Mit Klaviertasten eine Welt zum Klingen bringen

Christoph Soldan, Pianist und Rezitator, eröffnete das Klavierfest virtuos mit Schumanns „Papillons“.Foto: Julia Palmert

Christoph Soldan, Pianist und Rezitator, eröffnete das Klavierfest virtuos mit Schumanns „Papillons“.Foto: Julia Palmert

Das 16. Eppsteiner Klavierfest möchte in diesem Jahr neue Welten entdecken. Es begann mit einer Schmetterlingsjagd im romantischen Wald bei den „Papillons“ von Robert Schumann (1810 - 1856), 1829 auf seiner Italienreise skizziert und 1830 in Heidelberg vollendet.

Oder mit Werken vergessener Komponistinnen. Erster Höhepunkt der musikalischen Reise: Armenien.

Wussten Sie, dass das kleine Land am Kaukasus der erste christliche Staat der Welt war? Dass eine der ersten Übersetzungen der Bibel die ins Armenische war (900 Jahre vor Martin Luther)? Dass das Land mit knapp 3 Millionen Einwohnern ein eigenes Alphabet besitzt? Und eine eigene Musik!

Weltberühmt wurde nur ein armenischer Komponist: Aram Chatschaturjan (1903 - 1978). Ein Zeit- und Leidensgenosse Dimitrij Schostakowitschs, der in der früheren Sowjetunion zu Ruhm kam, aber auch der Willkür des Stalin-Regimes ausgesetzt war. Chatschaturjans mitreißender „Säbeltanz“ rasselte erfolgreich durch alle Klassik-Hitparaden dieser Welt.

Das Calliope-Duo, Artashes Stamboltsyan an der Violine sowie Sarah Stamboltsyan am Klavier, trat schon früher in der Talkirche auf. Das armenische Ehepaar beherrschte nicht nur Instrument und Noten, sondern moderierte gekonnt mit Erklärungen und mit Bildern ihrer Heimat auf einer großen Leinwand durch den Abend.

Die Namen der meisten Komponisten sagen uns nichts. Doch wer Evergreens wie Sergej Rachmaninows zuckrige Vocalise mag, dem würde auch diejenige von Arno Babadjanyan (1921 - 1983) gefallen.

Oder die dramatische Rhapsody h-Moll von Eduard Baghdsaryan (1922 - 1987). Das ist gute Musik, herb-süß, orientalisch angehaucht und mit Seele. Man sieht dieses ferne Land mit schneebedeckten Viertausendern, grandiosen grünen Tälern und weiten Steppen förmlich durch die Musik schimmern.

Oder wie Pfarrerin Heike Schuffenhauer es formulierte: „Billiger können Sie nicht nach Armenien reisen!“

Leider blieben im ersten Teil des Klavierfestes viele Plätze in der Talkirche leer. Auch als die junge dänische Pianistin Elisabeth Nielsen mit ihrem Programm von skandinavischen und ukrainischen Komponisten förmlich die Sterne vom Himmel spielte. Ja, auch ernste Musik aus dem 21. Jahrhundert, wie die von Victoria Vita Poleva, kann richtig spannend und überwältigend sein, ohne abschreckend zu klingen!

Klavierkunst vom Feinsten brachte der Franzose Pierre-Laurent Boucharlat in die Talkirche mit Beethovens „Hammerklaviersonate“ Nr. 29 B-Dur, op. 106, und bekam stehend Applaus von den begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörern am Pfingstmontagabend. Die Originalangaben zum Tempo gaben dem Werk Beethovens das Etikett „unspielbar!“. Boucharlat meisterte es auf dem 2,75 Meter langen Ritmüller-Flügel mit viel Gefühl.

Das Ehepaar Meisemann aus Brem­thal hat alle fünf Konzerte des ersten Teils besucht: „Welch wunderbare Musik, und so nah“, schwärmte Eva-Maria Meisemann über das Internationale Klavierfest Eppstein.

Der musikalischen Leiterin Anna Victoria Tyshayeva ist nur zu wünschen, dass der zweite Teil des Klavierfests vom 28. bis 31. Mai bei mehr Zuhörern Reisefieber weckt.

Bereits der Beginn am Donnerstag um 18 Uhr mit dem Klavier-Duo Carles Lama und Sofia Cabruja hat es in sich: Lieder von Franz Schubert (1797 - 1828) sowie Johannes Brahms (1833 - 1897), der höllische „Danse Macabre“ von Camille Saint-Saëns (1835 - 1921) oder die Bearbeitung für zwei Pianisten aus „El Amor Brujo“ des spanischen Impressionisten Manuel de Falla (1876 - 1946).

Am Freitag um 18 Uhr dann eine ungewöhnliche Kombination mit Flöte (Sacha de Ritis) und Klavier (Michela de Amicis) und Musik von Telemann bis Mozart und Donizetti.

Das italienische Trio di Genova ist ständig auf der Suche nach Entdeckungen. Auf dem Programm am Samsag um 18 Uhr stehen Komponisten wie Nino Rota (1911 - 1979), dessen Namen die wenigsten kennen, obwohl seine Musik fast jeder schon gehört hat. Der Italiener schrieb legendäre Filmmusik, für den Mafia-Klassiker „Der Pate“, für Fellini-Werke wie „La Strada“ und „Casanova“ oder auch für den Kino-Krimi „Tod auf dem Nil“.

Und das Klavierfest geht natürlich auch in diesem Sommer nicht zu Ende ohne große Namen der Musikgeschichte: Bach, Brahms, Mendelsson und Schumann sind bei Meister-Geiger Michel Gershwin und Pianistin Anna Victoria Tyshayeva in besten Händen beim Abschlusskonzert in der Talkirche am Sonntag um 18 Uhr. – Gute Reise!

Roland Palmert/Julia Palmert

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