Durchbruch bei interoperabler Dateninfrastruktur

Start-Up-Gründer Tero Salomaa erklärt, wie seine Firma Liberbyte Daten kontrolliert und strukturiert anwendet.            Foto: Beate Schuchard-Palmert

Start-Up-Gründer Tero Salomaa erklärt, wie seine Firma Liberbyte Daten kontrolliert und strukturiert anwendet.            Foto: Beate Schuchard-Palmert

Daten sind im Zeitalter von Internet und künstlicher Intelligenz (KI) das höchste Gut. „Wer die besten Informationen hat, hat die Kontrolle“, ...

... fasst der Eppsteiner Unternehmer Tero Salomaa zusammen, womit sich seine Firma Liberbyte seit ungefähr zehn Jahren beschäftigt: Der Entwicklung einer offenen Architektur und Technologie zur Klassifizierung, Identifizierung, Strukturierung und Anwendung von Daten mit Hilfe bestimmter semantischer Begriffe und einer Software, die gleichzeitig die Kontrolle über sämtliche Daten behält.

Das Unternehmen mit Firmensitz in Eppstein wurde 2021 gegründet und arbeitet mit einem kleinen, international aufgestellten Team im Startup- und Technologiezentrum TechQuartier in Frankfurt.

Die Nähe zu Frankfurt sei wegen der internationalen Unternehmen, der Internet- und Rechenzentrumsinfrastruktur sowie der lebendigen Startup-Szene ein wichtiger Standortvorteil. Nach mehreren Jahren Entwicklung und erfolgreichen Pilotprojekten stehe Liberbyte jetzt an der Schwelle zur kommerziellen Wachstumsphase.

Den Sinn seines Produkts beschreibt der 48-jährige gebürtige Finne Salomaa so: „Wer seine Souveränität behalten möchte, muss die Kontrolle über seine Daten zurückgewinnen.“ Denn mit Einführung der KI sei der Wettlauf um die Datenkontrolle in eine neue Ära eingetreten, in der Europa weit hinter den USA oder China zurückliegt. Russland ist mit seinen andauernden hybriden Angriffen ein weiterer wichtiger Akteur in diesem globalen Raum.

Die nahezu wöchentlichen Meldungen über weltweite Sicherheitslücken, gesteuerte oder ungesteuerte Hacker- oder KI-Angriffe machen deutlich, wie fragil das weltweite Datengebäude ist und wie unübersichtlich. Vor KI seien auf Dauer ohnehin keine Daten sicher, wenn Europa sich keine eigenen Sicherheitsstandards zulegt, sagt Salomaa und weist darauf hin, dass mit den aktuell nahezu ungehindert verfügbaren Daten längst neue Produkte entwickelt werden, Strategien entstehen, die ganze Gesellschaften verändern können.

„Wir brauchen Kontrollmechanismen, damit dieser Orwellismus nicht stattfindet“, sagt er. Salomaa weiß wovon er spricht, schließlich arbeitet er seit fast zehn Jahren daran, Datenzugriffe gezielt zu kontrollieren, Risiken zu reduzieren und die digitale Souveränität zu stärken. Das ersetze keine klassische IT-Sicherheitslösung, sagt Salomaa: „Unsere Architektur kann jedoch dazu beitragen, Risiken durch zentrale Abhängigkeiten zu reduzieren und die digitale Souveränität zu stärken.“

Sein Produkt OUDEA steht für „Open Unified Data Exchange Achitecture“; mit der Software bytEM schafft Liberbyte eine föderierte technische Implementierung, die es ermöglicht, die Daten kontrolliert auszutauschen. Die jeweiligen Organisationen behalten durch festgelegte Zugangsdaten und Klassifizierungen die Kontrolle darüber, wer auf welche Daten zugreifen darf und unter welchen Bedingungen.

„Das ist wie ein Haus, in dem sämtliche Daten ihren festen Platz zugewiesen bekommen, in das man nur noch kontrolliert hineingelangt und nicht mehr beliebig durch den Keller oder ein Seitenfenster“, beschreibt Salomaa, wie sein Produkt arbeitet und Daten sichert.

Mit der Matrix-Technologie habe Europa einen wichtigen ersten Schritt getan. Das offene Matrix-Protokoll ist die technische Grundlage für Liberbytes Entwicklung. Es ermöglicht eine dezentrale, föderierte Infrastruktur und damit Kommunikation zwischen verschiedenen Servern ohne Abhängigkeit von einem einzigen zentralen Anbieter. So basiert beispielsweise der Bundes Messenger inzwischen auf der Matrix Technologie.

