffen wir die Voraussetzungen, um den Papierausdruck abzuschaffen.“
In ihrem Büro gebe es beispielsweise gar keinen Drucker mehr. Bergold und ihre Assistentin „haben schon sehr digital gedacht“, sagt Sehr. Das werde auch so bleiben. Aber es sei auch klar, dass Digitalisierung ein langwieriger Prozess ist, der zunächst einmal Kosten verursacht und nicht automatisch bedeutet, dass sofort viele Stellen eingespart werden. Außerdem gebe es viele gute Gründe, Stellen wieder zu besetzen, sagt sie und nennt als Beispiel die Kinderbetreuung.bpa

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