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Fake News im Barockgewand

Horribilis Huckevoll überzeugt schließlich auch Selenens Mutter Martha.     Foto: Frerichs-Gundt

 

„Heiliger Ägidius mach, dass ich net lache’ muss“, empörte sich die fliegende Händlerin Madame Knorz, alias Ulrike Kinbach am vergangenen Freitag auf der Bühne von Burg Eppstein. Das Publikum hingegen hatte jede Menge zu Lachen bei der Komödie Horribilis von Huckevoll, die vom Barock am Main Theater aufgeführt wurde. Rainer Dachselt hatte das Stück in hessischer Mundart und nach Motiven des deutschen Barockdichters Andreas Gryphius geschrieben. 

Die Besucher waren hingerissen. Der ehemalige Eppsteiner Klaus Ries war von dem Stück und den Schauspielern begeistert. Besonders gefiel ihm die Spontanität von Hauptdarsteller Michael Quast, der als Horribilis charmant die Soufleuse als „holde Maid“ ins Stück mit einbezog, wenn Texthänger es erforderten. „Fragt ihr euch, wofür racker’ ich mich ab, um dann hier uff Plastikstühl’ zu sitze’ und zuzugucke’, wie dick geschminkte Leut ihr’n Text vergesse’ tun?“, flocht er in seine Rede ein. Gehörte die Passage zum Stück oder war es Spontantheater von Quast? „Daran merkt man den Profi“, war Zuschauerin Heidi Christmann überzeugt. 

Die Geschichte spielt in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, aber die verführende Wirkung von Lügen und Aufschneiderei ist in Zeiten von „Fake-News“ sehr aktuell. Der eitle Capitano Haudruff Horribilis von Huckevoll, Herr zu Blitzen und Erbsass auf Ehrenbreitmaul, zieht in Frankfurt ein. Er will Hauptmann der Stadt werden und die schöne Selene Fleischbein (Pirkko Cremer) als Frau gewinnen. Das Herz seiner Angebeteten liegt ihm zu Füßen. Sie ist beeindruckt von Horribilis’ Erzählungen von seinen unglaublichen Heldentaten. Gegen solch einen Siegertypen hat ihr weiterer Verehrer, der Tuchhändler Huldreich Pfennig (Dominic Betz) keine Chancen. Seine Komplimente prallen an ihrem verächtlichen Ruf „Der Teufel hol’ die Kaufmannspoesie“ ab.  

 

Von Lüge und Leidenschaft

Selenens Mutter Martha (Katerina Zemankova) sieht hingegen die Werbung des vermögenden Tuchhändlers pragmatischer, schließlich ist die Familie pleite. Auch der dritte Verehrer Magister Scherbius (Philipp Hunscha) hat „ebbes gespart“. Der ältliche Lateinlehrer Scherbius packt sein Verlangen in leidenschaftliche Verse, welche die Geschäftsfrau Madame Knorz der angebeteten Selene überbringen soll. Durch unglückliche Umstände werden die Gedichte des gelehrten Magisters mit denen von Horribilis vertauscht. Der skrupellose Horribilis nutzt die Gunst der Stunde und schmückt sich mit fremden Federn.

Auch die tapferen Taten des Tuchhändlers weiß er geschickt in eigenes Heldentum umzumünzen. Er handelt frei nach seinem Motto: „was du nicht willst, das man dir tu, das füge flugs den andern zu“. Nur die lebenserfahrene Madame Knorz hat den „Strunzer“ durchschaut und versucht ihn mit Hilfe des Tuchhändlers zu entlarven. Gemeinsam spielen sie das Muh-Kalb, das die Stadt bedroht. Horribilis soll diese Gefahr abwenden, doch vor dem furchterregenden Tier ergreift er die Flucht.

Als das Duo ihn vor Publikum mit seiner Blamage konfrontiert, verdreht er mit Unterstützung seines Adjutanten Kuddel (Matthias Scheuring) flugs die Fakten: „Wir fliehen nicht, des is’ nur eine Kriegslist“. Der Blender wirft sich in die Brust und hält eine Rede. Das Volk jubelt, der Frankfurter Ratsherr von Uffenbach (Alexander J. Beck) übergibt Horribilis als neuem Stadthauptmann den Schlüssel, Selene ist hingerissen und Mutter Martha Fleischbein stimmt der Hochzeit zu. Madame Knorz versteht die Welt nicht mehr. „Die Lügen leuchten hell, die Wahrheit ist nur eine Funzel“, klagt sie.

Doch sie gibt nicht auf und motiviert den jungen Tuchhändler Pfennig, als schwedischer Feldherr verkleidet die Herausgabe des Stadtschlüssels zu verlangen. Der neugekürte Hauptmann übergibt kampflos den Schlüssel, woraufhin sich der „Schwede“ als Tuchhändler Pfennig zu erkennen gibt. Nun hat es auch der letzte Anhänger von Horribilis begriffen, wes Geistes Kind der angebliche Recke ist.

„Horribilis der siegt. Wer etwas anderes sagt, der lügt“, beschwichtigt Capitano Haudruff Horribilis von Huckevoll, doch am Ende schaut er mit leeren Händen auf das Glück der anderen. Der Tuchhändler Pfennig hat das Herz von Selene erobert. Ihre Mutter findet Gefallen an Magister Scherbius, Madame Knorz zieht mit Kuddel weiter.ffg

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