Plötzlicher Regenschauer rettet Kameliendame das Leben

Opernkarten gelten als Eintritt für eine Opern-Gala

Burgfestspiele Oper „La Traviata“.
            Foto: Julia Palmert

Burgfestspiele Oper „La Traviata“.

Foto: Julia Palmert

Wer sich zum Opernabend auf den Weg zur Burg Eppstein machte, erlebte den Wettergott als Komponisten einer dramatischen Ouvertüre aus Regen und leichtem Donnergrollen.

Mit tristem Grau aufgeblähte Wolken zogen über die Burg, die im Rahmen der Festspiele zur Kulisse für Giuseppe Verdis Opernwerk „La Traviata“ wurde.

Eppsteins ehemaliger Bürgermeister Ralf Wolter, der mit seiner Frau auch zur aktuellen Aufführung gekommen war, hatte das Ensemble Opera Classica Europa vor genau 20 Jahren in die Burgstadt geholt. Seitdem gastiert es nahezu jedes Jahr auf der Burg. 2007 stand im Rahmen einer Opern-Gala auch eine Arie aus „La Traviata“ auf dem Programm. Wetterbedingt wurde der Abend damals ins Bürgerhaus verlegt. Zwei Jahrzehnte später sollte die gesamte Oper, immer noch angefüllt von Liaison, Leidenschaft und Lebensgier, auf der Freilichtbühne gezeigt werden. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Plätze im Burghof besetzt.

„La Traviata“ heißt übersetzt „Die vom rechten Wege Abgewichene“. Heldin ist die Kurtisane Violetta Valéry, gesungen von Diana Naatz. Violetta taumelt in den Pariser Salons zwischen Tafelsilber, Männern und Affären. Für so eine Kurzbeziehung hält sie auch die Begegnung mit Alfredo Germont (Marco Antonio Rivera). Dessen zärtliche Gefühle für Violetta sind jedoch tief und ehrlich. Violetta verliebt sich, vielleicht ist Alfredo die erste Liebe ihres Lebens, vielleicht der erste Mann, der nicht nur ihren Körper begehrt, sondern auch ihre Seele. Sie schenkt Alfredo eine Kamelie. Wenn diese verblüht ist, was meist nach einem Tag geschieht, darf er sie erneut besuchen. Die feiernde Gesellschaft (Opernchormitglieder der Staatstheater Darmstadt und Wiesbaden) flutet den Salon.

Violetta, vom Rauschen der Ballkleider und vom Prickeln des Champagners müde, sehnt sich nach Alfredo und hustet. Die Gäste, unter ihnen Violettas Freunde Flora (Noriko Kaneka), Gastone de Letorières (Gaston Efficace) und der Marchese d’Obigny (Marcelo Angulo Rueda) brechen auf. Ihnen folgt Violettas derzeitiger Liebhaber Baron Douphol, gesungen von Bariton Jury Batukov, der auch beim Opernabend vor 20 Jahren schon dabei war und diesmal eine Nebenrolle übernahm.

Alfredos Vater Giorgio (Alberto Rodriguez) sieht die Familienehre in Gefahr und fordert seinen Sohn auf, Violetta den Laufpass zu geben. Alfredo lehnt das väterliche Ansinnen ab. Also verlangt Giorgio von Violetta, das Herz seines Sohnes freizugeben. Nach vielen inneren Kämpfen schreibt sie Alfredo einen Brief, den sie ihrer Zofe Annina (Frauke Link) anvertraut. Alfredo findet seine Geliebte verändert vor. Erst als sie ihm noch einmal ihre Liebe gesteht, sieht er sich beruhigt. Violetta reißt sich aus seiner Umarmung.

Nach vielen Wendungen und herzzerreißenden Szenen gibt Giorgio der Verbindung zu Violetta endlich seinen väterlichen Segen. Doch die Jugend Violettas ist verwelkt wie ihre Kamelie, aufgezehrt von der Schwindsucht. Sie stirbt in Alfredos Armen.

Im Jahr 1848 trat der französische Autor Alexandre Dumas d. J. mit der „Kameliendame“ aus dem schriftstellerischen Schatten seines Vaters, welcher seinen Weltruhm durch „Die drei Musketiere“ manifestiert hatte. Eine Anekdote in der Eppsteiner Stadtchronik ist der verbürgte Aufenthalt Dumas des Älteren 1838 auf Burg Eppstein. Das ehrwürdige Gemäuer inspirierte ihn zu einem Schauerroman, gespickt mit Liebe, Geistern und Intrigen.