Die Einsatzmöglichkeiten von OUDEM und bytEM reichen von Industrie-, Forschungs- und Verwaltungsdaten bis hin zu KI-Anwendungen. Bestehende Programmierschnittstellen, Datenbanken, Sensorquellen oder öffentliche Daten können über bytEM als auffindbare und wiederverwendbare Datenprodukte bereitgestellt werden. Mehrere Quellen lassen sich dabei zu neuen Datenprodukten kombinieren. Unternehmen können Produktions-, Lieferketten- oder Sen­sordaten verknüpfen, Kommunen Verkehrs-, Umwelt-, Energie- oder Flächendaten. Forschungseinrichtungen können Datenquellen organisationsübergreifend nutzbar machen. Auch kontrollierte kommerzielle Zugänge, und neue datenbasierte Dienste sind möglich.

Als technisches Pilotprojekt entwickelte Liberbyte zusammen mit dem Julius Kühn-Institut (JKI), Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, eine Datenplattform mit allen relevanten Daten zum Grundwasser, zum Beispiel über Wasserqualität und -verschmutzung, Bodenbeschaffenheit, landwirtschaft­liche Nutzung der Böden oder das Wetter.

„Solche kontrollierten Datensysteme bieten enorme Möglichkeiten zum Datenaustausch, zu schnellen Analysen und praktischer Anwendung beim Aufbau von Infrastruktur, das zeige das EU-weite Interesse an der inter­operablen, sicheren Dateninfrastruktur sowie der organisationsübergreifenden Bereitstellung von Daten. Salomaa weiter: „Unser Ziel ist es, diese Daten nicht mehr unkontrolliert und damit auch nicht mehr unvergütet, beispielsweise den großen Tech-Industrien, zur Verfügung zu stellen.“

Mithilfe von OUDEM und bytEM wurde die Plattform des JKI erfolgreich weiterentwickelt. Inzwischen arbeiten weitere Bundesinstitute mit dem neuen Programm.

Laut Salomaa bietet die sichere Verknüpfung wichtiger Daten auch im deutschen Föderalismus eine große Chance: „Wenn die Daten der einzelnen Bundesländer auch anderen Bundesländern zur Verfügung stehen, dann kann das künftig Ausgaben in Millionenhöhe einsparen“, ist er sich sicher.

Als Prototyp dafür hat Liberbyte auf seiner Homepage eine offene, aber geschützte Cities.app entwickelt, die Infrastrukturdaten sammeln soll. Erste Inhalte sind Analysen zur Trinkwasserqualität in einigen Städten

Liberbyte kam bereits vor drei Jahren in die Schlagzeilen. 2023 begleitete das Eppsteiner Start-up Unternehmen den damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck als Teil einer Wirtschaftsdelegation auf einer Reise nach Brasilien. Habeck habe erkannt, wie wichtig die Datensouveränität ist und, dass sie ein globales Thema ist, sagt Salomaa. Deshalb sei das junge Unternehmen damals eingeladen worden, um die globalen Möglichkeiten auszuloten. Jetzt sei das Produkt soweit entwickelt, „dass wir es vermarkten können“, so Salomaa. Kürzlich sind zwei europäische Investoren bei Liberbyte eingestiegen. Das sei der nächste Schritt: vom kleinen Software-Entwickler zur Markteinführung zum Anbieter umfassender Lösungen.

„Wir bleiben lokal, sind aber global vernetzt“, betont Salomaa, der mit seiner Frau und zwei Kindern in Vockenhausen wohnt und sich über die Aufmerksamkeit freut, die seine Software-Entwicklung auch im Rathaus erregt hat. Bürgermeister Alexander Simon und Wirtschaftsförderin Sibylle Yaakov waren beeindruckt, wie innovativ das Unternehmen arbeitet. Yaakov sieht nicht nur die Chancen für Unternehmen durch bessere Datennutzung, effizientere Prozessgestaltung und neue datenbasierte Angebote. Auch Kommunen könnten davon profitieren und, „wo rechtlich und fachlich sinnvoll“, so Yaakov, daraus neue Einnahmemodelle entwickeln. bpa

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