Während der Verkauf von „Le Château d’Eppstein“ nur schleppend lief, eroberte „Die Kameliendame“ seines Sohnes den Buchhandel, die Nachttische oder das Reisegepäck der begeisterten Leserschaft. Aus der Biografie des französischen Bauernmädchens Marie Duplessis, das zu einer begehrten Mätresse aufstieg, auch Liebesbeziehungen zu Franz Liszt und Alexandre Dumas d. J. unterhielt, Blumen liebte wie Männer und mit 23 Jahren an Tuberkulose starb, schöpfte Dumas seine Thematik und das so erfolgreich, dass er den Romanstoff auch für die Theaterbühne bearbeitete. „Die Kameliendame“ feierte 1852 in Paris Premiere, in der Hauptrolle brillierte ab 1880 Sarah Bernhardt. Das Bühnenstück inspirierte wiederum Giuseppe Verdi 1853 zu seiner Oper „La Traviata“.

Die aktuelle Inszenierung der Opera Classica Europa stammt von Michael Vaccaro, das Orchesterensemble „Virtuosi Brunensis“ leitete Hans-Friedrich Härle.

Bereits die ersten Takte der Streicher brachten das Publikum zum Träumen und geradewegs nach Paris. Zum Bühnenbild gehörten eine samtgrüne Chaiselongue, marmorierte Stellwände, Polsterstühle, ein gemalter Hintergrund mit Ausblick auf den Eiffelturm, ein Tisch und ein Paravent. Manche Kostüme zeigten sich dagegen etwas uneinheitlich und konzeptionell wenig stringent. Historisch anmutende Kleider mit Spitze, Perlen und Tüll standen im Gegensatz zu Sakkos, Smokings und Seidenblusen. Etwas unfreiwillige Komik blieb also nicht aus, als der Tenor plötzlich im T-Shirt zum hohen C ansetzte.

Michael Vaccaros Regiearbeit verzichtete auf ausgestellte Dramatik. Sie baute vielmehr auf die Kraft dezenter Gesten, um die Intensität des Gesangs zu verstärken. Das zeigte sich vor allem in den Liebesszenen zwischen Violetta und Alfredo und in der Konfrontation Violettas mit Giorgio. Die Symbolik von Requisiten entwickelte ein Eigenleben. Goldene Becher, aus denen die Herren tranken, standen für dekadente Fülle, die Federfächer der Frauen für Verletzlichkeit. Violettas weiße Handschuhe wurden so zu zwei unsicher flatternden Tauben, wenn sie in Augenblicken der körperlichen Schwäche gestikulierte oder zu einem Accessoire für die Darstellung von Macht und Manipulation in der Männerwelt.

Diana Naatz verlieh ihrer Violetta viel stimmliche Lyrik, immer wieder schwankend zwischen verletzlicher Tiefe und kraftvoller Höhe. Als Alfredo überzeugte Marco Antonio Rivera mit klarer Stimmführung, die ganz ohne Effekthascherei auskam. Mit der Präsenz eines Sarastros und der Düsternis eines Fliegenden Holländers umgab Alberto Rodriguez seine gesangliche und körperliche Darstellung von Alfredos Vater Giorgio. Diese kam besonders in der Begegnung mit Violetta zum Tragen, wo beide um Alfredos Zuneigung rangen. Violetta tat dies mit den Waffen einer liebenden Frau und Giorgio auf dem verlorenen Posten eines liebenden Vaters, der nicht erkennen wollte, dass sein Sohn eigene Entscheidungen trifft. Manche Seitenblicke des Vaters auf die Geliebte seines Sohnes erzählten von einem unterdrückten Begehren, was der Szene Doppelbödigkeit verlieh. Die spielfreudigen Chorszenen glichen einem Wimmelbild mit vielen Charaktergesichtern.

Für die Pausenverpflegung standen in der Juchhe und im Ostzwinger die Burgschauspieler bereit. Wer es mondän mochte, trank seinen Winzersekt auf roten Polstersesseln in der Juchhe. An Biertischen im Ostzwinger stieß man mit dem hiesigen „Epp Bräu“ an. Bedenklich wurde es, als die Bierflasche Regentropfen abbekam, gefährlich, als das Brötchen mit der Rindswurst aufweichte. Daher läuteten die Veranstalter schon frühzeitig das Ende der Pause ein. Den Regen beeindruckte diese Entscheidung nicht.

Im Burghof hüllte man sich in Regenponchos. Open-Air-Erfahrene wischten ihre Stühle mit mitgebrachten Handtüchern trocken. Wer einen Regenschirm aufspannte, wurde freundlich ermahnt, ihn aus Sichtgründen wieder zu schließen. Auf der Bühne stand plötzlich eine Pfütze im Fokus der Handlung. Während das Publikum seefest auf seinen Stühlen verharrte, bereit, in den Fluten unterzugehen, sah sich Dirigent Hans-Friedrich Härle gezwungen, den Taktstock für eine Ansage zu erheben: „Wir müssen die Vorstellung leider abbrechen.“

Ohne Schlussakkord und ohne Applaus leerte sich die Burg innerhalb weniger Minuten. Stühle wurden weggestellt, Kulissen abgedeckt oder demontiert, Instrumente sicher verpackt und Künstler, die eben noch auf der Bühne wirkten, sah man nun enttäuscht in Zivil vor der Bühne stehen.

„Ich singe weiter“, beharrte Bariton Alberto Rodriguez, schüttelte einige Regentropfen von seiner Hand und machte sich entschlossen auf den Weg in die Juchhe, wo er vor zahlreich verbliebenem Publikum eine Arie schmetterte. Auch Marco Antonio Rivera ließ sich nicht lange bitten und sein „Granada“ erschallte in die Nacht. Alles gab es in diesem Augenblick: Begeisterung, Freude und geselliges Beisammensein, nur keinen Regen. Der hatte sich wie eine beleidigte Diva verabschiedet.

Diese Opernaufführung von „La Traviata“ endete auch für Intendant Michael Vaccaro abrupt. Der Künstlerische Leiter von Opera Classica hatte noch nicht einmal Zeit, um zum Publikum zu sprechen, bedankte sich aber für die Leistung aller Mitwirkenden per Handschlag und Umarmung.

Und für Sängerin Diana Naatz fühlt es sich wohl genauso an, wie wenn Alfredo am Ende des dritten Aktes seine geliebte Violetta verliert, endgültig, unwiederbringlich und plötzlich: „Mein Herz ist gebrochen“, sagte sie, als sie so unerwartet aus ihrer Rolle gerissen wurde. Auf die zahlreichen Bitten, noch eine Kostprobe in der Juchhe zu geben, antwortete sie sehr emotional, sie könne nicht mehr singen.

„Die Liebe darf nichts kosten außer das Leben“, sagte einst Regisseur Hans Neuenfels über Verdis „La Traviata“. Das lässt sich auf den verregneten Opernabend auf Burg Eppstein umdeuten: Nur in Pfützen spiegelt sich der Regenbogen. Was wäre gewesen, wenn die Aufführung planmäßig beendet worden wäre, wo doch die erste Hälfte schon so voller Magie war und halb Eppstein verzaubert hat? Es gab begeisterte Stimmen für die Ensembleleistung und kritische Stimmen hinsichtlich mangelnder Tonverstärkung und wegen des Vorstellungsabbruchs. Dennoch bleibt dieser Abend auf Burg Eppstein einer, der zwar nur halb war, aber doch ganz lange nachhallt.Uta Kindermann

Die Eppsteiner Zeitung hat nach der Opernaufführung viele E-Mails und Zuschriften erhalten von enttäuschten oder empörten Opernbesuchern. Auch Intendant Michael Vaccaro hat sich inzwischen an uns gewandt und bittet das Publikum um Entschuldigung: Er bedaure das abrupte Ende selbst zutiefst und erklärt es mit der Angst der Orchestermusiker um ihre teuren Instrumente. Deshalb hatten sie sehr schnell über den Dirigenten den Abbruch der Vorstellung verkünden lassen – ohne Absprache mit dem Intendanten der Opera Classica Europa. Er sei selbst von dieser eigenmächtigen Entscheidung überrascht worden.

Das angekündigte Unwetter ging dann allerdings in der Umgebung nieder, Eppstein blieb verschont. Im Nachhinein, so Vaccaro, bedauerten alle Beteiligten ihre vorschnelle Entscheidung. Als kleine Wiedergutmachung lädt Vaccaro alle bei der Opernaufführung Anwesenden alternativ zu einer von zwei Galakonzerten der Opera Classica Europa ein: „Italienische Opernnacht“ Open Air am 15. August auf Burg Lindenfels, in Lindenfels im Odenwald oder „Italienische Opernnacht“ Open Air am 30. August im Schlosshof von Schloss Schönborn, Im Herrngarten 1 in Heusenstamm. Die betroffenen Eppsteiner Besucher benötigen als Nachweis für den freien Einlass lediglich ihr Ticket für die Opernaufführung der Burgfestspiele. EZ

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